Lade Inhalte...

Reisen

Auferstandene Pilgerziele

Von Win Schumacher   04. April 2021 11:00 Uhr

Auferstandene Pilgerziele
Ungewöhnlich: Grabesstille in der Grabeskirche

In Israel wird wieder fast wie in vorpandemischen Zeiten gebetet, getanzt und gefeiert. Wann jedoch Pilger ins Land zurückkehren können, bleibt weiter ungewiss.

Die Nacht ist auferstanden. Fast so, wie sie Tel Aviv einmal zu feiern wusste – vor mehr als einem Jahr. Rund um den zentralen Feuer-und-Wasser-Brunnen auf dem Dizengoff Square drängen sich wieder die Nachtschwärmer – beinahe wie in Zeiten vor Corona. Vor den Kneipen und Lokalen rundum sitzen junge Leute an winzigen Bistrotischen. An den Bartheken wird wieder gezecht und geflirtet – mit oder ohne Maske. Ein Pärchen küsst sich innig vor einem Hauseingang in der Pinsker Street. Wenn nicht an diesem lauen Frühlingsabend, so müssen sie sich wohl erst vor wenigen Tagen gefunden haben.

Auferstandene Pilgerziele
Beschaulichkeit anstelle von dichtem Gedränge in der Jerusalemer Altstadt

Seit wenigen Wochen dürfen Geimpfte in Israel wieder in Restaurants, Cafés, Bars und Clubs. Auch wenn für sie noch immer bestimmte Auflagen gelten, nehmen die meisten sie nicht sonderlich genau. Bereits seit dem 21. Februar ist für viele Israelis ein Stück Alltag zurückgekehrt. Seither konnten nicht nur die meisten Schulen, Geschäfte, Märkte und Einkaufszentren wieder öffnen. Auch Fitnessstudios, Schwimmbäder, Hotels, Theater und andere Kultur- und Freizeiteinrichtungen dürfen wieder aufmachen – diese allerdings nur für Israelis, die ihre Immunisierung mit einem "Grünen Pass" auf dem Mobiltelefon oder einem ausgedruckten QR-Code nachweisen können. Ihnen stehen nach Monaten der Schließung nun auch Kinos, Konzerthallen und Kunstausstellungen wieder offen. Wirklich kontrolliert wird der Pass jedoch längst nicht überall.

Über 5,2 der rund 9 Millionen Israelis sind inzwischen geimpft. 53 Prozent haben bereits die zweite Dosis erhalten (Stand 30. März). Weltweit kann kein anderes Land eine höhere Impfrate vorweisen. Die Zahl der täglichen Neuinfektionen sank zuletzt trotz der Lockerungen stetig von mehr als 10.000 Mitte Januar auf zuletzt etwa 500 (Stand 29. März).

Langsam in Richtung Normalität

Auch in die Jerusalemer Altstadt ist längst ein wenig Alltag zurückgekehrt. Die Synagogen, Kirchen und Moscheen, viele Geschäfte, Supermärkte und Cafés haben wieder geöffnet. Ultraorthodoxe Juden eilen zur Klagemauer, gläubige Muslime zum Tempelberg, Nonnen und Mönche zu den Kirchen und Klöstern entlang der Via Dolorosa. In der Grabeskirche knien wenige verstreute Betende an den Stätten, wo Jesus einst gestorben und auferstanden sein soll. Einige küssen durch ihre Gesichtsmasken den Salbungsstein, wo der Tradition nach die schmerzerfüllte Gottesmutter ihren gekreuzigten Sohn beweinte.

Auferstandene Pilgerziele
Orthodoxe Juden auf dem Weg zur Klagemauer

Nichts ist hier so wie sonst Jahr für Jahr in der Passionszeit, wenn sich an den überlieferten Schauplätzen der Ostergeschichte Tausende Pilger aus aller Welt drängen. 2019 besuchten im dritten Jahr in Folge mehr Touristen Israel als je zuvor. Damals kamen über 4,5 Millionen. Mit der Pandemie brach der Boom im März 2020 völlig zusammen. Bis heute ist das Land für Ausländer geschlossen. Selbst Israelis hatten aufgrund der weltweit härtesten Einreiseregelungen von Ende Januar bis Mitte März Schwierigkeiten, in ihr Land zurückzukehren. Erst ein Beschluss des Obersten Gerichts löste die Beschränkungen für Staatsbürger auf. Wann Touristen – geimpft oder ungeimpft – wieder einreisen dürfen, kann derzeit niemand sagen.

Pilgertourismus in Kleingruppen

"Wir hoffen, zu Beginn des Sommers", sagt Noga Sher-Greco, die für religiöse Reisen zuständige Direktorin im israelischen Tourismusministerium. "Die Pilger werden sicher zu den ersten gehören, die zurückkehren". Zunächst werde es jedoch voraussichtlich nur für Kleingruppen Zugang zu den wichtigsten Pilgerstätten geben.

Auferstandene Pilgerziele
Pater Gregor Geiger

"Es klingt fast zynisch", sagt der deutsche Pater Gregor Geiger, "aber ich vermisse das Gedränge nicht. Auf der Via Dolorosa konnte man sich zu Ostern gar nicht mehr bewegen." Seit 1999 lebt der 50-jährige Pater aus dem fränkischen Odenwald in Jerusalem, forscht und lehrt Hebräisch am Studium Biblicum Franciscanum neben der Geißelungskapelle – derzeit allerdings nur online. Bis 2019 führte er auch immer wieder Pilgergruppen zu den heiligen Stätten. "Jetzt habe ich mehr Zeit für meine Übersetzung der Qumran-Texte ins Deutsche", sagt Geiger. Er hofft, dass anders als im letzten Jahr dieses Wochenende die Osterfeierlichkeiten wieder recht regulär im kleineren Rahmen stattfinden können. "Bis die Pilgermassen zurück sind, wird es sicher Jahre dauern", sagt er.

Apfelstrudel und Sachertorte

An der Via Dolorosa gegenüber der armenisch-katholischen Kirche der Schmerzen Mariä erhebt sich der wuchtige Bau des Österreichischen Hospizes zur Heiligen Familie. Ende März sind die Kaffeetische auf der Terrasse des altehrwürdigen Pilgerhauses sonst oft bis auf den letzten Stuhl besetzt. Vor allem Gäste aus den deutschsprachigen Ländern unterhalten sich hier im Schatten von Palmen und Oleandern nach einem anstrengenden Tag in den Gassen der Altstadt bei Kaffee, Apfelstrudel und Sachertorte. In diesem Frühjahr ist statt Deutsch vor allem Hebräisch zu hören, statt Kirchengruppen legen israelische Tagesausflügler eine Pause im seit kurzem wieder geöffneten Café des Hospizes ein.

"In 165 Jahren hat das Hospiz einiges erlebt. Wir haben Kriege, Intifada und Seuchen überstanden", sagt Markus Stephan Bugnyár, der Rektor der Pilgerherberge. "Aber dass es komplett leer steht, ist in der Hausgeschichte neu." Für eine Jahr für Jahr wachsende Gästezahl hatte das Hospiz 2019 noch einen neuen Gästetrakt eröffnet. "Wir sind in einen Massentourismus hineingeschlittert", sagt der Priester aus dem Burgenland, "aber die fetten Jahre vor der Pandemie sind möglicherweise vorbei." Trotz der finanziellen Einbußen versucht Bugnyár die aktuelle Situation auch positiv zu sehen. "Ich wünsche mir eine langsame Rückkehr der Pilger", sagt er. "Im Vergleich zu früher haben wir die Chance, Pilger in wesentlich besserer Qualität mit dem Heiligen Land vertraut zu machen. Zuvor war das oft nicht mehr feierlich – im mehrfachen Sinne." Mit einer Rückkehr der Gäste zu Pfingsten rechnet er jedoch nicht. "Es hilft uns nicht, wenn wir hier mehr als 90 Prozent der über 50-Jährigen geimpft haben, wenn es aber kein vergleichbares Land mit ähnlichen Zahlen gibt."

Auferstandene Pilgerziele
Blick auf den Ölberg, den Felsendom und die Erlöserkirche

Etwa eine halbe Autostunde westlich von Jerusalem wandert Henri Gourinard entlang einer antiken Wasserleitung in ein Tal mit knorrigen Öl- und alten Mandelbäumen. Die Wiesen sind von mohnroten Kronen-Anemonen, sanft-violetten Persischen Alpenveilchen und anderen Wildblumen gesprenkelt. Die Luft ist erfüllt vom aufstrebenden Frühling. "Auf dem Emmaus-Weg können Pilger beides entdecken: die Kultur und die Natur zur Zeit Jesu", sagt der französische Historiker, der am Jerusalemer Polis-Institut lehrt. Genau auf diesem Weg zwischen Jerusalem und dem Ort, der vielen als das biblische Emmaus gilt, soll der auferstandene Jesus zwei seiner Jünger am Ostertag begleitet haben. Die beiden Trauernden erkannten ihren gekreuzigten Rabbi nicht, berichtet Evangelist Lukas.

Gourinard ist einer der Initiatoren des neu eröffneten Emmaus-Wegs. Er hat einen Wanderführer geschrieben, der demnächst herausgegeben werden soll. Mit 20 Kilometern bisher erschlossener Länge zwischen dem arabischen Dorf Abu Gosch und Latrun ist der Wanderweg deutlich kürzer als der bekanntere Jesus-Weg in Galiläa. Ein Teil des Emmaus-Wegs liegt jenseits der sogenannten Grünen Linie im Westjordanland. Er ist von israelischer Seite nicht durch die Sperrmauer abgetrennt. So ist er heute auch für Wanderer zugänglich. Am Ende des Weges liegen die Ruinen der byzantinischen Basilika von Emmaus Nikopolis, wo Jesus der Tradition nach das Brot brach und sich so den beiden Weggefährten als Auferstandener offenbarte. Das nahe gelegene arabische Dorf Amwas, dessen Namen wohl auf die biblische Tradition zurückgeht, wurde 1967 im Sechstagekrieg zerstört.

Wanderweg nach Emmaus

Nicht weit von Emmaus Nikopolis blickt der Historiker in ein Felsengrab am Wegrand, das aus römischer Zeit stammt. "Es gibt einen guten Eindruck von der Begräbnispraxis zur Zeit Jesu", sagt Gourinard, "man kann noch gut die für die Toten bestimmten Steinbänke und eine Einkerbung erkennen, die wohl für eine Öllampe bestimmt war". Um das leere Grab ist es still.

Auferstandene Pilgerziele
Ein Felsengrab am Wegesrand des Emmaus-Weges

Nur ein Vogel zwitschert irgendwo in den Zweigen über dem Felsblock. "Gerade in diesen Zeiten steht ein Wanderweg wie der nach Emmaus auch für eine neue Form des Pilgertourismus", sagt Gourinard. "Weg von Massenversammlungen an heiligen Orten hin zu einer spirituellen Erfahrung. Das wird in Zukunft sicher noch wichtiger werden."

Lädt
turned_in

info Mit dem Klick auf das Icon fügen Sie das Schlagwort zu Ihren Themen hinzu.

turned_in

info Mit dem Klick auf das Icon öffnen Sie Ihre "meine Themen" Seite. Sie haben von 15 Schlagworten gespeichert und müssten Schlagworte entfernen.

turned_in

info Mit dem Klick auf das Icon entfernen Sie das Schlagwort aus Ihren Themen.

turned_in

Fügen Sie das Thema zu Ihren Themen hinzu.

mehr aus Reisen

0  Kommentare expand_more 0  Kommentare expand_less