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Reisen

14 Meter Freiheit

Von Bernhard Lichtenberger 22. Juni 2019 15:34 Uhr

14 Meter Freiheit
Der Fluss Sile als Spiegel der Natur.

Entdeckungsreise mit dem Hausboot in der venezianischen Lagune zu schätzehütenden Mönchen, einem französischen Winzer und einem schimpfenden Fischer.

"Und, wie fühlen Sie sich?", fragt Neil, nachdem er mich quasi ins kalte Wasser springen ließ. Wobei dieses sprachliche Bild im vorliegenden Fall zu umschiffen wäre – schließlich war es darum gegangen, ein nautisches Nackerbatzl im Handumdrehen zu einem tauglichen Bootskapitän zu machen. Den Schlüssel drehen, ein Alarmsignal, glühen, starten, das Steuer einschlagen, mit der Linken Gas geben, gegenschlagen, Gas im Retourgang, vor, zurück, umgedreht, und jetzt noch verkehrt zwischen zwei Pfosten hindurch am Steg anlegen, wieso reagiert der Kahn so langsam, weniger Gas, geht sich das aus, ohne das Nachbarboot zu versenken? Und dann fragt da einer, wie man sich fühlt?

14 Meter Freiheit
Monsieur Michel Thoulouze produziert den einzigen Wein Venedigs.

Neil, der im italienischen Lughignano die Geschicke des Hausbootvermieters Le Boat lenkt, ist zufrieden. Wäre er es nicht, entließe er den Neuling nicht mit einem ermutigenden Winken in die Sile, die ruhigen Flusses der venezianischen Lagune entgegenmäandert. Noch nötigt die Minuetto 8 dem Novizen Ehrfurcht ab. Immerhin misst sie in der Länge fast 14 Meter, die vom Außensteuerstand auf dem Oberdeck manövriert werden wollen. Mit der Zeit setzt sich jedoch die Zuversicht durch, auch außerhalb der Badewanne Kapitän sein zu können.

Der mit der Faust spricht

Der verkrampften Haltung folgt eine Pose von gewisser Lässigkeit. Und allmählich sickert ein, dass das Boot etwas träge reagiert und das aufgeregte Hin- und Hergefummel am Steuerrad überflüssig ist. Mit der gewonnenen Souveränität öffnet sich der Blick für das, was links und rechts des Buges begegnet. Schwäne gleiten durch Weidenbögen. Hornenten fliegen knapp über der Wasseroberfläche. Eine Bisamratte taucht im Dickicht unter. Jahrhundertealte Villen säumen den Fluss. Eine Joggerin hält am Uferpfad locker unser Tempo. Über selbiges ist ein Fischer wenig erfreut, weil unser Wellenschlag sein Schinakel ordentlich beutelt. Die italienische Schimpftirade ist nicht zu verstehen, die geballte Faust übersetzt aber recht gut. Wir geloben Besserung.

14 Meter Freiheit
Die Minuetto 8 bietet Komfort und lässt sich relativ schnell auch vom Ungeübten manövrieren.

Durch flaches Marschland, vorbei an Fischerhütten mit ihren weit ausladenden, über dem brackigen Wasser baumelnden Netzen, geht es hinaus in die Lagune. Dalben, pyramidenartig zusammengebundene Holzpflöcke, weisen den Weg durch die Fahrrinnen. Links oder rechts? Das ist die Frage des Passierenden. Sieht er die Nummer auf den Pfosten, ist er auf der richtigen Seite. In der Ferne sind die Kuppel des Markusdomes und sein Glockenturm, der Campanile, auszumachen. Doch Venedig kann warten. Schließlich gibt einem das Hausboot die Freiheit, sich dem Sog touristischer Ströme zu entziehen und Unbekanntes, Verborgenes, Unterschätztes, Überraschendes zu entdecken.

Vom Medienmacher zum Winzer

Da wäre zum Beispiel Sant’ Erasmo, die zweitgrößte Insel der Lagune, deren Bauern die Gemüsemärkte beschicken und die für ihre kleinen Artischocken bekannt ist. Vor zwanzig Jahren hat sich hier Michel Thoulouze niedergelassen. "Ich bin wegen der Aussicht gekommen", sagt der 73-jährige Franzose, der als Medienmanager Dutzende TV-Sender mit aus der Taufe gehoben hat. Heute ist er Winzer, der einzige hauptberufliche in der Lagune. "Du hast das Land mit dem besten Boden gekauft, haben mir damals Einheimische bescheinigt", erzählt er und zieht an seiner Filterlosen. Später entdeckte er auf einer Karte aus dem 17. Jahrhundert, dass auf seinem Grund einst ein Weingarten gedieh. Als er sich anschickte, hier wieder Wein anzubauen, hielten ihn befreundete Winzer aus dem Burgund für verrückt – standen ihm aber beratend zur Seite.

Thoulouze verzichtet auf Sulfate, Pestizide, Bewässerung und Düngung, "denn nicht der Mensch, sondern das Terroir macht den Wein". Die Weißweintrauben Fiano, Vermentino und Malvasia Istriana ergeben eine Cuvée namens "Orto", die jährlich in 15.000 bis 18.000 Flaschen abgefüllt wird. Die venezianische Exklusivität lässt sich Monsieur Thoulouze entsprechend bezahlen. Ab 25 Euro kostet die Bouteille.

14 Meter Freiheit
Eine hölzerne Dalbe zeigt die Fahrrinne an, die sicher um die Insel Burano führt.

An der winzigen Klosterinsel San Francesco del Deserto, die einst Franz von Assisi betreten haben soll, mundet auf dem Oberdeck ein Fläschchen zur mittäglichen Jause. Die ist so bunt ausgefallen wie die Häuser auf dem nahen Eiland Burano. Die kulinarischen Erlebnisse sind jedoch keineswegs an den Inhalt des Bordkühlschranks gebunden. Von einem Steg flussabwärts von Casale sul Sile bedarf es nur weniger Schritte, um im mondän angehauchten Ristorante La Corte vorzüglich zu dinieren, von Kabeljau mit rohem Spargel und Basilikum-öl bis zum Wolfsbarsch. Hier wartet das schwimmende Schlafzimmer ebenso quasi vor der Lokaltür wie beim Restaurant Antica Dogana am nordwestlichen Zipfel von Treporti.

Wo Rod Stewart speiste

In dem schmucken ehemaligen Zollhaus der Österreicher aus dem Jahr 1853 darf man sich auf die Empfehlungen von der aus dem Pustertal stammenden Martina Hintner verlassen, mit denen schon die Gaumen von Rod Stewart oder Basketball-Legende Magic Johnson umschmeichelt wurden: fantastisch der Knurrhahn in pikanter Sauce aus Tomaten, Oliven, Kapern und Oregano, unwiderstehlich die Lagunen-Spezialität "Brodetto", bestehend aus diversen Fischen und Krustentieren in feinem Tomatensud, dazu Polenta.

Der Wasserslalom zwischen künstlichen Aufschüttungen und Inselchen offenbart die Vielfalt der Lagune: San Servolo, wo das Spital von der Psychiatrie und diese von einer Universität abgelöst wurde; San Lazzaro degli Armeni mit dem Kloster, das seine Pforten täglich nur um 15.30 Uhr für Führungen zu den bedeutendsten Schätzen armenischer Kultur öffnet. Und schließlich wird man auch des Abfalls ansichtig, den Müllboote aus Venedig zu einem der Stadt abgewandten Abschnitt eines Eilandes transportieren – zur Freude hunderter Möwen.

14 Meter Freiheit
Der prächtige Innenhof des armenischen Klosters, das nur einmal am Tag kurz die Pforten öffnet.

Selbstredend wird an Dogenpalast und Markusplatz vorbeigetuckert, wo es wie auf einem Ameisenhaufen wurlt. Auf dem Kanal davor geht es auch wenig beschaulich zu. Fähren, Vaporettos und kleine Motorboote fahren kreuz und quer. Würde Neil jetzt fragen, wie es einem gehe, hieße es: "Gestresst!" Aber als Hausboot-Kapitän hat man ohnehin die Freiheit, erneut den Kurs der Entschleunigung einzuschlagen.

 

14 Meter Freiheit
Genuss zwischendurch: eine Jause auf dem Oberdeck, dazu ein Flascherl Wein

Mit dem Hausboot unterwegs

Harald Böckl hat sein Hobby zum Beruf gemacht. Der Österreicher betreibt seit 32 Jahren eine Agentur, die auf Hausboot-Reisen in ganz Europa (u. a. Frankreich, Irland, Deutschland, Italien etc.) spezialisiert ist.
Die Minuetto 8, mit der wir in der venezianischen Lagune unterwegs waren, wird für acht Personen empfohlen. Das Boot verfügt über vier Kabinen für je zwei Personen, drei Bäder, eine perfekt ausgestattete Küche inkl. Geschirrspüler und ein geräumiges Wohnzimmer. Wochenmiete je nach Start-Samstag zwischen 2159 und 4219 Euro.
Info: hausboot-boeckl.com,
Tel. 01 / 470 470 8

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