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Reisen

Auf hohem Niveau

Von rofi   20. Juni 2020 00:04 Uhr

Auf hohem Niveau
Das Landwasserviadukt ist nur eine von 291 Brücken, die der Glacier Express überquert.

Die Schweizer nennen ihn stolz den langsamsten Schnellzug der Welt. Heute nimmt der Glacier Express seinen Post-Corona-Betrieb wieder auf. Das Aushängeschild der Schweizer setzte sich vor 90 Jahren erstmals in Bewegung.

Sich so schnell wie möglich von A nach B zu bewegen, ist die Intention, mit der zumeist ein Zug bestiegen wird. Anders im Glacier Express. Hier kann eine Fahrt nicht lange genug dauern. Gut, dass sie lange dauert. Acht Stunden vergehen auf der Strecke von Zermatt nach St. Moritz. Und angesichts der landschaftlichen Schönheiten und beeindruckenden Bauwerke entlang der Strecke sind nicht wenige Passagiere versucht zu sagen: Schade, dass sie nicht länger dauert. Hat sie – vor 90 Jahren.

Damals, am 26. Juni 1930, startete der erste Glacier Express von Zermatt und erreichte St. Moritz knapp elf Stunden später. Eine Premiere, der 70 geladene Gäste beiwohnen durften. Knapp 40 Jahre hatte es gedauert, bis die Strecke durchgehend befahrbar war. Möglich geworden erst, nachdem am 6. Juni 1930 auch die knapp neun Kilometer lange Strecke zwischen Visp und Brig eröffnet worden war. Und weil es sich beim Glacier Express auch um die Vereinigung regionaler Bummelzüge handelte, wurde ihm der Status eines Schnellzugs zuteil, mit der man an die Tradition der Luxuszüge anschließen wollte, die durch den Ersten Weltkrieg ein jähes Ende gefunden hatte.

Ob die Gäste bei der Jungfernfahrt auch über einen roten Teppich in den Zug geschritten sind, ist nicht auszuschließen, aber ebenso wenig bekannt. Der wird heute ausgerollt – vorausgesetzt, man hat ein Ticket der neuen "Excellence Class" gebucht. Als "begehrteste Sitzplätze der Schweiz" mit so hohen Maßstäben wie die Berggipfel entlang der Strecke wird sie angepriesen. Für einen Aufpreis von knapp 400 Euro auf die 1. Klasse kann man in dem mit goldenen Schrägstreifen gekennzeichneten Waggon Platz nehmen. Wer sich den Luxus leistet, kommt in den Genuss einer Concierge-Begleitung, dem wird ein Fünf-Gänge-Menü mit regionalen Spezialitäten jener Kantone, die man durchquert, serviert, Weinbegleitung inklusive. Ein garantierter Fensterplatz samt Tablet, auf dem sich die aktuelle Position verfolgen lässt und man Informationen über die Höhepunkte entlang der Strecken abrufen kann, fehlt ebenso wenig. Zeit, einzusteigen.

Auf hohem Niveau
Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 40 km/h durch die Schweizer Alpen

Einsteigen bitte!

Wer als Ausgangspunkt das mondäne St. Moritz wählt, bewegt sich dem Flusslauf des Inn folgend zum Val Bever hin, um am Ende des Tals erst einmal abzutauchen in den sechs Kilometer langen Albulatunnel. In unglaublicher fünfjähriger Bauzeit wurde zwischen 1898 und 1903 die Röhre in 1823 Metern Höhe von den Arbeitern mit Hacke und Schaufel durch den Berg getrieben, der höchste Alpendurchstich in Europa.

Wieder am Tageslicht sind dutzende Viadukte und Kehrschleifen notwendig, um den Zug hinunterzuführen in das Quellgebiet des Rhein. Eine Bergabfahrt auf hohem Niveau. Nach Filisur passiert der Zug das sogenannte Landwasserviadukt. Die Brücke gilt als architektonische Meisterleistung, erbaut 1901. Das UNESCO-Kulturerbe wird getragen von drei 60 Meter hohen Hauptpfeilern, beschreibt einen Bogen und endet an einer senkrecht abfallenden Felswand, während der Zug im Landwassertunnel verschwindet. Es geht schwindelerregend weiter. Hinter Tiefencastel wird in 85 Metern Höhe die Solisbrücke überquert, das höchste Bauwerk der Rhätischen Bahn. Auch durch den Schweizer Grand Canyon, wie die Rheinschlucht zwischen Reichenau und Ilanz genannt wird, windet sich der Zug, um sich anschließend hinauf nach Disentis zu bewegen, dort, wo der Rhein seinen Anfang nimmt.

Man mag sich kaum vorstellen, dass in den Anfangsjahren Teile der Strecke noch mit Dampfloks zurückgelegt werden mussten. Nachdem der Betrieb in den Kriegsjahren eingestellt war, wurde ab 1947 durchgehend elektrisch gefahren. Damals gab es auch noch eine dritte Klasse. Wer heute in der ersten und zweiten Klasse den Blick auf das Schweizer Bergpanorma wirft, tut das durch bis zur Waggondecke reichende Panoramafenster. Die Einführung dieser Wagen 1993 war sogar der "New York Times" eine Meldung wert.

Zurück in der Gegenwart, wo auf den Zug eine andere Herausforderung wartet. Es macht "Klong", wenn sich die Lok in die Zahnstange einklinkt. Nur mittels dieser Technik kann die Kletterfahrt zum Oberalppass auf gut 2000 Metern Seehöhe bewältigt werden. Beinahe im Schneckentempo geht es anschließend wieder hinab nach Andermatt, dem größten der drei Dörfer im Ursental. Johann Wolfgang von Goethe hat das Tal mehrmals besucht und es als das "liebste und interessanteste" von allen Gegenden, die er bereiste, bezeichnet.

Verborgener Namensgeber

Seit 1982 fährt der Glacier Express zwischen Realp und Oberwald durch den 15 Kilometer langen Furka-Tunnel. 17 Jahre dauerten die Bauarbeiten infolge der schwierigen geologischen Verhältnisse. Das Ergebnis bringt die Passagiere seither zwar um die Aussicht auf den Rhonegletscher, der dem Zug seinen Namen gab (Gletscher auf franz. glacier), doch der Tunnel macht auch längere Betriebszeiten möglich. Und er bringt Zeit – in der Bar der "Excellence Class" Platz zu nehmen, gestaltet mit Quarzit aus dem Rheintal und mit vergoldetem Kompass auf der Decke, auf dem sich die vielen Richtungsänderungen verfolgen lassen. Selbst ein Gang auf die Toilette ist hier nicht bloße Notwendigkeit, sondern durch das Design und den Rheintaler Quarzit auf der WC-Abdeckung auch etwas fürs Auge.

Dieser letzte Abschnitt der Gletscherfahrt gilt als eine der eindrucksvollsten Passagen, stets die Kulisse des Gotthardmassivs vor Augen. Gut, dass hier noch möglich und erlaubt ist, was in anderen Zügen nicht mehr geht – die Fenster zu öffnen, zumindest an den Zugtüren. Eine Möglichkeit, die die einen nutzen, um kristallklare Bergluft zu schnuppern und den Fahrtwind zu spüren, andere, um ihre Handys hinauszuhalten und ein Foto ganz ohne Spiegelungen zu machen.

Es bleibt spektakulär, wenn vor Brig mitten auf einem knapp 50 Meter hohen Steinviadukt die Strecke plötzlich von 40 auf 85 Prozent ansteigt. Um die Steigung zu schaffen, sind auf den letzten 36 Kilometern sechs Zahnstangenabschnitte zu bewältigen, bevor sich nach Randa das Tal öffnet und den Blick freigibt auf die mächtigen Viertausender, darunter das unverkennbare Matterhorn. Zermatt ist erreicht. 7 Stunden 55 Minuten sind vergangen.

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