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Reisen

Wallfahrt zum Hofmusikus

Von Von Inge Santner   07. Februar 2009 00:04 Uhr

Wallfahrt zum Hofmusikus
Wie hat Haydn wohl ausgesehen? Maler schönten den Musiker stets, da er schlimme Pockennarben hatte.

BURGENLAND. Für Liebhaber der Wiener Klassik gibt es keinen Zweifel, wo sie 2009 urlauben: im Burgenland, möglichst nahe an der Grenze zu Ungarn und der Slowakei. Das Haydn-Jahr muss man schließlich dort erleben, wo der Meister gewirkt hat.

Joseph Haydn meinte es gut mit seinen späteren Fans. Anders als der unstete Mozart arbeitete er die längste Zeit seines Lebens in einem Gebiet von wenigen Quadratkilometern. Die Spurensuche verläuft also denkbar bequem und lässt sich von einem einzigen Standquartier aus – beispielsweise der Storchenstadt Rust am Neusiedlersee – in Tagesausflügen bewältigen. Eine Stunde Radeln oder Schwimmen am Morgen ist zusätzlich drinnen.

Die genaue Abfolge der Exkursionen bereitet wenig Kopfzerbrechen. Man orientiert sich einfach chronologisch an Haydns Lebenslauf. Leerkilometer sind solcherart kaum zu befürchten.

Als Tagesziel Nummer eins schiebt sich selbstverständlich Haydns kleiner Geburtsort Rohrau ins Bild. Entlang der Dorfstraße parken Traktoren. Eines der ältesten Steinhäuser, weiß gekalkt und mit Schilf gedeckt, gehörte dem Wagnermeister und Dorfrichter Mathias Haydn, dessen Erstgeborener für eine Weltkarriere auserkoren war. In den niedrigen Räumen wuselten elf Geschwister herum. Der Vater griff an Feiertagen zur Harfe, die Mutter, Köchin im Rohrauer Schloss, begleitete ihn gern mit kräftiger Stimme.

Heute dagegen herrscht hier museale Stille. Im elterlichen Schlafzimmer betrachtet man fast gerührt ein schmales, bunt bemaltes Bett. Hernach wird an das nahe Ufer der Leitha spaziert, um für eine Weile definitiv aus der Zeit zu fallen.

Haydn in Hainburg

Der nächste Trip führt ans Ufer des Donaustroms. Dies deshalb, weil der musikalisch begabte Haydn im Alter von sechs Jahren zu einem Onkel in Hainburg geschickt wurde, der den Buben hart in die Pflicht nahm. Häufige Züchtigungen begleiteten den Gesangsunterricht und die ersten Fingerübungen an Blas- und Saiteninstrumenten. „Ich verdanke es diesem Manne noch im Grabe“, schrieb Haydn im Rückblick, „dass er mich zu so vielerley angehalten hat, wenn ich gleich dabey mehr Prügel als zu essen bekam.“ In welcher Gasse des geschichtsträchtigen und sehr hübschen Städtchens der Stock auf Haydns Hinterteil tanzte, lässt sich leider nicht mehr eruieren. Bekannt ist lediglich, dass ein gewisser Georg von Reutter den talentierten Knaben in Hainburg aufstöberte und anno 1740 zur weiteren Ausbildung nach Wien mitnahm.

Dann endlich Eisenstadt, der Höhepunkt jeder Haydn-Wallfahrt. Im Zentrum prunkt das mächtige Barockschloss der Fürsten Esterhazy, in dem Haydn fast drei Jahrzehnte, von 1761 bis 1790, als „Capellmeister“ wirkte und das Gros seiner 1200 Werke zur Aufführung brachte.

Dort ist das Meiste noch so wie einst – der freskengeschmückte Festsaal, das elegante Speisezimmer, der weitläufige Park. Ein eigener Haydn-Pfad erschließt zehn Eisenstädter Highlights, so das adrett renovierte Wohnhaus des fleißigen Tonsetzers, die Bergkirche mit seinem Mausoleum und zwei Orgeln, die der Maestro eigenhändig bediente. Alles in allem 38 Schauräume, 4000 Quadratmeter Reminiszenzen.

Hässlicher Haydn

Dem gewissenhaften Betrachter stellt sich allerdings beim Rundgang unweigerlich die Frage, warum die vielen ausgestellten Büsten und Porträts des gefeierten Mannes einander so wenig gleichen. Wahrscheinlich aus Gründen der Pietät. Das pockennarbige Gesicht des Joseph Haydn war nämlich in natura eher hässlich. Den zeitgenössischen Künstlern blieb somit nichts anderes übrig, als zu schmeicheln, zu glätten, zu schönen.

Sein erstes Opernhaus bekam Haydn im Sommer 1768. Damals bat Fürst Nikolaus der Prachtliebende 400 erlauchte Gäste zur Eröffnung des pannonischen Versailles nach Esterhazy auf der Südseite des Neusiedlersees. Auf dem Programm stand „Lo speziale“, komponiert, inszeniert und dirigiert vom Hofmusikus in eigener Person.

Wie die Festgäste von einst schreiten die Besucher 241 Jahre später durch ein dreiteiliges Riesentor aus Schmiedeeisen, passieren die Springbrunnen im Hof und starren verzückt auf einen Superlativ der Baukunst mit Hauptfront und ausladenden Seitenflügeln. Das Riesending nennt sich jetzt Fertöd und liegt im heutigen Ungarn. Ob dann noch Zeit bleibt für eine Visite im gleichfalls ungarischen Sopron mit zwei weiteren Esterhazy-Palästen? Oder zumindest für einen Ausflug in die heutige slowakische Hauptstadt Bratislava, wo einst die Grafen Erdödy und Apponyi oft auf das Musikgenie warteten? Hoffentlich.

Alle 107 Symphonien

Die Zeit wird unweigerlich knapp. Denn Tag für Tag sind prominente Orchester unter noch prominenteren Dirigenten angesagt, vom 31. März bis zum 4. Oktober 2009. Haydn-Hymne, Haydn-Opern, Haydn-Messen, Haydn-Oratorien, Haydn-Quartette, Haydn-Märsche in geballter Ladung. Keine einzige der 107 Symphonien darf fehlen.

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