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Gesundheit

Multiple Sklerose: "Immer wieder die Angst vor dieser Unberechenbarkeit"

Von Julia Evers und Barbara Rohrhofer   22. Mai 2019 00:04 Uhr

Multiple Sklerose: "Immer wieder die Angst vor dieser Unberechenbarkeit"
Julia Koschitz spielt in „Balanceakt“ die Architektin Marie, bei der Multiple Sklerose diagnostiziert wird.

Der Film "Balanceakt" (29. Mai, ORF 2) zeigt, wie die Diagnose MS das Leben verändert.

Ein gesundes Kind, eine glückliche Beziehung, ein Job, der mehr ist als nur Einkommensquelle: Doch mit der Diagnose "Multiple Sklerose" ändert sich das Leben der Architektin Marie (Julia Koschitz) schlagartig. Der Film "Balanceakt" ist am 29. Mai um 20.15 Uhr in ORF 2 zu sehen.

OÖNachrichten: Im Film "Balanceakt" geht es um MS. Welche persönlichen Berührungen haben Sie vor diesem Film mit dem Thema gehabt?

Julia Koschitz: Ich hatte Berührungen mit MS, aber eher im entfernten Bekanntenkreis. Zur Vorbereitung des Films habe ich mich eingehend mit drei MS-Erkrankten unterhalten. Alles Frauen, in der Mitte des Lebens, die neben ihrer Familie ein sehr anspruchsvolles Berufsleben geführt haben, ob selbstständig oder in Führungsrollen, die von der Persönlichkeit einen ähnlichen Tatendrang hatten wie meine Rolle und dann mit der Krankheit konfrontiert wurden. Das war für mich natürlich interessant, weil es nicht nur um den Umgang mit MS und die Symptome ging, sondern um die Frage, was diese Krankheit mit einem als Mensch macht und als Frau, inwieweit sie das Leben der Betroffenen verändert hat.

Und was kam bei Ihren Recherchen heraus?

Dass das bisherige Lebenskonzept erst mal vollkommen aus den Fugen gerät – sowohl für den Erkrankten als auch für Nahestehende. Dass die Krankheit einerseits eine Bedrohung darstellt, dass es viele Einbußen gibt psychisch wie physisch, dass sie andererseits aber auch positive Veränderungen mit sich bringt, weil man sich viel mehr auf das Wesentliche konzentriert.

Auch wenn MS eine sehr verbreitete Krankheit ist, weiß man man oft wenig darüber.

Das geht uns mit vielen Krankheiten so, zumindest ist das meine Erfahrung. Ich selber wusste auch wenig über MS, außer dass einen die Krankheit aus heiterem Himmel erwischen kann, dass man im Dunkeln stochert, welche Ursachen die Krankheit hat. Dass sie in Schüben kommt und dass immer wieder die Angst vor dieser Unberechenbarkeit, dem nächsten Schub und seinen Folgen im Raum steht. Die Krankheit steht für mich im Film aber als Stellvertreter für einen Bruch, einen Schicksalsschlag, der plötzlich alles in Frage stellt und jeden in seiner Rolle zu einer Veränderung zwingt – innerhalb der Familie, des Berufslebens, und auch im Selbstbild des Erkrankten.

Wenn man sich für einen Film so eingehend mit einer Krankheit beschäftigt, hinterlässt das Spuren im Privatleben oder konnten Sie das leicht von sich wegschieben?

Ich bin in meiner Recherche draufgekommen, dass viele Frauen ab 40 von ihrer Diagnose erfahren. Und da die Symptome mannigfaltig sein können, von Sehstörungen bis eingeschlafenen Gliedmaßen, hab ich während meiner Vorbereitung natürlich auch manchmal gedacht, dass ich es jetzt vielleicht hab. Aber mir war schon klar, dass das etwas hysterisch war.

Sie sind Österreicherin, sind aber in Deutschland zur Schule gegangen und leben meist dort. Werden Sie als Österreicherin wahrgenommen?

In Deutschland ist jeder überrascht, wenn ich sage, dass ich Österreicherin bin. Mit meinen Eltern und Freunden in Österreich spreche ich aber so, dass ich mich für Deutsche österreichisch anhöre.

„MS ist zu einer unsichtbaren Krankheit geworden“

Jeden Tag erkrankt ein Mensch in Österreich an Multipler Sklerose, kurz MS genannt, Frauen sind dreimal öfter betroffen als Männer.

MS wird durch eine Fehlfunktion im Immunsystem hervorgerufen. Dadurch entstehen entzündliche Herde in verschiedenen Teilen des Gehirns – dies erklärt auch die unterschiedlichen Symptome dieser „Krankheit mit den 1000 Gesichtern“, die bei Menschen zwischen 40 und 45 Jahren am häufigsten diagnostiziert wird.

Manche Betroffene sehen Doppelbilder, andere spüren ein Kribbeln in den Gliedmaßen, wieder andere sprechen von einem Taubheitsgefühl am ganzen Körper. Die Diagnose wird mit einer MRT-Untersuchung gestellt.

„Am häufigsten ist die schubförmige MS. Hier treten die Symptome über mindestens zwei Tage, häufiger über einen längeren Zeitraum auf. Von diesem Schub erholt sich die Mehrzahl der Patienten wieder. Die Schübe entsprechen der Entzündungsaktivität“, sagt Primar Tim von Oertzen, Vorstand der Klinik für Neurologie 1 und Leiter des Zentrums für Altersmedizin am Kepler-Universitätsklinikum Linz. Allein in Oberösterreich gibt es 2300 Betroffene – und kein Fall ist mit dem anderen vergleichbar.

Fest steht aber, dass die Erkrankung wesentlich besser behandelbar ist als noch vor 25 Jahren, sagt Tim von Oertzen und zitiert eine amerikanische Studie, die belegt, dass sich MS-Patienten früher nach durchschnittlich 17 Jahren Erkrankung nicht mehr ohne Unterstützung fortbewegen konnten. „Heute sind neun von zehn Patienten nach dieser Zeit noch mobil. Das ist ein Riesenerfolg“, sagt der Neurologe. Die besseren Medikamente haben MS zu einer „unsichtbaren Krankheit“ gemacht, sagt auch Michael Guger, Neurologe und Leitender Oberarzt am Kepler-Universitätsklinikum. Oberösterreich verfüge über eine flächendeckende, wohnortnahe Versorgung für MS-Patienten, betonte Gesundheitslandesrätin Christine Haberlander.

Die MS-Gesellschaft nimmt den „Welt-MS-Tag“ am 29. Mai zum Anlass, um ab 18 Uhr am Linzer Med Campus III den Auftakt ihrer MS-Gespräche zu veranstalten. Erstes Thema: „MS und Sport – Fitness für Körper und Seele“.

Infos unter www.msges-ooe.at

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