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Gesundheit

Gesund statt brav ist die Devise

Von Dietlind Hebestreit  17. September 2021 00:04 Uhr

Gesund statt brav ist die Devise

Gendermedizin bedeutet auch, dass Frauen sich selbst wichtiger nehmen müssen. Nur so werden Krankheiten rechtzeitig erkannt

Sie kümmern sich um die Gesundheit ihrer Kinder und schicken ihre Männer zum Arzt – doch wenn sie selbst Schmerzen oder andere Symptome haben, stellen sich Frauen hinten an. Bei einer Diskussion über Gendermedizin im Linzer Lentos diskutierten Expertinnen und Experten am Donnerstag auf Einladung der SP-Frauen in Oberösterreich darüber, wie sich dieses Dilemma lösen lässt.

Die wichtigste Botschaft von Sozialwissenschafterin Anna Maria Dieplinger: "Frauen sollten besser auf sich achten, beim Arzt klar formulieren, was ihnen fehlt, und die Informationen einfordern, die sie brauchen. Gesundheit beginnt bei jedem selbst." Die Gendermedizin-Expertin nennt harte Fakten: Bei Herzinfarkten dauert es bei Männern im Durchschnitt drei Stunden, bis sie ins Krankenhaus kommen, bei Frauen ist es eine halbe Stunde mehr. Das führt dazu, dass sie dann bereits in einem schlechteren Zustand sind, später auf dem OP-Tisch landen und im Fall der Fälle länger auf der Intensivstation liegen müssen.

Arzt hat mehr Zeit für Männer

Es ist auch wissenschaftlich belegt, dass Mediziner mit Männern die Diagnose länger besprechen als mit Frauen. "Ärzte sollten lernen, dass sie mit Frauen anders reden müssen. Diese erzählen Geschichten, Männer drücken sich oft klarer aus und fragen öfter nach." Wenn es um Reha- oder Krankenhausaufenthalte geht, stellt das gerade Alleinerzieherinnen vor oft unlösbare Kinderbetreuungsprobleme. Das müsse auch der Arzt bei seiner Beratung miteinbeziehen und Überzeugungsarbeit leisten.

Dem stimmte SP-Landesrätin Birgit Gerstorfer zu: "Medikamente und medizinische Behandlungen werden überwiegend für Männer erforscht und getestet. Für eine bestmögliche Gesundheitsversorgung muss sich die Medizin auf die spezifischen Bedürfnisse von Frauen ausrichten. Sowohl im Medizinstudium als auch in der Forschung muss Gendermedizin zum Schwerpunktthema werden." Laut Dieplinger wäre Linz prädestiniert für einen Gender-Schwerpunkt , da es an der JKU bereits viele Genderexpertinnen in verschiedenen Bereichen gebe. SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner sagte: "Das Wissen, dass bei der Diagnose und Behandlung vieler Krankheiten Unterschiede zwischen Frauen und Männern eine wichtige Rolle spielen, sickert noch viel zu langsam in die medizinische Routine ein."

Schmerzen werden bagatellisiert

SP-Landesfrauenvorsitzende Renate Heitz sprach bei der Veranstaltung über das Thema Schmerzen: "So wie es unterschiedliche Symptome zwischen Frauen und Männern gibt, gibt es auch ,typische‘ Frauenerkrankungen, wie zum Beispiel Endometriose. Es wird vermittelt, Schmerzen während der Regelblutung seien einerseits völlig normal, andererseits wird suggeriert, man übertreibe." Dem stimmte auch Univ.-Prof. Peter Oppelt zu, der die Endometriose-Ambulanz im Kepler Universitätsklinikum Linz leitet (mehr zu der Erkrankung im Info-Kasten).

Sexualpädagogin und Medienkünstlerin Elke Kieweg, die selbst von Endometriose betroffen ist, hat erlebt, "dass Frauen in ihren Symptomen nicht ernst genommen werden. Das hängt auch mit der Tabuisierung weiblicher Sexualität zusammen."

Mädchen früh aufklären

Hoffnung geben laut Heitz Forschungsergebnisse: "Eine Studie in Neuseeland deutet darauf hin, dass Aufklärung im Schulalter dabei hilft, die Zeitspanne zwischen ersten Symptomen und Diagnose zu verkürzen. Im Zuge eines speziellen Programmes lernen Schülerinnen, welche Symptome ein Hinweis auf eine Endometriose-Erkrankung sein könnten. Solche Programme wären auch in Österreich hilfreich." Aufklärung und mehr Forschung über eine der meistverbreiteten Frauenkrankheiten wäre schließlich im Interesse aller.

Endometriose

Der Gynäkologe Univ.-Prof. Peter Oppelt rät Frauen mit starken Regelschmerzen, zum Arzt zu gehen: „Das muss man nicht hinnehmen. Wenn es sich um Endometriose handelt, kann man durch Hormone oft gute Erfolge erzielen. Manchmal ist eine Operation notwendig.“ Immerhin zehn Prozent der Frauen sind von der Erkrankung betroffen. Dabei wuchert Gebärmutterschleimhaut und wächst in andere Bereiche wie Eierstöcke, Darm oder Harnröhre.

Während der Regel blutet auch die Schleimhaut im Bauchraum und bildet in den Eierstöcken sogenannte Schokoladenzysten. Sie haben ihren Namen von der dunkelbraunen Färbung, die durch oxidiertes Eisen entsteht. Schmerzen können nicht nur im Unterbauch, sondern auch bei Geschlechtsverkehr, Stuhlgang, im Rücken oder an den Beinen auftreten.

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Dietlind Hebestreit

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