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Reisen

Nur in der Ferne hat man Heimweh

05. November 2016 00:04 Uhr

Nur in der Ferne hat man Heimweh

Fernweh und Heimweh werden, das ergab vor Jahren eine Umfrage unter Sprachwissenschaftlern, zu den schönsten deutschen Wörtern gerechnet.

Das Wort "Heimweh" entstand am Ende des 16. Jahrhunderts als Bezeichnung für ein Gefühl, das bei den überall in Europa als Landsknechte tätigen Schweizern festgestellt und deswegen auch "Schweizer Krankheit" genannt wurde. Der Gegenbegriff des Fernwehs wird dem Schriftsteller und Weltreisenden Hermann von Pückler-Muskau zugeschrieben, der im frühen 19. Jahrhundert – oft zu Fuß – ausgedehnte Reisen durch Europa und die Mittelmeerländer unternahm und meinte, dass er niemals an Heimweh, sondern immer nur an Fernweh leide.

Aber während das Heimweh wirklich wehtun kann, ist das Fernweh mehr Freude als Leid. Im Fernweh stecken der Drang nach einem Ausbrechen aus den Fesseln des Alltags, der Wunsch nach einer Erweiterung des Horizonts und die Vorfreude auf aufregende Erlebnisse in fremden Kulturen und Landschaften. Das Englische verwendet für Fernweh ein Wort, das als Fremdwort aus dem Deutschen übernommen wurde, aber deutlich zum Ausdruck bringt, dass es hier ganz und gar nicht um eine Sache von Traurigkeit geht: nämlich "Wanderlust". Das ist nun zwar ein Wort, das mit dem, was man sich heute unter Fernweh oder gar Fernreisen vorstellt, nur mehr wenig zu tun hat. Es entstammt einer Zeit, als das Wandern und Reisen anfing, zu einem Vergnügen zu werden. Bis dahin waren Wandern und Reisen mehr Schmerz als Vergnügen, dienten der Buße, wenn man auf Wallfahrt ging, oder dem Erwerbsleben, wenn man als Handwerksgeselle oder Wanderhändler unterwegs war. Erst die Dichter und Philosophen der deutschen Klassik und Romantik machten aus dem Wandern ein Lebensgefühl und erfanden das Fernweh.

Aber das Fernweh kann nicht mehr mit Wanderlust gleichgesetzt werden, auch wenn das Wandern heute sicher noch weit mehr Menschen Freude bereitet als vor 200 Jahren. Doch Wanderlust und Fernweh haben sich auseinanderentwickelt. Niemand mehr würde eine Fahrt an den Attersee oder eine Wanderung auf den Dreisesselberg unter Fernweh einstufen. Nicht einmal Italien und Griechenland liefern klassische Fernwehträume, sondern die Inseln der Südsee, Südostasiens oder der Karibik. Die Welt ist erlebbar geworden. Die Verkehrsrevolution hat die Ferne nah werden lassen. Fernweh ist zum Kennzeichen unserer globalisierten Konsumgesellschaft geworden, die uns nach immer ferneren, exotischeren und prestigeträchtigeren Zielen suchen lässt, dabei aber immer spürbarer an die Grenzen dieser "Ferne" kommt.

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