Lade Inhalte...

"Ausgebootet" auf Helgoland

Von Manfred Lädtke   05.Juni 2021

"Ausgebootet" auf Helgoland
Seehunde und Kegelrobben sind gern fotografierte Hingucker auf Helgoland.

Fanny Girl" ist in Tanzlaune. Auf der Fahrt von Büsum nach Helgoland rockt das Motorschiff die aufgewühlte Nordsee. An Deck halten Passagiere Spucktüten parat, andere versuchen mit einem beherzten Sprung der spritzenden Gischt zu entkommen. Nach zweieinhalb Stunden gibt der Klabautermann Ruhe. Helgoland in Sicht! Endlich schaukelt "Fanny Girl" im ruhigen Gewässer, da nähern sich vom Hafenkai auch schon offene Boote. Begleitet von Hunderten kreischenden Möwen schippern Börteboote seit fast 200 Jahren Touristen zur Landungsbrücke. Weil das Linienschiff nicht im Inselhafen ankern darf, werden Besucher "ausgebootet", das heißt, zum Festland gebracht.

Dort wartet Gästeführerin Iris Schneider. "Riecht ihr was?" Nur Meer und Salz. Kein Motorenlärm, keine Abgase auf der auto- und coronafreien Insel. Ein salziges, staubfreies Lüftchen weht auf dem 4,2 Quadratkilometer kleinen Nordseeflecken in der Deutschen Bucht. Und beim Durchfluten der Lunge mit reiner Seeluft bietet das weitläufige Inselchen auch reichlich Platz, Abstand zu halten. Der Fußmarsch vom "Unterland" in die zweite Inseletage zum "Oberland" führt über einen Fahrstuhl – oder eine zickzackförmige Treppe.

"Ausgebootet" auf Helgoland
Klippenrandweg: ein drei Kilometer langer Rundparcours

Ausflug in die Vergangenheit

Als es Lift und Elektrokarren noch nicht gab, mussten die Bewohner sämtliche Lasten mit Muskelkraft ins Oberland schleppen. Wer heute "unbelastet" zur Aussichtspromenade hinaufsteigt, blickt über eine Wasserstraße auf ein abgetrenntes Düneneiland. Eine Sturmflut riss Helgoland 1720 in zwei Teile. Strategische Überlegungen an das Nordseeidyll planerisch Hand anzulegen, entwickelten in den 1930er-Jahren die Nationalsozialisten. Das Projekt "Hummerschere" scheiterte zwar, zog am Ende des Zweiten Weltkriegs aber die totale Zerstörung Helgolands nach sich. Im April 1945 bombardierten fast 1000 Flugzeuge der britischen Luftwaffe militärische Anlagen und legten die Insel mit der Operation "Big Bang" in Schutt und Asche. Nach der Evakuierung nutzten die Briten Helgoland als Übungsziel für Bombenabwürfe. Erst 1952 gaben sie die verwüstete Insel frei, die Insulaner durften zurückkehren.

Bunker und gewaltige Krater lassen Besucher 76 Jahre nach Kriegsende immer noch in einen finsteren Abgrund schauen. Ilse Töpfer ist eigentlich Requisiteurin, hat sich aber entschieden, Touristen die Reize ihrer Wahlheimat zu zeigen. Rund 1270 Menschen, zahlreiche Kegelrobben und mehr als 400 Vogelarten teilen sich die Insel. Eissturmvogel, die Trottellumme oder Basstölpel haben in den sturmumtosten Wänden der Felseninsel ihr Brutquartier. Vogelbeobachtern bietet sich von Frühjahr bis Herbst eine Open-Air-Show mit Meerblick.

"Ausgebootet" auf Helgoland
Die 40 Hummerbuden sind ein Wahrzeichen der Insel.

Auf der "Langen Anna"

Der Rundgang auf dem Klippenrandweg ist der direkte Weg in ein Naturparadies mitten im Wasser. "Ein Paradies mit von Menschen verursachten Schönheitsfehlern", relativiert Ilse Töpfer an der Nordwestspitze vor der "Langen Anna". Tausende schnatternde Vögel tummeln sich auf dem 47 Meter aus dem Meer ragenden Naturdenkmal der deutschen Nordsee und auf dem nahen, schroffen Lummenfelsen. Gar nicht tölpelhaft stoßen Basstölpel von den rostroten Felswänden hinab ins Meer. Auf ihrer Jagd nach Hering und Makrele erreichen die Luftakrobaten bis zu 100 km/h. Auch die Trottellumme führt ihren Namen ad absurdum, wenn sie auf dem Wasser pfeilschnell nach kleinen Fischen taucht. Und was leuchtet da rot, gelb und blau in den Felsspalten? Nester mit Plastik! Ihre Kinderstuben bauen die Basstölpel auch mit Müll und Kunststoffen, die sie in der Nordsee finden. Oft verschlucken sich die Eltern an dem Unrat, sterben elendig und können ihre Küken nicht mehr ernähren, weiß Iris Töpfer.

Ein letzter Blick zu flatternden Austernfischern und Dreizehenmöwen, dann geht es von der Unterstadt mit der Dünenfähre nach "Robbenland". Himmlische Stille. Nur manchmal ist vom benachbarten Flugplatz das Brummen des Küstenfliegers zu hören. Am Nordstrand fläzen massige Flossenfüßer gemächlich in der Sonne. Auch hier gilt: Abstand halten. Mindestens 30 Meter, mahnt eine Rangerin. Kegelrobben könnten nicht nur kräftig zubeißen, sie hätten auch eine infektiöse Maulflora. Wenn ab November die Babyrobben zur Welt kommen, würden uneinsichtige Besucher leider allzu oft dem Nachwuchs mit Kameras auf den weißen Pelz rücken, bedauert die Rangerin.

Einem anderen Meeresbewohner dürfen Inselgäste indes ohne Einschränkung näherkommen. Als delikate Inselspezialität ist der Knieper ("Kneifer") in aller Munde. Meistens kommt der Taschenkrebs aus dem nährstoffreichen Seewasser mit Baguette oder Toast, Cocktailsoßen und einem kühlen Weißwein auf den Tisch. Andere eiweißreiche Hochgenüsse wie zum Beispiel frische Fischbrötchen gibt es in Helgolands Hummerbuden. Die in den 1950er-Jahren nachgebauten bunten Holzhäuschen reihen sich wie Farbwürfel in einem Malkasten die Hafenstraße entlang. In den Schuppen lagerten Fischer früher Hummerkörbe, Aalstecher und Stellnetze. Heute sind auf der Touristenmeile Kneipen, Cafés, Galerien sowie das James-Krüss-Museum untergebracht. In seinem Kinderbuch "Mein Urgroßvater und ich" hat Helgolands Schriftsteller 1959 dem Leben auf dem Felssockel und den Buden ein Denkmal gesetzt.

Reiseinfos

Auskünfte zu Einreise und Corona-Regeln: Telefon 0049-4725/808808 sowie auf helgoland.de

Anreise: Mit Flugzeug oder Bahn bis Hamburg. Von Hamburg-Altona mit Regionalzug bis Büsum. Von dort mit dem Seebäderschiff in 2,5 Stunden nach Helgoland. Schiffsverbindungen gibt es auch ab Hamburg mit dem Katamaran Halunder Jet sowie von Cuxhaven und Bremerhaven. Flugbuchungen: fliegofd.de

Unterkünfte: Im Oberland „Hotel Meerblick“, im Unterland „Strandhotel Helgoland“ (mit Schwimmbad). Der Camping-platz ist bis 15. Oktober geöffnet. Reservierungen: 0049-4725/808753

Steuerfrei dürfen Waren im Wert von bis zu 430 Euro eingekauft werden.

Essen: Schmackhafte und große Portionen serviert das Restaurant „Atlantis“. Besonders zu empfehlen: Steinbutt gebraten mit Salzkartoffeln, Buttersoße und Gurkensalat. Auf der Nebeninsel „Düne“ im Dünenrestaurant unbedingt den Sanddorn-Punsch probieren.

copyright  2021
23. Oktober 2021