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Gesundheit

Wenn es wo zu voll ist, kann man mit Verzicht Räume schaffen

13. März 2021 00:04 Uhr

Wenn es wo zu voll ist, kann man mit Verzicht Räume schaffen, um zu atmen, um sich zu bewegen, um zu leben
Christian Firus

Christian Firus, Facharzt für Psychosomatische Medizin, Psychotherapie und Psychiatrie weiß, was man gewinnt, wenn man verzichtet.

Seit 2004 arbeitet Christian Firus als Oberarzt an der Psychosomatischen Rehaklinik Glotterbad nahe Freiburg im Breisgau.

OÖNachrichten: Ist Verzicht in Zeiten des verordneten Verzichts nicht zu viel des Guten?

Christian Firus: Es kommt ganz entscheidend auf den Punkt an, ob ich eine innere Zustimmung finde oder in innere Opposition gehe. Für eine Untersuchung hat man Fastende befragt, die dafür in eine Klinik gingen. Ein Teil davon war freiwillig in die Klinik gekommen, ein Teil von ihrem Arzt dazu genötigt worden. Trotz gleichen Programms für alle, hatten diejenigen, die unfreiwillig da waren, eine viel höhere Stressbelastung.

Wobei die äußere Welt derzeit eine völlig andere ist als üblich …

Ja, es macht schon einen Unterschied, ob man sich in eine Lockdown-Situation hineinfindet und vielleicht sogar positive Aspekte findet, oder ob ich mich die ganze Zeit darüber ärgere und in innerer Auflehnung bin.

Wäre folglich Fasten für Corona-Leugner nicht die beste Idee?

Na ja, wenn man sie dazu nötigt, dann nicht. Wenn sie es freiwillig machen, gäbe das eine ganz andere innere Resonanz.

Ist nicht generell der Wunschgedanke, abzunehmen, zu wenig Motivation für Nahrungsverzicht? Es kommt ja sowieso wieder der Jojo-Effekt …

Ich glaube, es braucht die Perspektive: Was gewinne ich denn durch den Verzicht? Das Wort Verzicht klingt ja erst einmal überhaupt nicht sexy. Es klingt nach dem, was ich nicht haben will, nach Entbehrung und Unfreiwilligkeit. Wenn ich allerdings Ziele vor Augen male, die ich erreichen möchte, etwa eine Gewichtsabnahme, dann wäre das ein höheres Gut als die Chipstüte, die ich am Abend direkt vor mir habe.

Haben Sie den Eindruck, dass die Menschen in Krisenzeiten wie diesen weniger Verzicht üben?

Da habe ich keine belegbaren Zahlen. Ich glaube, es gibt verschiedene Lager. Die einen sagen, ich verzichte schon genug, was soll das jetzt? Denn wir sehen ja in der Coronakrise, die uns seit einem Jahr beherrscht, dass die Leute im Schnitt mehr Suchtmittel zu sich nehmen und mehr Medien konsumieren. Andererseits entdecken Leute regelmäßiges Spazierengehen oder selbst gesund zu kochen.

Kann der derzeitige aufgenötigte Verzicht auf soziale Nähe noch lange aufrechterhalten werden?

Soziales Miteinander ist unser Lebenselixier. Wir sind soziale Wesen, die Menschheit ist durch Gemeinschaft stark geworden. Wenn uns das auf Dauer abgeschnitten wird, hat das massive Konsequenzen. Das kann man an Kindern und Jugendlichen sehen. Da gibt es erste Studien, die darauf hinweisen, dass die psychische Belastung durch Isolation und Vereinsamung zunimmt.

Stimmt es, dass der Verzicht – früher eine stille Auseinandersetzung mit sich selbst – zu einem Statussymbol geworden ist, von dem ungefragt erzählt wird?

Eine interessante Beobachtung, die wohl damit zu tun hat, dass das "Weniger" immer mehr zum Mainstream wird. Im Überfluss liegt nicht das Glück allein.

Verzicht wird oft nur mit plakativen Dingen verbunden (Verzicht auf Süßes, Zigaretten, Handy). Wäre nicht der Verzicht auf ebenso schädigende Vorgänge begrüßenswert, die aber ausgeblendet werden? Das Hamsterrad, das zum Burnout führt, oder die Karriere, die einen ruiniert?

Absolut. Ich bekomme in meiner täglichen Praxis mit, dass das Hamsterrad viele Menschen betrifft und viel mit unserer modernen Leistungsgesellschaft zu tun hat. Da hilft ein Umdenken, dass weniger letztlich durchaus viel Lebensqualität mit sich bringen kann und damit auch zufriedener macht. Ich habe etliche Patienten, die zum Beispiel einen Karriereschritt rückgängig gemacht haben, der sie völlig überfordert hat. Es gibt mehr als nur Karriere und Leistungsdenken.

Könnte ein Rezept lauten, seine Ziele nicht zu hoch zu stecken?

Mit den Zielen ist das so eine Sache. Es muss letztlich ein Ziel sein, das gut zu mir passt. Wenn ich mir das Ziel setze, möglichst früh Millionär zu werden, wähle ich mir vielleicht den Beruf des Investmentbankers und fühle mich getrieben von der Sache – habe aber mein Ziel erreicht. Wir sehen aber auch, dass sich das Wohlstandsniveau in der westlichen Welt in den vergangenen dreißig bis vierzig Jahren verdreifacht hat, das Glücks- und Zufriedenheitsniveau aber gleich geblieben ist oder einen Tick schlechter wird. Das heißt: Es braucht materiellen Wohlstand bis zu einem gewissen Punkt, aber wenn der überschritten ist, gibt es keinen Zugewinn an Lebenszufriedenheit.

Und man muss halt schon ein bisserl dankbar sein auch, oder?

Es gibt viele überzeugende Studien, die belegen: Wenn wir uns mehr auf Dankbarkeit fokussieren, beeinflusst das ganz massiv positiv die Lebensqualität. Aufgrund der Evolution hat unser Gehirn ja eine Schlagseite hin zum Negativen bekommen. Wir mussten sehr schnell erkennen, wo die Gefahren und Probleme sind, um zu überleben. Das führt aber dazu, dass das Verhältnis zwischen guter und schlechter Information im Gehirn mindestens vier zu eins verschoben ist. Das heißt: Wenn ich etwas Negatives ausgleichen will, brauche ich drei bis vier gute Dinge, auf die ich fokussiere. Das muss ich wissen, weil die allermeisten Menschen werden sehr schnell von schlechten Nachrichten angezogen – erst recht, wenn man zu Depressionen oder Ängsten neigt. Dem etwas entgegenzusetzen ist nicht einfach, aber Dankbarkeit ist mit ein Weg.

Kann man das trainieren und wenn ja, wie?

Ja, indem man zum Beispiel ein Dankbarkeitstagebuch führt, worin man täglich zu einer festgesetzten Zeit drei bis fünf Dinge aufschreibt, für die man dankbar ist.

Was halten Sie von Verzicht zur Selbstoptimierung?

Wenn man dies oder jenes durch Verzicht zu erreichen glaubt, etwa sein Idealgewicht oder Muskeln im Fitnessstudio, und dann meint, man gehöre dazu und sei glücklich, so ist das eine Falle. Sie führt dazu, dass man nie mit dem zufrieden ist, was jetzt ist. Deshalb mein Plädoyer, sich kritisch anzusehen, wo optimiere ich mich und wo bin ich nicht in gutem Kontakt mit mir. Optimieren heißt ja auch, ich bin nicht zufrieden mit mir.

Verzicht braucht es vielleicht ja auch, wenn etwas zu voll wird …

Wenn ich schaue, wo ist zu viel, wo ist es voll und wo kann ich durch Verzicht mehr Raum schaffen, um zu atmen, um zu leben und um sich zu bewegen, entsteht etwas Lebendiges. Heute erlebe ich viele Menschen mit zu wenig Bewegung sowohl in körperlicher als auch in geistiger Hinsicht – in einem zu engen Korsett. (but)

Christian Firus, "Was wir gewinnen, wenn wir verzichten": Patmos-Verlag, 160 Seiten, 16,90 Euro

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