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Reisen

Belfast hat das Beste aus zwei Welten

Von Gary Sperrer 25. Oktober 2019 00:04 Uhr

Belfast hat das Beste aus zwei Welten
An den Abenden füllt sich Belfasts Innenstadt mit fröhlichen, feiernden, meist jungen Leuten.

Nordirlands Hauptstadt ist eine Überraschungspackung: Belfast ist irisch, aber gleichzeitig auch britisch und in Wirklichkeit weder ganz das eine noch das andere, sondern ein Gemenge der liebenswürdigsten Charaktermerkmale zweier unterschiedlicher Lebensauffassungen.

Es mutet ein wenig seltsam an, dass die "Grüne Insel" in zwei Teile zergliedert ist: in die Republik Irland und das zum Vereinigten Königreich gehörende Nordirland. Was einem einfällt, sind die "Troubles", wie dort der über viele Jahrzehnte mit Feuerwaffen, Anschlägen und unzähligen Toten verbundene, einstige Nordirlandkonflikt genannt wird – ein im zivilisierten Europa ausgetragener Bürgerkrieg zwischen katholischen Unionisten und protestantischen Loyalisten. Etwas, das im Europa des 21. Jahrhunderts keinen Platz haben darf und aktuell auch nicht mehr hat. Nordirland und konkret seine Hauptstadt Belfast sind anders geworden seit dem 1998 geschlossenen Karfreitagsabkommen. Brexit hin oder her: Es herrscht äußerer und zum größten Teil auch innerer Frieden. Was war, das war einmal. Es kann nicht vergessen werden, doch das heutige Belfast ist vergleichbar mit Wien, Berlin und anderen Städten, die kriegsgeprüft waren, aber aus Asche und Schutt zu neuem Leben fanden. Belfast ist modern, fröhlich, aufgeschlossen. Es ist einerseits irisch, andererseits britisch gemustert. In Summe vereint es die schönsten Eigenschaften von beiden Lebensanschauungen. "God Save the Queen" und ein seit mehr als 20 Jahren wieder aufsprießendes grünes, irisches Kleeblatt, das für Hoffnung und Lebensfreude steht.

Belfast. Manche erinnern sich an den gleichnamigen Hit der Gruppe Boney M. aus dem Jahr 1977, in dessen sehr sparsamem Text es um die Stadt verlassende Kinder ging. Was den allergrößten Teil der Stadt verlassen hat, ist eine schreckliche Vergangenheit, die nie mehr wieder Gegenwart oder gar Zukunft werden möge. Schauen wir uns Belfast näher an. Es entpuppt sich als Überraschungspackung – in absolut positivem Sinne.

Das Gefühl, irgendwie heimisch zu sein

Billy Scott nimmt uns mit auf eine Tour in seinem Black Taxi. Diese hier übliche und populäre Art der Fremdenführung ist so ziemlich die eindrücklichste, der man sich verschreiben kann. Der Fahrer, zugleich wandelndes Lexikon und keineswegs einer der seinerzeit zwei Fronten zugetanen Einheimischen, ein Mann mit sensationellem Witz und dem typischen Belfaster Akzent, nimmt die Neugierigen mit auf eine Zeitreise, die wichtig ist, um das aktuelle Geschehen zu verstehen. Er erzählt und erzählt und erzählt. Unglaublich spannend. Und das Beste daran: Plötzlich fühlt man sich in der Stadt irgendwie heimisch.

Billy nennt die vielen prominenten Menschen, die von hier stammen. Musikaffine kennen den leider bereits verstorbenen Gitarristen Gary Moore oder den ikonischen und immer noch aktiven Van Morrison. Literaturfreunden schlägt bei C. S. Lewis das Herz höher, der Flughafen von Belfast wurde nach dem legendären Fußballer George Best (1946–2005) benannt. John Watson ist Formel-1-Fans als damaliger Kontrahent von Niki Lauda ein Begriff. Auch Charlie Chaplins Enkelin Kiera Chaplin, bekannt als Model und Schauspielerin, wurde hier geboren. Was noch? Laut Billy habe ein Mann namens Hans Sloane in Belfast die Milchschokolade erfunden, ein gewisser John Boyd Dunlop den ersten luftgefüllten Reifen. Dazu kommen Sodawasser, Klimaanlage und Ginger Ale. Alles Dinge, die aus Belfast stammen und ohne die die Welt nicht wirklich glücklich wäre.

Doch was macht die nordirische Hauptstadt, in der samt ihren Vororten rund 360.000 Menschen leben, so besonders? Es ist das spezielle, erspürbare Flair. Aufmerksame Reisende kennen das: Man kommt irgendwo hin und fühlt sich entweder wohl oder eben gar nicht. Hier ist es so: Man spaziert durch die Stadt und hat das gute Gefühl, sicher und willkommen zu sein. Es ist irische Gastfreundschaft gepaart mit britischem, zum Teil sogar altbritischem, viktorianischem Gefühl. Spürbar und vor allem erlebbar.

Konkretes Beispiel: die Crown Bar in der Belfaster Innenstadt. Das Haus war einst und ist es noch – ein Gin-Palast, in dem aktuell 40 verschiedene Sorten dieser Wacholderbeer-Köstlichkeit angeboten werden. Tipp: Hineingehen, falls möglich in einem der zehn separierten "Kobeln" Platz nehmen und den (nikotinfreien) Dunst der royalen Historie aufsaugen. Dazu die Deckenbeleuchtung beäugen, denn sie besteht zum Teil aus Gaslicht samt den dazugehörenden Glühstrümpfen. Der Plafond wiederum ist aus Pappmaché. Berechtigte Frage: Ist das aufgrund der Brennbarkeit nicht ungeheuer gefährlich? Antwort: ja. Aber die Leute dort haben das irgendwie im Griff. In Österreich wäre das nicht erlaubt. Möglicherweise ist Derartiges auch der tatsächliche Grund für den angestrebten Brexit. Aussehen tut’s jedenfalls sehr schön.

Sawers – so heißt das Delikatessengeschäft schlechthin in Belfast. Fast vergleichbar vom Angebot mit dem Meinl am Graben in Wien, allerdings nicht von der Größe. Das Geschäft ist mini. Es gibt hier Waren, die gibt’s eigentlich gar nicht. Na gut, Leberkässemmeln und Maurerforellen werden nicht feilgeboten – aber jede Menge Schleckereien, seltene und seltsame Konservenprodukte aus Ländern, die man

im Atlas nur als Geographie-Professor findet, außerdem Kaffee- und Teesorten aus Zeiten der East India Company. "Wenn du es bei Sawers nicht findest, findest du es nirgendwo", lautet der Spruch des Hauses. Bei der Frage nach einer Gmundner Gruber-Scharfen meinte der Geschäftsführer allerdings: "Sorry, no."

Billy bringt uns zum St. George‘s Market, einem seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bestehenden Ort, wo unter Dach die feinsten Dinge verkauft werden. Wer den Linzer Südbahnhofmarkt kennt, kann den Vergleich dazu ziehen, was einen hier erwartet: gute, naturbelassene und regional erzeugte Waren von Gemüse über Fleisch bis hin zu örtlichen Spezialitäten. Das Besondere daran ist wieder einmal das Flair. Hier sind wir beim wahrhaft britischen "Behaviour": Niemand drängelt, keiner schwindelt sich nach vorn in den oft langen Reihen bei den besonders begehrten Verkäufern. Und das, was verkauft wird, ist genuine nordirische und ausgesprochen gute Ware. Marktgeher sind hier bestens aufgehoben.

Belfast hat das Beste aus zwei Welten
Belfast Castle im Norden der Stadt – wunderschön und zu besichtigen.

Belfast Castle ist ein weiterer Stopp. Ein Schloss im Norden der Stadt, ein Museum eigentlich. Der Blick von dieser etwas erhöhten Position auf Belfast ist besonders. Hier herrschen Ruhe und die typisch irische Zufriedenheit. Es ist einfach schön hier. Der Garten, das Schloss, die Abgeschiedenheit. Sind wir in Irland, sind wir in Großbritannien? Egal. Wir sind überall.

Es geht zurück hinunter in die Stadt und dorthin, wo einst die "Troubles", der bereits erwähnte Wirbel, die Morde, die Toten, die Mauer und die vielen Vorfälle vor allem in den 1960ern bis hin in die 1990er viele Tränen und leider noch mehr Hass auslösten. Katholiken auf der irisch-unionistischen Seite, Protestanten auf der loyalistischen, der britischen Krone zugewandten Seite bekämpften sich bekanntermaßen nicht bloß mit Worten, sondern hauptsächlich mit Waffen. Es war schlimm. Je näher an der Grenze, an der Wand, desto ärger. Diese Wand gibt es als Mahnmal heute noch. Sie steht für eine Zeit, die nun vorbei sein sollte. Wandert man ihr heute entlang, entsteht ein Gefühl von Unruhe, Trauer und Sorge. Was mag die Zukunft bringen? Die alten, bösen Dämonen sind aber fast ausgemerzt.

Die Nordiren sind kluge Leute. Sie werden das, was war, nicht noch einmal geschehen lassen. Und so geht die Reise weiter zu einem der tollsten Museen, die es in Europa gibt: dem Titanic Belfast.

Das angeblich unsinkbare, in den Werften von Belfast gebaute Schiff ging bekanntermaßen im April 1912 nach einer Eisbergkollision tatsächlich unter. Das Museum zeigt die Historie dahinter. Einen vollen Tag sollte man sich dafür Zeit nehmen und aufsaugen, wie und warum Belfast einen großen Beitrag zur Seefahrt bis weit ins 20. Jahrhundert hinein leistete.

Die Stadt ist sensationell frisch und jung, der herrschende Geist darin ist ein guter. Möge das, was in der Zukunft mit Nordirland passiert, die Frische belassen. Belfast ist eine Reise wert. Das wunderschöne Umland übrigens auch.

Drei Tipps für eine Reise nach Belfast

  • Belfast City Centre Taxi Tour: Am besten mit Billy Scott (touringaroundbelfast.com, E-Mail: billyscott12@hotmail.co.uk): Dabei erleben die Fahrgäste im Black Taxi bei einer Zeitreise von Vergangenheit über Gegenwart bis in die hoffnungsfrohe Zukunft alles Wissenswerte über Belfast. Glanzlichter: Belfast Castle und The Wall.
  • The Crumlin Road Gaol (Bild): Nicht bloß „Häfn“, sondern ein Zeitzeugnis. Empfehlenswert! www.crumlinroadgaol.com
  • Titanic Belfast: Dieses außergewöhnliche Museum umfasst ebenfalls eine Zeitreise – von der ersten Zeit Belfasts als Metropole der Leinenerzeugung bis hin zur Werfthauptstadt. Hier wurden die Titanic und ihre Schwesterschiffe gebaut. Das Museum erzählt von einer der größten zivilen Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Die Schau ist lebendig, spannend und zutiefst berührend gestaltet. www.titanicbelfast.com

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Gary Sperrer

Lokalredakteur Salzkammergut

Gary Sperrer
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