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Reisen

Alles heißt hier Ararat

Von Von Gerhard H. Oberzill   19. August 2013 00:04 Uhr

Alles heißt hier Ararat
Der den Armeniern heilige Berg Ararat von den Kaskaden oberhalb Erewans aus

In Armenien gibt es vieles, was Ararat heißt, doch der echte Ararat, der verschneite Fünftausender, liegt jenseits einer auch mentalen Grenze zur Türkei.

Welcome to Armenia“, begrüßt der Priester die zu „seinem“ Bergkloster Haghpat hinaufgepilgerten ausländischen Touristen. Und ja, selbstverständlich dürfe man ihn aufnehmen, warum denn nicht? Prompt stürzt sich die ganze Reisegruppe kamerabewaffnet auf den armen Gottesmann. Denn sie kommt eben „ausgehungert“ aus Georgien, wo zum Leidwesen der Fotografen die Geistlichkeit nicht auf Speicherkarten gebannt werden will. Aber Diener der Armenischen Apostolischen Kirche haben damit kein Problem.

Haghpat ist der erste große Klosterkomplex, der gewissermaßen auf dem Weg liegt, wenn man von Tbilisi einreist, der Hauptstadt des nördlichen Nachbarn Georgien. Zusammen mit dem nahen, ebenfalls mehr als tausendjährigen Kloster Sanahin wurde er zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt. Durch ihr Baumaterial, schwarzen Basalt aus Armeniens vulkanischer Vergangenheit, macht die Anlage einen ernsten, ja geradezu düsteren Eindruck. In Haghpat lernen die Besucher gleich zwei sakrale Besonderheiten des Landes kennen: den Gavit, eine nur in Armenien anzutreffende quadratische Eingangshalle, wo sich Pilger (ver)sammelten, bevor sie das eigentliche Gotteshaus betraten. Und Chatschkare – überlebensgroße Kreuzsteine. Meist wunderbar skulptierte Stelen als Sinnbilder für Kreuzigung (obwohl meist ohne Kruzifixus) und Erlösung, seltener zur Erinnerung an historische Ereignisse wie einen militärischen Sieg. 40.000 davon soll es im armenischen Kulturkreis geben.

Wer auf dem Landweg durch eher ärmliche Gegenden nach Erewan kommt, traut seinen Augen nicht: In der lebenssprühenden Hauptstadt wachsen Glaspaläste in den Himmel, stauen sich die neuesten SUVs, stöckeln miniberockte Damen klunkerbehängt durch elegante Einkaufsstraßen, sind Luxusrestaurants zum Bersten voll. Woher kommt all das Geld? Vielfach von Migranten, die in der Diaspora zu Wohlstand gekommen sind. Leben doch über die ganze Welt verstreut mehr als doppelt so viele Armenier wie „zu Hause“.

In Tsitsernakaberd („Schwalbenfestung“) auf einem zentrumsnahen Hügel erinnert das Genozid-Denkmal an den Völkermord von 1915 bis 1917, der nach türkischer Meinung keiner war und die bilateralen Beziehungen bis heute belastet. „Aghet“ heißt auf Armenisch die Katastrophe, bei der anderthalb Millionen Menschen umkamen. Am 24. April, dem Gedenktag, versinkt die Stätte in einem Blumenmeer. Stolz bewahrt das Museum eine Erstausgabe von Franz Werfels Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“, in dem der Altösterreicher die damaligen Ereignisse literarisch verarbeitete, was ihn zu einem Nationalheiligen werden ließ, der posthum die armenische Staatsbürgerschaft erhielt.

Das armenische Siedlungsgebiet erstreckte sich früher viel weiter. Doch nach dem Ersten Weltkrieg wurde entgegen anfänglichen Plänen Ostanatolien dem wiedergeborenen türkischen Staat zugesprochen. Für Armenien blieb bloß ein Gebiet übrig, dessen Fläche knapp jener von Nieder- plus Oberösterreich entspricht. Dabei ging auch der den Armeniern heilige Berg Ararat verloren, an dem laut Bibel (Genesis 8:4) Noah nach der Sintflut gelandet ist.

Unerreichbar im Nachbarland

Dieses ihr nationales Symbol haben die Armenier ständig vor Augen, ohne es je erreichen zu können. Schwacher Trost: sie sehen den erloschenen Vulkan nicht wirklich jeden Tag. Er versteckt sich gerne, ziert sich, ist kapriziös wie eine Primadonna. Und lässt sich der verschneite Fünftausender samt seinem Kind, dem knapp 4000 Meter hohen Kleinen Ararat, blicken, weiß man nie, wie lange er einem diese Gunst gewährt.

Trotzig führte schon die Armenische Sowjetrepublik den Ararat in ihrem Wappen, was in Ankara auf wenig Begeisterung stieß. Aber diesbezügliche Proteste schmetterten die Kremlherren ab. Mit einer Antwort, die von Radio Erewan stammen könnte: Im Prinzip habe die Türkei recht. Aber sie zeige ja auch Halbmond und Stern in ihrer Flagge, ohne dass diese Himmelskörper auf ihrem Territorium lägen. Natürlich behielt das unabhängig gewordene Armenien den Gipfel im „Logo“ bei, setzte ihm nur anstelle von Hammer und Sichel die Arche Noah auf.

Überhaupt heißt in Armenien alles Mögliche Ararat. Südlich von Erewan zum Beispiel eine ganze Provinz samt darin befindlicher Stadt. Juice, Marmelade und Tee firmieren unter diesem Namen ebenso wie eine Bank und Hotels. Dazu Alkoholika: Da gibt es das hauptstädtische Weinkombinat Ararat und gegenüber eine Cognac-Fabrik, die aus rechtlichen Gründen nur mehr „Armenian Brandy“ verkaufen darf, das aber gleichfalls unter dem Label „Ararat“ tut. Zwischen beiden Firmen öffnet sich die vulkanische Hrazdan-Schlucht, überquert von der – wie der Volksmund sagt – „Säuferbrücke“.

Wer es sich einteilen kann, sollte unbedingt an einem Sonntag nach Etschmiadzin fahren, dem „Vatikan“ der Armenischen Apostolischen Kirche, und an der 11-Uhr-Messe teilnehmen. Auch wenn nicht Katholikos Karekin II. Nersissian, der Patriarch dieses altorientalischen Bekenntnisses, das Hochamt zelebriert, ist die Kathedrale gesteckt voll. Da nicht alle Menschen drinnen Platz finden, übertragen Lautsprecher die wundervollen Gesänge ins Freie. Karekin II. gilt als 132. Nachfolger von Gregor, dem Erleuchter, der (indirekt) das Christentum zur Staatsreligion erhob. Da dies der Legende nach bereits 301 geschah, betrachtet sich Armenien als ältestes christliches Land der Welt. Man begegnet dem Heiligen wieder in Khor Virap, wo er 13 Jahre lang in einem „tiefen Loch“ gefangen gehalten war. Diese unterirdische Location in Augenschein zu nehmen, kann nur schlanken Personen ohne Platzangst empfohlen werden. In erster Linie besuchen Touristen das Kloster, weil es einen prachtvollen Blick auf die beiden Ararats bietet. Vorausgesetzt, sie zeigen sich.

Wissenswertes über Armenien

Laut Legende wird im Jahr 301 das Christentum zur Staatsreligion. Armenien sieht sich als ältestes christliches Land der Welt.

Kaukasusrepublik: Armenien zählt mit Georgien und Aserbaidschan zu den drei Kaukasusrepubliken. In der Antike ein Großreich zwischen Mittel-, Schwarzem und Kaspischem Meer, ist es heute zu einem Binnen- und Kleinstaat von knapp 30.000 Quadratkilometern geschrumpft. In ihm leben drei Millionen Menschen, mehr als doppelt so viele aber sind über alle Länder der Erde verstreut.

Garni war einige Jahrhunderte lang Sommerresidenz der armenischen Könige. Innerhalb des Festungsgeländes ließ Tiridates I. im 1. Jahrhundert einen hellenistischen Mithras-Tempel errichten. Er wurde bei einem Erdbeben 1679 zerstört und ab 1966 mit Originalmaterial rekonstruiert.

Erewan ist die Hauptstadt und mit mehr als einer Millionen Einwohnern größte Stadt Armeniens. In Erewan befindet sich die berühmte Aufbewahrungsstätte alter Handschriften und Miniaturen Armeniens und anderer Länder, Matenadaran, wo 13.000 einmalige armenische Handschriften auf Pergament und Papier, über 100.000 alte Archivalien aus verschiedenen Wissensbereichen aufbewahrt werden.

Über Land und Leute

Ausgeprägtes Gebirgsland: 90 Prozent der Landesfläche liegen mehr als 1000 Meter über dem Meeresspiegel, die mittlere Höhe beträgt sogar 1800 Meter. Von Norden her erstrecken sich die mehr als 3000 Meter hohen Ausläufer des Kleinen Kaukasus. Die höchste Erhebung ist der erloschene Vulkan Aragaz (4090 Meter). Das Gebiet liegt in einem Faltengebirge – es entstand und verändert sich nach wie vor durch den Zusammenstoß der Eurasischen mit der Arabischen Platte – und ist dementsprechend stark erdbebengefährdet.

Sprache: Armenisch stellt einen eigenen Zweig der indogermanischen Sprachfamilie dar. Sie wird weltweit von sieben Millionen Menschen gesprochen, in Armenien von 95 Prozent der Bevölkerung.

Der Völkermord an den Armeniern wurde Anfang des 20. Jahrhunderts begangen, als im Zusammenhang mit armenischen Unabhängigkeitsbestrebungen und dem Ersten Weltkrieg (1914–1918) eine große Zahl von Armeniern im Osmanischen Reich, aus dem die heutige Republik Türkei entstand, getötet wurde. Im engeren Sinn versteht man darunter die Morde in den Jahren von 1915 bis 1917.

Gruppenreisen nach Armenien, auch kombiniert mit Georgien, veranstaltet u.a. Kneissl Touristik: www.kneissltouristik.at

Kommunistisches Erbe

Eine „Spezialität“, die Armenien freilich mit anderen postkommunistischen Staaten teilt, sticht in Alaverdi ins Auge: heruntergekommene Industriekomplexe.

Die dortige Ruine war einmal ein riesiges Kupferkombinat, das so viel Dreck in die Luft blies, dass es nach dem Zerfall der Sowjetunion geschlossen wurde, obwohl damit tausende Arbeitsplätze verloren gingen. Überhaupt ist die wirtschaftliche Lage in der Provinz immer noch reichlich trist, sodass Einwohner in die Hauptstadt Erewan übersiedeln oder gar ins Ausland abwandern.

Ein weiteres unseliges Erbe der kommunistischen Zeit zeigt sich am Sevansee, einem beliebten Ferienziel der Nomenklatura. Dem „armenischen Meer“, der blauen Perle des Landes, die mit 940 Quadratkilometern doppelt so groß war wie der Bodensee, wurde fortschrittsgläubig so viel Wasser für Landwirtschaft und Stromerzeugung entnommen, dass das biologische Gleichgewicht zu kippen drohte.

Der einzige Vorteil des ökologischen Größenwahns: Die beiden tausendjährigen Kirchen, die einst buchstäblich „isoliert“ lagen, sind nun nach dem Sinken des Seespiegels auch trockenen Fußes erreichbar.

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