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Reisen

Am Fuß der Berge

Von Roswitha Fitzinger  16. Oktober 2021 10:00 Uhr

Am Fuß der Berge
Alta Via del Sale: Radeln auf 1800-2100 Metern Seehöhe entlang der italienisch-französischen Grenze

Aus dem Lateinischen übersetzt ist das Piemont die Region "am Fuß der Berge", berühmt für Wein und Trüffel. Doch es lässt sich hier viel mehr genießen. Zu Besuch in seiner größten Provinz – Cuneo.

Wie hatte der Nachwuchs der besten Freundin einst gesagt, als er erstmals in seinem Leben Landluft schnupperte? "Mama, es riecht nach Kuh!" Eine Erinnerung, ausgelöst durch den ersten Atemzug, die mich lächelnd die Flugzeugtreppe hinuntersteigen lässt. Eine Stunde kurz war der Flug von München, beinahe leer der Flieger. Noch ganz neu ist die Verbindung nach Cuneo, Hauptstadt der gleichnamigen und größten Provinz des Piemont. Turin ist knapp 100 Kilometer entfernt, Nizza Luftlinie ebenfalls, und doch wäre eine Anreise auf dem Landweg ein zeitintensives Unterfangen. Cuneo liegt im südwestlichsten Zipfel der Provinz. Auf dem Land halt.

Feine Nasen können aufatmen, das olfaktorische Landlüfterl hat sich bald verflüchtigt. Und Cuneo, die Stadt wie der Landstrich, vereint das Beste von beiden Seiten. Das wird spätestens klar, wenn man auf der Piazza Galimberti steht, die im Westen den Blick auf die Gipfel der Seealpen freigibt, dessen höchster Gipfel mehr als 3200 Meter in die Höhe ragt (Monte Argentera). Der zentrale Platz, mit seiner neoklassizistischen Architektur und den Arkadengängen, trennt auch das neue vom alten Cuneo. Die Via Roma ist unübersehbar das Schmuckstück der Altstadt. Beidseitig reiht sich auf einer Länge von mehr als 800 Metern Palazzo an Palazzo, jede Fassade für sich ein Blickfang. Ihre Keilform hat der "dreieckigen Stadt" ("pizzo di cuneo", ital. für Keilspitze) ihren Namen gegeben. Ihre Lage auf einer Anhöhe, eingekeilt zwischen den Flüssen Stura und Gesso, machte die Stadt einst schwer einnehmbar. Dass es Feldherren des Öfteren versucht haben, davon zeugt nicht zuletzt die "Via Sette Assedi", die Straße der sieben Belagerungen.

Am Fuß der Berge
Das alpin-maritime Klima lässt Blumen auf 2000 Meter Seehöhe blühen.

Don Camillo und Peppone lassen grüßen

Die Belagerer dieses Wochenendes haben anderes im Sinn. Sie sind jung und wollen sich im Radfahren und Laufen messen. Die ganze Stadt ist im Duathlon-Fieber. Wir schwingen uns ebenfalls erstmals aufs Rad, auf unsere E-Mountainbikes. Auch in der Heimat des Giro d’Italia boomt das Radeln mit Elektroantrieb. Hoch hinaus wollen wir damit, vorerst jedoch erst einmal hinaus aus der Stadt, aufs Land.

Vorbei an kleinen Dörfern mit großen, prächtigen Kirchen, entlang von Bewässerungsgräben, hohen Maisfeldern und Bauernhöfen von ansehnlicher Größe wird der Radmotor geschont. Der Gegenverkehr ist dürftig, Milchwägen mit Anhängern, Traktoren und vereinzelt Menschen, wie Germano. Der 79-Jährige hält mitten auf der Kreuzung ein Schwätzchen mit den Insassen eines Fiat Topolino. Leger und stilvoll in Unterhemd und Lederschuhen lehnt er am offenen Seitenfenster des Oldtimers, einem echten piemontesischen Klassiker.

Am Fuß der Berge
Schwätzchen mitten auf der Kreuzung

Kämen Don Camillo und Peppone um die Ecke, es würde einen nicht wundern. Wie ausgestorben wirkt auch das kleine Rocca de’ Baldi. Die Osteria im Schloss hat noch geschlossen. Ohne uns einen kleinen Antipastiteller im wunderschönen, alten Schlossgarten zu servieren, lässt uns die freundliche Gastwirtin jedoch nicht gehen, ein erster kulinarischer Vorgeschmack auf die Region. Die gekochte Salame Cuneo ist ebenso eine Spezialität wie der Castelmagno, ein Käse, dessen Erzeugung nur zehn Produzenten in drei Gemeinden im Grana-Tal von Cuneo obliegt. Dazu ein Schluck Asti Spumante. Die Grissini, ebenfalls eine piemontesische Erfindung, bleiben fast unangetastet, zu gut schmecken die frittierten Focacciastücke mit Rosmarin. Wer braucht da Trüffel und Barolo?

Ein Himmelfahrtskommando

Derart gestärkt radelt es sich fast beschwingt auf Mondovì zu. Ihre auf einer Anhöhe thronende Altstadt ist weithin sichtbar. Seit dem 14. Jahrhundert ist das bunte Städtchen Bischofssitz, zweigeteilt in Ober-und Unterstadt. Hinauf in die Altstadt gelangt man mittels einer 500 Meter langen Standseilbahn, die seit 1886 verkehrt. Der Kurzbesuch reicht lediglich für ein Gelato in den schattenspendenden Arkaden auf der Piazza Maggiore – Nocciola naturalmente, schließlich ist das Piemont das Land der Haselnüsse und Italien nach der Türkei der zweitgrößte Haselnussproduzent weltweit. Es geht weiter, bergab und bergauf.

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Ein Bruchteil der Spezialitäten der Provinz

Auf den Hügeln der Umgebung reift der Barbera, eine der bedeutendsten Rebsorten des Piemont. Einen kräftigen Schluck Wein braucht es vielleicht auch, wir steuern auf ein Himmelfahrtskommando zu. Gut 3000 Einwohner zählt das kleine Vicoforte, seine Wallfahrtskirche ist alles andere als das. In ihrem Inneren empfängt sie Besucher mit der größten elliptischen und freskierten Mauerkuppel auf Gottes Erden. Wir schauen nicht andächtig nach oben, sondern streifen uns Sicherheitsgurte über, setzen Helme auf, die Handys baumeln in Klarsichttaschen um den Hals. Über Stiegen, durch Strebepfeiler und entlang von Gesimsen steigt man bis in 60 Meter Höhe. Dort erfolgt der Schritt auf die Innenseite der Kuppel, 6000 Quadratmeter Fresken direkt vor der Nase. Ehrfurcht – vor dem Architekten Francesco Gallo und den Freskenmalern Mattia Bortoloni und Felice Biella. Und all das, weil um 1590 genau hier im Wald ein Jäger versehentlich auf einen Bildstock geschossen haben soll? Der Legende nach begann das Marienbild zu bluten. Der Platz wurde zur Pilgerstätte und der Savoyen-Herzog Carlo Emanuele I. (1562–1630) ließ die Wallfahrtskirche errichten, weil er Vicoforte zur religiösen Hauptstadt seines Reiches machen wollte. Verrückte Geschichte.

Am Fuß der Berge
Die größte elliptische Kuppel der Welt (35 Meter Durchmesser, 75 Meter hoch) kann bestiegen werden.

Nicht weniger verrückt, als über die Alpen Salz zu transportieren. Um die Zollgebühren zu umgehen, wurden einst Sardellen in Salz eingelegt und auf den Straßen feilgeboten. So kam nicht nur Salz, sondern kamen auch Anchovis in die Region, die heute in Soßen mit Knoblauch und Petersilie als absolute Spezialität gelten.

Zwischen Italien und Frankreich

Die einstige Salzstraße ist auch unser Ziel. Ab dem Tendapass (1870 Meter) oberhalb von Limone Piemonte, einem der ältesten Wintersportorte Italiens, treten wir in die Pedale. Die "Alta Via del Sale" diente einst als Militärstraße, die die piemontesischen und französischen Alpen mit dem Mittelmeer verbindet. Auf Schotterstraßen geht es über Bergpässe und Haarnadelkurven immer den Bergkämmen entlang, die Hänge bis hoch oben mit einem grünen Pflanzenteppich bedeckt. Bergwelt trifft auf maritimes Klima.

Es ist ein einzigartiges Terrain mit vielen endemischen Arten, an denen sich im Sommer die Kühe satt fressen. Aus ihrem Fleisch stellen die Metzger von Bra eine weitere cuneesische Spezialität her: die Salsiccia Bra, eine Bratwurst, die roh gegessen wird.

Nicht nur wir sind mit Motor unterwegs. Außer dienstags und donnerstags ist auf dem 30 Kilometer langen Kernstück auch der motorisierte Verkehr zugelassen. Da wird es schon einmal eng. Doch viele markierte Routen durchziehen das Gebiet. Wanderfreudige etwa können sich auf den "Giro del Marguareis", eine drei- bis viertägige Rundwanderung, begeben. Sechs Hütten liegen ebenfalls auf dem Weg. Die "Rifugio Don Barbera" ist eine von ihnen. In freudiger Erwartung auf eine herzhafte Hüttenkost steigen auch wir hier, auf knapp über 2000 Metern Höhe, von den Rädern – und werden nicht enttäuscht. Bei Polenta und Haselnusskuchen genießen wir die Aussicht – hinter uns der Punta Marguareis (2651 Meter), vor uns der Monte Saccarello (2201). Bei guter Fernsicht kann man von dort das Meer sehen.

Am Fuß der Berge
Die Piazza Galimberti in Cuneo: 200 Meter lang und 100 Meter breit

Was aus dem Piemont kommt

Das Piemont, die flächenmäßig größte Region des italienischen Festlandes, gehört nicht nur zu den führenden Genussregionen Italiens, auch Weltmarken und bekannte Designgrößen haben ihren Ursprung oder Sitz im Nordwesten Italiens.

Fiat (Automarke) – Pininafarina, Giugiaro, Bertone (Autodesigner) – Bialetti (Espresso-Maschinen) – Alessi (Haushaltswaren) – Martini & Rossi (Getränkehersteller) – Aurora (Schreibgeräte) – Olivetti (Schreibmaschinen; Vorreiter in Sachen Industriedesign) – Lavazza (Kaffee) – Ferrero (Süßwaren; Nutella) – Loro Piana (Kashmir) – Ermenegildo Zegna (Herrenmode) – Robe di Kappa (Sportartikel) – Fila (Sportbekleidung) – Borsalino (Luxus-Hutmarke)

Kulinarische Feste:
Trüffelmesse Fiera del Tartufo: 9. 10. bis 5. 12. in Alba (jährlich);
Cheese – Käsemesse in der Ortschaft Bra (jährlich im September);
CioccoloaTò – größtes Schokoladenfest in Turin vom 30. 11. bis 9. 12. 2022;
Douja d’Or – großes Weinfest in Asti (jährlich im Sept./Okt.)
Nationale Kastanienmesse „Fiera del Marrone“ in Cuneo: 13. bis 15. 10. (jährlich)

Gut zu wissen

Schlafen: im „Principe di Piemonte“auf der Piazza Galimberti in Cuneo, zentraler Übernachten geht nicht, DZ ab 130 Euro, hotel-principe.it.

„Bio Magia nelle Marittime“ in Sant’Anna di Valdieri: Ferienhaus mit drei Appartements und Gemeinschaftssauna, idyllisch gelegen mitten im Gesso-Tal am Gesso-Fluss, ideal für Skifahrer und Wanderer.
Mail: ritap62@libero.it

Essen und Trinken:
„Grill del Lovera“ in Cuneo (Via Roma) bietet regionale Köstlichkeiten auf Haubenniveau, die sich jeder leisten kann. Die Zutaten kommen aus dem eigenen Garten oder aus der Region. Zu dem Hotel gehört auch das Hotel „Palazzo Lovera“
palazzo.lovera.com

Osteria „Senza Fretta“: Herrliches Ambiente in einem restaurierten Gebäude aus dem 17. Jahrhundert in der Via Dronero in Cuneo, noch köstlicheres Essen – zubereitet von Daniela (39), die seit ihrem dritten Lebensjahr kocht. Ihr Mann Marco ist Weinsommelier. Es gibt auch vier Zimmer.
osteriasenzafretta.it

Wen es nach Bier dürstet, der nimmt im „Open Baladin“ in Cuneo an der neun Meter langen Schank mit den 32 Zapfhähnen Platz und kostet sich durch die Welt der italienischen und internationalen Craft-Biere.
Zahlreiche der rund 100 Sorten stammen von regionalen Produzenten.
baladin.it

  • Infos: Tourismusbüro ATL del Cuneese in Cuneo, cuneoholiday.com, Tel. 0039-0171-690217, DW 1

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Roswitha Fitzinger

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