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Reisen

Beidseits des Sankt-Lorenz-Stroms

Von Gerhard D. Oberzill   18. Januar 2020 00:04 Uhr

Beidseits des Sankt-Lorenz-Stroms
Blickfang und Nobelherberge: das Château Frontenac in Québec

Die ostkanadische Provinz Québec, die größte des Landes, wird zu vier Fünftel von Nachfahren französischer Einwanderer bewohnt, die ihr kulturelles Erbe engagiert hochhalten.

Beherrschend thront das Château Frontenac über der frankokanadischen Stadt Québec. Vor 135 Jahren von der Canadian Pacific Railway gebaut, ist es längst zu einem Wahrzeichen geworden. Aber das Schloss war und ist keine Adelsresidenz, sondern ein Hotel. Mehr als 600 Zimmer enthält es, dazu etliche Suiten. Und obwohl die Luxusherberge für eine betuchte Klientel gedacht ist, darf auch das Fußvolk einen Blick auf die Reichen und Schönen darin werfen. Die Lobby steht jedem offen, und für einen Obolus finden sogar Führungen durch die prunkvollen Hallen statt: Quirlig wieselt der Guide herum, ein schwarz gekleidetes Männchen mit Zylinder, und erzählt Episoden aus der Geschichte des Hauses, unter anderem, wer aller schon da schlief und tagte. So wurde etwa bei einem Meeting 1943 die alliierte Landung in der Normandie geplant. Viel später wiederum erholte sich hier Ex-Präsident Nixon von Watergate.

An der Flussseite der noblen Bettenburg erstreckt sich die Dufferin-Terrasse, eine holzlattenbelegte Promenade, die sowohl auf das historistische Märchenschloss als auch auf den Sankt-Lorenz-Strom eine prachtvolle Sicht eröffnet. Hier zu lustwandeln ist für die Besucher Muss und Genuss zugleich. Zuhauf strömen sie aus den am Flussufer ankernden Kreuzfahrtschiffen, um von der Unterstadt per Funiculaire, der altehrwürdigen Standseilbahn, zum einstigen Waffenplatz hochgeschoben zu werden. Unternehmungslustige Touristen klettern weiter bis zur Citadelle, die von rotberockten Gardesoldaten mit falschen Bärenfellmützen bewacht wird. Für einen unfallfreien Aufenthalt ist gesorgt: Das Frontenac verwehrt keinem Bedrängten die kostenlose Nutzung der hoteleigenen Sanitäranlagen. Das ist kanadische Gastfreundschaft at its best!

Von der Stadt aufs Land …

… oder konkreter: von Québec City in die gleichnamige Provinz, die mit anderthalb Millionen Quadratkilometern Kanadas größte ist; Oberösterreich hätte darin 125-mal Platz. Den überwiegenden Teil des riesigen Territoriums nimmt allerdings die unwirtliche Labrador-Halbinsel nördlich des Sankt-Lorenz-Stroms ein, die (sehr spärlich) von Angehörigen der First Nations und von Inuit besiedelt wird, also indigenen Völkern, die in den alten Geschichtsbüchern noch als "Indianer" und "Eskimos" aufscheinen. Ein unwegsames Gebiet, das von borealem (nördlichem) Nadelwald und Tundra (Kältesteppe) bedeckt und somit eine klimatisch eher raue Ferienregion ist.

Hurtig geht es ans andere Ufer des Fleuve St-Laurent, auf dem schon die Pelzhändler der Pionierzeit ihre kostbare Fracht Richtung Europa verschifften. Immer breiter wird das Ästuar, die lang gezogene Trichtermündung, in der sich Süß- und Salzwasser mischen, bis der Fluss schließlich im Atlantischen Ozean aufgeht. Wenn freilich die Fähre von Les Escoumins für die Überquerung des "kanadischen Ol’ Man River" eineinhalb Stunden braucht, bevor sie ihre Passagiere im gegenüberliegenden Trois-Pistoles ausladen kann, liegt das weniger an der Mächtigkeit des Stroms als vielmehr am ehrwürdigen Alter des Dampfers, der schon in "African Queen" mitgespielt haben könnte, einem Kultfilm der 1950er-Jahre.

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Ein überlebensgroßer Gipshummer verweist auf die Spezialität der Region.

"Je me souviens" steht auf den Nummerntafeln sämtlicher in Québec zugelassenen Autos, "ich erinnere mich". Es ist das Motto der frankokanadischen Provinz, doch woran erinnern sich die Québécois so demonstrativ? Ist nicht eher gemeint, "wir werden nie vergessen"? Unsere Herkunft, unsere Traditionen, unsere französische Sprache, unsere römisch-katholisch geprägte Kultur? Und, uneingestanden, das Schmerzlichste: unsere Niederlagen gegen die Briten, nachdem wir das Land anderthalb Jahrhunderte lang als Erste kolonisiert hatten? Da bricht er wieder auf, der Gegensatz zwischen der – auf ganz Kanada bezogen – englischsprachigen Bevölkerungsmehrheit und der frankofonen Minorität, die in Québec freilich vier Fünftel der Einwohner stellt. Separatisten initiierten bereits zwei Volksabstimmungen, allerdings erfolglos. Immerhin ging die letzte, 1995, ähnlich knapp aus wie weiland das Zwentendorf-Plebiszit: Die Gegner einer Unabhängigkeit Québecs gewannen mit nur einem Prozentpunkt Vorsprung.

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Der Felsen von Percé markiert das Ende der Gaspé-Halbinsel.

Auch die Gaspé-Halbinsel südlich des Sankt-Lorenz-Stroms gehört dazu, genauer: zu Québec Maritime. Ein gewaltiger Kalkstein-Monolith, der berühmte Felsen von Percé, markiert das östliche Ende der "péninsule". Im Ort selbst verweist ein überlebensgroßer Hummer auf die Spezialität der Region, die in küstennahen Körben gezüchtet wird. Abwehrend hebt der gipserne Zehnfußkrebs seine Scheren, doch vergebens, zum Diner landet

auf fast jedem Besucherteller einer seiner Artgenossen. Hilfreiche Einheimische zeigen den unerfahrenen Landratten, wie man einem "homard" zu Leibe rückt. Dass Hummerzucht gelegentlich aber auch gefährlich sein kann, behauptet eine Karikatur an einem Boot, in der ein Krustentier rachsüchtig auf einen Fischer schießt.

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Felsen, die an Blumentöpfe erinnern, an New Brunswicks Südküste

Bei den frühen Siedlern

Fröhlich flattert vor fast jedem Anwesen die französische Fahne. Nur, dass im blauen Feld zusätzlich ein goldener Stern prangt. Auch Hauswände und Gartenmöbel sind häufig trikolor angepinselt. Es sind Akadier, die hier in der Provinz Neu-Braunschweig buchstäblich Flagge zeigen, Nachkommen der ersten französischen Einwanderer. Ihr Name entstammt wohl einer indigenen Sprache, mit den mythischen Gefilden des antiken Hellas hat er kaum etwas zu tun. Acadie, so nannte jedenfalls die Grande Nation ihre erste Kolonie in Nouvelle France.

Freilichtmuseen wie das Village Historique Acadien bei Caraquet lassen das entbehrungsreiche Leben der frühen Siedler wieder auferstehen. Da sitzt eine Oma in damaliger Tracht am Spinnrad, in der Werkstatt des Schmieds raucht und zischt es, ein Müller regelt eben die Wasserzufuhr zu seinem knarrenden Mühlrad, und zwischen den Objekten spielt ein Pferdefuhrwerk Öffi.

Im Süden von New Brunswick ragen am Hopewell Cape "flower pots", also Blumentöpfe, aus der Bay of Fundy. Besonders Fantasiebegabte sehen in den bewachsenen Felsen küssende Köpfe und andere Figuren. Je nach Gezeitenstand kann man zwischen den bizarren Erosionsgebilden paddeln oder spazieren. Aber Achtung! Manch einer blieb schon im Schlamm der zurückgewichenen Flut stecken und musste barfuß heimgehen. Zu Kanadas Atlantikprovinzen gehört auch Nova Scotia, das steirisch auszusprechen ist: "skouscha". Und erwartungsgemäß begegnen einem in Neu-Schottlands Hauptstadt Halifax Kilt und Dudelsack, vor allem bei der auf der Zitadelle stündlich zelebrierten Wachablöse. Mit entwaffnender Offenheit bekennt der "Kommandant", dass seine Truppe nicht aus Soldaten, sondern aus kostümierten Studenten besteht. Doch bevor sie in den Ferien in einem Fast-Food-Restaurant Hamburger verkaufen, "dienen" sie lieber hier. Auch wenn der Name des Fleischlaberlbraters noch so schottisch mit "Mc" beginnt …

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Wachablöse in der Zitadelle von Halifax, der Hauptstadt von Nova Scotia

Reiseinformationen

Kanada ist mit 10 Millionen Quadratkilometern nach Russland der flächenmäßig größte Staat der Erde, und hierin wiederum umfasst die Provinz Québec anderthalb Millionen. Hauptstadt von Québec ist Québec mit einer halben Million Einwohner. Die größte Stadt der Provinz ist Montreal, der „königliche Berg“ (knapp 2 Millionen Einwohner).

Montreal wird von der AUA im Winter fünfmal wöchentlich angeflogen. Wahrzeichen der Stadt ist neben dem namensgebenden Mont Real die stimmungsvolle neugotische Basilika Notre-Dame, die unbedingt einen Besuch lohnt.

Leihwagen: Das Bereisen von Ostkanada mit einem Leihwagen ist problemlos, doch sollte man sich der Entfernungen und der Geschwindigkeitsbeschränkungen (selbst auf Autobahnen 80 bis max. 110 km/h) bewusst sein und keine zu langen Etappen planen. sunnycars.at

Veranstalter: StudienErlebnisReisen, www.kneissltouristik.at

Unterkunft: das „Hotel der Hotels“ – Château Frontenac, www.fairmont.de/frontenac-quebec

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