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Reisen

Auf der Strada del Sole in den wilden Süden

Von Kalmarpress   01. Februar 2020 00:04 Uhr

Auf der Strada del Sole in den wilden Süden
Das malerische Tropea mit der Kirche Santa Maria dell’Isola befindet sich auf einem Felsen im Meer.

Mezzogiorno ist das Synonym für Italiens Süden. Kalabrien, die "Stiefelspitze", wartet mit überraschenden Kunstschätzen auf, mit Traumstränden, wilden Gebirgszügen und gastfreundlichen Menschen.

Eigentlich ist es gar kein richtiger Hafen, sondern nur eine Bucht mit wildem Sandstrand, bunten Fischerbooten irgendwo im Süden Italiens, so idyllisch wie typisch für den Landstrich. Bei Bedarf werden die Boote mit einer rostigen Kette an Land gezogen. Die Ketten bleiben liegen und man muss aufpassen, um nicht darüberzustolpern. Ein malerisch verfallener Wachturm schützt symbolisch die Szenerie und an der einzigen Mole können Boote ihren Fang ausladen.

Fischer Paolo sitzt unterm Sonnenschirm im Boot und flickt seine Netze. "Jetzt gibt es ganz besondere Sardinen", sagt er. Als eines der typischen, offenen Fischerboote ohne Kajüte anlegt, wartet schon der Kühlwagen. Die Besatzung besteht aus ein paar Mann vom Typ junger Held und zwei erfahrenen Seebären, die den frischen Fang sortieren, während er schon ausgeladen wird. Die Fischer sind müde, aber fröhlich ob der guten Ausbeute. Beim Aussteigen aus dem Boot hebt einer ein winziges Fischchen auf, das auf den Rand der Mole gefallen ist – wie ein Handwerker von altem Schlag eine noch brauchbare Schraube vom Straßenrand.

Auf der Strada del Sole in den wilden Süden
Reggio di Calabria: moderne Skulptur vor der Villa Zerbi

Reggio di Calabria liegt an der äußersten Stiefelspitze. Das Museo Archeologico Nazionale hütet den größten Schatz der Region. Die beiden überlebensgroßen Krieger von Riace, benannt nach dem Fundort, wurden vor rund zweitausendfünfhundert Jahren in Griechenland aus Bronze gegossen. Der Name des Künstlers ist unbekannt.

An der Küste der Götter

Nach diesem Ausflug in die Geschichte erfreut ein "struscio", ein Bummel am strahlenden Lungomare. Schriftsteller Gabriele D’Annunzio nannte ihn den schönsten Kilometer Italiens. Blumenbeete, stattliche Palmen, Magnolien und Gummibäume säumen die großzügige Promenade entlang des Ufers des Ionischen Meeres, Bänke laden zur Rast mit Blick über die Meeresstraße von Messina. Abends wird in den weißen Zelten der Partymeile am daruntergelegenen Lido heftig gefeiert, mit deutschem Bier und japanischen Soundmaschinen. Cool und hip her geht es dagegen im Café B’Art am Corso Garibaldi. Ihn säumen Palazzi, errichtet in historisierendem Liberty-Stil – das Teatro Cilea, der Dom und das Rathaus, elegante Geschäfte und Edelbleiben. Als Fußgängerzone erfüllt die Prachtstraße das Bedürfnis, zu sehen und gesehen zu werden. Ja, das halbe Leben ist Theater.

Auf der Strada del Sole in den wilden Süden
Idyllische Buchten an der Götterküste am Capo Vaticano

Nach Scilla nimmt man besser nicht die verstopfte Auffahrt zur Autobahn. Mehr bieten die – zwar auch verstopften – Vororte der Küstenstraße, nämlich Italianità pur. Extrem beliebt ist der Schwatz am Autofenster eines Freundes. Bitte nicht hupen, man wird gesehen und es wird versöhnlich die Hand gehoben. Scilla zählt zu den Orten mit besonderem Ausblick. Es besitzt einen sechshundert Meter langen Sandstrand vor dem Ortsteil Marina Grande und eine hübsche Altstadt auf einem Plateau mit Blick auf die nur drei Kilometer breite Straße von Messina, den alten Fischerhafen und das auf einem Fels vorgelagerte Castello Ruffo, welches seinen Namen einem der ältesten Adelsgeschlechter Europas verdankt. Außerdem soll dort der Gesang der Sirenen betören und unter dem Fels das Ungeheuer Skylla lauern, das bekanntlich sechs Weggefährten des Odysseus verschlungen hat. Das schreckt aber niemanden vom Baden ab.

Auf der Strada del Sole in den wilden Süden
Über der Altstadt von Scilla thront das Castello Ruffo.

Die Topstrände liegen an der Costa degli Dei, der Götterküste am Capo Vaticano. Man verirrt sich leicht in diesem hügeligen Labyrinth zwischen unaufgeregten Dörfern, Rebhängen, Gemüsegärten und Obstplantagen. Dichte mediterrane Vegetation versteckt die Villenviertel an den Hängen über dem Meer und an den breiten Sandstränden finden sich Campingplätze ebenso wie Ressorts für betuchtes Publikum. Eines haben alle gemeinsam: Sie dienen als Spielplatz für die "Bella Compagnia", die Adriano Celentano so treffend besungen hat.

Am Belvedere Sud, vor der Terrasse der Bar Tempio di Nettuno, werden die Agaven gestutzt, um den Kontrast zwischen dem Campari und den türkisblauen Buchten mit der Spiaggia Le Grotticelle nicht zu schmälern. Die Installation der Muttergottes-Figur in einer ausrangierten Telefonzelle soll vermutlich daran erinnern, dass alles Irdische nur ein Gleichnis ist. Das Belvedere Nord wird leicht übersehen. Klippen stürzen nahezu senkrecht ins Meer, aus der Tiefe schimmern eine Reihe bezaubernder Buchten herauf. Sie sind nur mit dem Boot zu erreichen.

Vulkanblick inklusive

Tropea gilt als Hotspot am Capo Vaticano. Auch hier liegt die Altstadt auf einem Felsplateau über einem breiten Strand. Einst Geheimtipp für Leute wie Sophia Loren und Vittorio de Sica, wurde das Städtchen zum oft ausgebuchten Ziel eines breiten Publikums. Abends taucht die Insel Stromboli aus dem Dunst auf. Der Vulkan zählt zu den aktivsten der Erde und ein Rauchwölkchen schwebt stets über dem Gipfel – in der Tat ein Blick für Götter beim Dinner mit Kerzenlicht im Restaurant Genius Loci, direkt an der Felskante der Aussichtsplattform.

In den engen Gassen und Plätzen, zwischen prachtvollen Steintoren, bröckelndem Putz und den allgegenwärtigen, grünen Jalousien reiht sich Lokal an Lokal. Bloß gesungen wird nicht vom Schnörkelbalkon. Romantischer lässt sich kaum dinieren. Nahe der Wand fällt vielleicht sogar ein Stückchen historischer Putz zur Erinnerung in die Minestrone.

Ärmliche Verhältnisse regieren in Süditalien häufig. Doch selbst entlegene Bergdörfer wie Monterosso flicken ihren Bestand so gut es eben geht. Auch Pizzo kämpft mit alter, gedrängter Bausubstanz und Feuchtigkeit, hier vom Meer, die sich auf den steilen Hang legt. Doch der hübsche Ort kommt damit gut zurecht und wird wegen seiner Eisspezialitäten besucht.

Zwischen Verfall und Idyll

Cosenza ist die Hauptstadt der größten Provinz und – skurril – sein Verfall die größte Sehenswürdigkeit. Leere Fensterhöhlen starren aus sechs Stock hohen Gebäuden, die Wände hoffnungslos bemoost und verschimmelt. Mist verbarrikadiert desolate Wege und Treppen, Wäsche trocknet in finsteren Winkeln. Auf einem geräumigen Platz stapeln sich zwei Mann hoch Abfall und Sperrmüll. Rundum malen surreale Graffiti das Leben als Rätsel an die Wand. Nur selten begegnet man jemandem. Allerdings waren da die Bilder, die Wäsche und einige geparkte Autos. Also müssen hier tatsächlich Leute wohnen.

Das Landesinnere ist dünn besiedelt und die Strada del Sole führt über große Strecken durch unberührte Bergwildnis. Unzählige Tunnel und kühne Viadukte eröffnen Hoch- und Tiefblicke, die zu fotografieren man leider keine Chance hat. Und in ganz Kalabrien existiert keine einzige Mautstelle. Dafür ärgern Lokalstraßen mit Schlaglöchern und fehlender Beschilderung. Das unterstreicht wohl den ländlichen Frieden. Blumenwiesen, Schafherden mit vielen hundert Stück ziehen vorüber, ungeregelte Flussläufe mit erodierten Ufern, Auwälder und endlose Bergkuppen, von Urwald aus Laubbäumen überzogen. In der Ebene liegen ausgedehnte Plantagen mit Bergamotte- und Zitrusfrüchten, allen voran cedro, ein leicht herber, köstlicher Begleiter zu Ziegenkäse.

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Die Höhlensiedlungen in Zungri sind tausende Jahre alt.

Bei Zungri tauchen wir in die Stille einer Höhlensiedlung ein. Wie alt sie ist, lässt sich nur vermuten, vielleicht tausend Jahre oder auch mehr. Wie die Menschen gelebt haben, wissen wir aber. Ein tiefer Graben mit Treppen wurde im steilen Hang angelegt, von dort aus die Höhlen in den Fels gehauen und das Regenwasser in Zisternen geleitet. Korn- und Ölmühlen lassen an ebenso einfache wie selbstverständliche Verhältnisse denken. Hat doch schon Cäsar zu seinen Soldaten gesagt: "Habe ich euch nicht Weizen und Öl gegeben?" Auch Wein wurde gekeltert und die glatten Wände der Höhlen machen einen sauberen Eindruck. Alte Ölbäume verdecken den schmalen Graben und ein Blick von der Rastbank ins sonnenüberflutete Land atmet tiefen Frieden. Mezzogiorno, Mitte des Tages, Süden.

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Gerace: Die von den Normannen erbaute Kathedrale ist die größte Kirche Kalabriens.

Gerace beherrscht wie ein Adlerhorst die Küstenebene. Von den Resten des normannischen Kastells genießt man einen weiten Rundblick auf Meer und Gebirge. Der sorgfältig restaurierte Ort reiht sich unter die schönsten Altstädte Italiens. Blumengeschmückte Innenhöfe leuchten zwischen den Mauern aus dunklem, grobem Bruchstein, wuchtige Torbögen, steile Treppen und sonnige Plätze laden zum Spaziergang ins Mittelalter.

Die Basilika von Gerace wurde vor etwa 1000 Jahren geweiht, als unter Roger I. das Normannenreich entstand. Die schlichte Geometrie der Architektur und der offene Dachstuhl betonen ihr gewaltiges Ausmaß, sie blieb bis heute der größte Sakralbau Kalabriens. Die Mittel waren begrenzt, Säulen und Kapitelle entnahm man antiken griechischen und römischen Ruinen. Die Normannen waren da nicht zimperlich. Ihre Herrschaft erstreckte sich von Sizilien bis vor die Tore Roms und erreichte im 13. Jahrhundert unter Friedrich II. als "Königreich beider Sizilien" die größte Ausdehnung.

Gut zu wissen

Flüge ab Linz: Rhomberg Reisen hat ab Mai 2020 Kalabrien im Programm. Ab 5. Mai jeden Dienstag: Linz – Lamezia Terme, ab 30. Mai jeden Samstag: Wien – Lamezia Terme. www.rhomberg-reisen.com, Telefon: 05572/22420

Essen: L’ACCADEMIA, Reggio, direkt beim Museum, Gourmetküche, elegantes Ambiente;

GENIUS LOCI, Tropea, Largo Vaccai 51, umwerfender Blick aufs Meer u. die Liparischen Inseln, herzhaft kalabrisch, Fisch;

LA TERRAZZA, Gerace, Via Nazionale, Würste, Wein und Pasta aus eigener Produktion

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