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Gesundheit

EMA: Allergische Reaktionen mögliche Nebenwirkung von AstraZeneca-Impfstoff

Von nachrichten.at/apa   12. März 2021 14:46 Uhr

(v.l.) Thomas Szekeres (Österr. und Wiener Ärztekammer), Elisabeth Potzmann (Österr. Gesundheits- und Krankenpflegeverband), Herwig Kollaritsch ("Österreich impft"-Sprecher) und Ulrike Mursch-Edlmayr (Österr. Apothekerkammer) 

WIEN. Es besteht kein kausaler Zusammenhang zwischen Gerinnungsstörungen und der Impfung von AstraZeneca sagen Experten aus Österreich. Die EMA schließt jedoch nicht aus, dass schwere allergische Reaktionen eine Nebenwirkung sein können.

Der Corona-Impfstoff des Herstellers Astrazeneca kann nach Einschätzung der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) schwere allergische Reaktionen auslösen. Anaphylaxie sowie Überempfindlichkeitsreaktionen sollten in die Liste der möglichen Nebenwirkungen des Vakzins aufgenommen werden, erklärte die EMA am Freitag unter Verweis auf mehrere solcher Fälle in Großbritannien.

41 mögliche Fälle unter fünf Millionen Impflingen

Es gebe Berichte über 41 mögliche Anaphylaxie-Fälle unter fünf Millionen Impflingen in Großbritannien, berichtete die Behörde mit Sitz in Amsterdam. Nach einer sorgfältigen Auswertung der Daten halte das für die Impfstoff-Risikobewertung zuständige Komitee einen Zusammenhang zwischen der allergischen Reaktion und der Impfung mindestens in einigen dieser Fälle für wahrscheinlich.

Das Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG) erläuterte in einer Stellungnahme, dass die Anaphylaxie eine bekannte Nebenwirkung sei, die sehr selten bei Impfstoffen auftreten kann. Sie ist bereits in der Gebrauchsinformation ("Beipackzettel") und in der Fachinformation für medizinisches Fachpersonal für den Covid-19-Impfstoff von Astrazeneca als potenzielles Risiko angeführt worden. Das Pharmacovigilance Risk Assessment Committee (PRAC) der EMA hat eine Aktualisierung der Fachinformation empfohlen: Anaphylaxie und Überempfindlichkeit (allergische Reaktionen) sollen nicht nur im Abschnitt "Besondere Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen für die Anwendung", sondern auch im Abschnitt "Nebenwirkungen" nochmals als Nebenwirkung aufgelistet werden. Bei den anderen bereits zugelassenen Covid-19-Impfstoffen ist diese Information bereits in der Fachinformation angeführt, berichtete die BASG. Diese Aktualisierung solle lediglich zeigen, dass auch beim Impfstoff von Astrazeneca Fälle von Anaphylaxie berichtet wurden.

Der britisch-schwedische Pharmakonzern Astrazeneca wies indes Sorgen wegen schwerer Nebenwirkungen im Zusammenhang mit Gerinnungsstörungen seines Corona-Impfstoffs zurück. "Eine Analyse unserer Sicherheitsdaten von mehr als zehn Millionen Datensätzen hat keine Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Lungenembolien oder tiefe Venenthrombosen gezeigt", teilte ein Sprecher am Freitag mit.

Experten: Kein Zusammenhang erkennbar

Ähnlich sieht die Einschätzung von österreichischen Experten aus: "In England sind zehn Millionen Menschen mit AstraZeneca geimpft, im Rest Europas fünf Million. Es hätte schon sehr auffallen müssen, wenn es einen Zusammenhang gibt", sagte etwa Ärztekammer-Präsident Thomas Szekeres.

Herwig Kollartisch, Epidemiologe und Mitglied des nationalen Impfgremiums, erläuterte in diesem Zusammenhang die Hintergrundinzidenz in der Altersgruppe der 20- bis 64-Jährigen. Rund 130.000 Menschen wurden in Österreich bisher mit AstraZeneca geimpft. Vergleicht man diese Gruppe nun mit 130.000 Menschen, die noch nicht geimpft wurden, hätten unter diesen laut Statistik 3,7 Personen ein thromboembolisches Ereignis erlitten, erläuterte Kollaritsch. "Das kommt auch in der normalen, ungeimpften Bevölkerung vor, wir sind nicht über der Hintergrundinzidenz", sagte der Experte. In ganz Europa mit fünf Millionen Geimpften habe es bisher derartige Ereignisse nur bei 30 Personen gegeben. "Auch die Berechnung der Mortalität liefert keinen Hinweis darauf, dass es bei Geimpften häufiger auftritt", betonte der Mediziner.

Video: Festhalten an AstraZeneca

Sowohl Kollaritsch als auch Szekeres sprachen sich aber für genaue Untersuchungen der Vorfälle aus. Zu hundert Prozent ausgeschlossen werden könne ein Zusammenhang nicht. Tatsache sei aber, "wenn wir in Österreich die Impfung mit Astrazeneca aussetzen, hätten wir eine größere Lücke und könnten über längere Zeiträume nicht impfen", sagte Kollartisch. Damit würde man "eine hohe Infektionszahl und Todesfälle bewusst in Kauf nehmen", warnte der Epidemiologe. Es müsse immer eine Nutzen-Risiko-Abwägung gemacht werden, die in dem Fall deutlich für AstraZeneca spreche.

"Der Ruf von Astrazeneca ist ramponiert, das ist gar keine Frage", konstatierte Kollaritsch. Das Vertrauen der Bevölkerung zurückzugewinnen, sei eine Sisyphusaufgabe. "Wenn sich wieder herausstellt, dass die Diskussion nicht entsprechend Sinn macht, wird das der Fall sein", war sich Kollaritsch aber sicher. Dass die Produktionsqualität der Impfstoffe im Zusammenhang mit den Todesfällen eine Rolle spielt, glaubt er nicht. Sowohl der Hersteller als auch die EU prüft jede Charge, bevor sie freigegeben wird, sagte der Epidemiologe.

"Man hat nichts gefunden" 

Eine 49-jährige Krankenschwester des Landesklinikums Zwettl war in Folge schwerer Gerinnungsstörungen gestorben, eine 35-jährige Kollegin entwickelte eine Lungenembolie, befand sich zuletzt jedoch auf dem Weg der Besserung. Bei diesen beiden Fällen in Niederösterreich hatten die betroffenen Frauen zuvor Impfungen aus derselben Charge erhalten. Auch wenn zunächst kein kausaler Zusammenhang ausgemacht worden war, wurde vom Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG) die betreffende Charge aus dem Verkehr gezogen und eine Untersuchung des Todesfalls veranlasst, die noch im Gang ist. "Die Charge wurde noch einmal überprüft, das war eine reine Vorsichtsmaßnahme. Tatsache ist, dass man nichts gefunden hat", bekräftigte Kollartisch.

Szekeres verwies auch darauf, dass in Österreich primär Gesundheitspersonal geimpft wurde und Thrombosen in der Gesamtbevölkerung gehäuft bei Frauen auftreten. Außerdem gebe es in diesem Zusammenhang eine Assoziation mit der Einnahme der Pille und genetischer Veranlagung.

"Das ist keine exakte Wissenschaft" 

Wie Kollartisch weiter ausführte, laufen im Zusammenhang mit den Todesfällen in Österreich und Italien noch Untersuchungen, Ergebnisse wird es erst in Tagen oder Wochen geben. "Aber auch dann werden wir keine absolute Sicherheit haben, ob hier ein Zusammenhang bestehen könnte, das ist keine exakte Wissenschaft", sagte der Experte. Allerdings werde man eine "entsprechend hohe Wahrscheinlichkeit anbieten können".

Alle Experten betonten bei der Pressekonferenz am Freitag einmal mehr, dass mit der Impfung das Ende der Pandemie in Sicht gestellt werden kann. Wie die Präsidentin der Apothekerkammer, Ulrike Mursch-Edlmayr, außerdem ausführte, finden in den heimischen Apotheken jeden Tag zahlreiche Aufklärungsgespräche bezüglich der Impfungen statt. Im Pandemiejahr waren die Apotheken eine wichtige Anlaufstelle, "Ort der Beratung für die Bevölkerung, Ort des Vertrauens und Ort der Sicherheit". Seit die Apotheken auch die Gratis-Schnelltests durchführen, wurden 1.500 Infizierte gefunden, was ein "großer gesundheitspolitischer Erfolg" sei.

Bei den kostenlosen Wohnzimmertests gab es Lieferprobleme, meinte auch Mursch-Edlmayr, der "Nachschub hat nicht ganz funktioniert". Nun sei dieser aber bereits in Auslieferung und soll über das Wochenende in den Apotheken wieder einzeln abgepackt werden. Somit soll die Bevölkerung "fließend nach und nach versorgt" werden können. Jeder Versicherte, der nicht von ELGA ausgetreten ist, hat Anspruch auf fünf Gratis-Tests im Monat.

Auch der Österreichische Gesundheits- und Krankenpflegeverband (ÖGKV) unterstützt die Impf-Initiative. ÖGKV-Präsidentin Elisabeth Potzmann appellierte an ihre Kollegen, die "Chance zur Impfung wahrzunehmen, auch in einer Rolle als Vorbild. Gerade Mitarbeiter in Gesundheitsberufen leisten in der Information und Aufklärung der Bevölkerung einen unschätzbar wertvollen Beitrag".

Am Freitag gab es einen neuen Rekord bei Neuinfektionen in Österreich, 3.126 kamen in den vergangenen 24 Stunden hinzu. Sollten die Zahlen weiter steigen, "fürchte ich, dass sich mein Besuch im Schanigarten nicht ausgeht, was mir sehr leidtut", kommentierte Szekeres. Außerdem würden sich immer weniger Menschen an den Lockdown halten.

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