Lade Inhalte...

Meine Gesundheit

Versteifungs-OP der Wirbelsäule – Gefürchtet und Hoffnung

11. August 2021 00:00 Uhr

Bei Versteifungsoperationen werden zwei oder mehrere Wirbel der Hals,- Brust.- oder Lendenwirbelsäule mittels Schrauben und Stangen miteinander verbunden und versteift, um sie zu stabilisieren.

Solche „Fusionsoperationen“ sind große chirurgische Eingriffe und werden nur dann gemacht, wenn die Wirbelsäule in einem Segment sehr instabil geworden ist und unwiderrufliche Schäden drohen.

Die Indikation für eine Versteifungsoperation (Fachausdruck Spondylodese - Wirbelkörperverblockung) ist sehr gründlich zu überprüfen, da es sich um eine irreversible Operation handelt. Wenn Wirbel fest miteinander verbunden werden, lässt sich das nicht mehr rückgängig machen. Voraussetzung jeder Versteifung ist die Instabilität von Wirbelsegmenten. Bei einer deutlichen Instabilität kann es zum sogenannten Wirbelgleiten kommen, wobei sich zwei übereinander liegende Wirbel zum Teil gegeneinander verschieben. Ein Wirbelgleiten ist jedoch keine Voraussetzung einer solchen Operation.

Indikationen – wann versteifen?

Operationen kommen in folgenden Fällen in Betracht:

Angeborene Instabilität: Dabei können durch die Instabilität schon in jungen Jahren Schmerzen und Lähmungserscheinungen auftreten.

Degenerative Instabilität: Im Laufe des Lebens kann aufgrund von Abnützung der Wirbelsäule eine Instabilität auftreten. Gelenke und Bänder werden dabei locker und können wackeln. Schmerzen, Lähmungserscheinungen und verschobene Wirbel können massive Probleme bereiten.

Bandscheibenschaden: Im Laufe des Zeit gehen bei vielen Menschen eine oder mehrere Bandscheiben kaputt, indem sie verschleißen. Dadurch steigt der Druck auf die benachbarten Facettengelenke des Wirbels und diese werden dann oft instabil. Die Folge können große Schmerzen, Sensibilitätsstörungen und Lähmungserscheinungen sein, falls Nerven bedrängt werden. Eine Versteifung soll wieder Stabilität in die betroffenen Segmente bringen.

Schweres Trauma: Aufgrund von Gewalteinwirkungen (Unfällen etc.) kann es zu schweren Wirbelfrakturen kommen; die betroffene Region wird mittels Operation stabilisiert.

Zu enger Wirbelkanal: Ist der Wirbelkanal zu eng, kommt es zu erheblichen Schmerzen. Wird der Kanal durch eine OP verbreitert und die Nerven entlastet (Dekompression), führt das oft zu einer Instabilität der betroffenen Segmente. Daher wird häufig zusätzlich eine stabilisierende Versteifungs-OP durchgeführt.

Operationstechniken

Diese Operation wird immer unter Vollnarkose durchgeführt. Von welcher Körperseite (vorne, hinten, seitlich) der Chirurg einen Zugang zur Wirbelsäule schafft, hängt von der Lage des zu versteifenden Bereichs und der Operationstechnik ab.

Man unterscheidet Wirbelsäulenversteifungen mit und ohne Implantate. Heute werden Versteifungen praktisch immer mit Implantaten durchgeführt, weil sie eine sofortige Stabilisierung der Wirbelsäule bewirken. Dabei wird nach dem Entfernen der Bandscheibe der Zwischenwirbelraum mit einem kleinen Hohlkörper (aus Metall, Titan oder Kunststoff) ausgefüllt. Die dauerhafte Fixierung der instabilen Wirbel geschieht mit Schrauben und Stangen. Schrauben werden in die zu vereinenden benachbarten Wirbel eingebracht. Durch die Schraubenöffnungen werden gebogene Stäbe hindurchgeführt, welche die Wirbel miteinander fixieren und fusionieren.

Minimalinvasive Operation möglich

Es stehen verschiedene OP-Techniken zur Verfügung, um Versteifungen von Wirbelsegmenten vorzunehmen. In früheren Jahren wurden diese Eingriffe offen durchgeführt (der Chirurg legt den Zugang komplett frei), der Blutverlust war groß und die Regenerationszeit der Patienten lang. Dank neuer Technik sind heute in gut ausgestatten Kliniken minimalinvasive Operationen möglich, die mittels modernster Technik (chirurgisches Bildgebungssystem) millimetergenau durchgeführt werden können. „Dadurch ist es möglich, Schrauben durch die Haut ohne große Schnitte in die Wirbelkörper zu drehen und die Längsstangen durch die Schraubenöffnungen zu fädeln. Wir haben schon über 1.000 Operationen auf diese Weise durchgeführt. Minimalinvasive Eingriffe sind wesentlich patientenfreundlicher als die alten offenen Operationen. Die Patienten erholen sich viel rascher und die Ergebnisse sind überwiegend positiv“, sagt Univ.-Prof. Dr. Andreas Gruber, Vorstand der Universitätsklinik für Neurochirurgie am Kepler Universitätsklinikum Linz.

Verknöcherung nötig

Die künstliche Stabilisierung mittels Schrauben und Stangen hält nur ein paar Jahre. In den meisten Fällen ist das kein Problem, denn die betroffenen Wirbel verknöchern und verschmelzen in der Regel nach ein bis fünf Jahren zu einem einzigen Wirbel und bieten dann selbstständig die nötige Stabilität. Problematisch sind jene Fälle, bei denen die Verknöcherung nicht eintritt und zusätzlich das Implantat oder eine Schraube locker wird. In diesen Fällen wird eine neuerliche Operation nötig, unter Umständen muss der lockere Bereich zementiert („verblockt“) werden.

Gefürchtete Anschlussdegeneration

Im Bereich der Versteifung tritt ein Bewegungsverlust ein, der durch die benachbarten Wirbelgelenke aufgefangen werden muss. Nach einer Operation müssen benachbarte Wirbelsegmente also mehr „arbeiten“ als vorher, auf ihnen lastet nun ein größerer Druck. Dadurch steigt die Gefahr, dass auch diese Segmente degenerieren. Geben die benachbarten Segmente im Laufe der Zeit dem erhöhten Druck nach, tritt der Fall der gefürchteten Anschlussdegeneration auf.

„Bei 30 Prozent der Patienten zeigt sich zehn Jahre nach der Operation auf MR-Bildern, dass sich die anschließenden Wirbelsegmente ebenfalls verändert haben. Aber nur in zehn Prozent treten auch Beschwerden auf, die es nötig machen, dass die Patienten erneut operiert werden müssen, um auch die anschließenden Segmente zu versteifen“, sagt Gruber.

Kurz gesagt: Bei zehn Prozent der versteiften Patienten müssen später auch die angrenzenden Wirbel versteift werden. Bei einem Teil dieser Patientengruppe kommt es zu weiteren Anschlussdegenerationen, sodass immer größere Teile der Wirbelsäule versteift werden. „Manche Patienten haben wirklich das Pech, dass man alle paar Jahre stabilisieren muss. Das bringt sehr viel Leid mit sich. Man wird immer unbeweglicher und Arbeitsunfähigkeit droht“, sagt der Chirurg.

Angst und Hoffnung seitens der Patienten

Versteifungsoperationen sind bei manchen Patienten gefürchtet, denn nicht alle Operationen bringen den gewünschten Erfolg und manchmal vergrößern sie in der Folge das Leid. Gruber: „Die Angst der Patienten ist tatsächlich oft sehr groß, in den meisten Fällen ist sie aber unbegründet, denn wenn die Indikation vorliegt, verbessert eine OP in der Regel das Leben. Leider entscheiden sich Patienten fallweise gegen einen chirurgischen Eingriff, weil sie Angst vor den Folgen haben, obwohl es aus medizinischer Sicht eindeutig besser wäre, sich operieren zu lassen. Diesen Patienten muss man die Angst nehmen, denn eine Fusion zweier Wirbel ist nicht der Anfang vom Ende.“

Ebenso groß wie die Angst ist oft auch die Hoffnung, die mit solch einer Operation verbunden wird. Auch die übergroße Hoffnung ist oft unbegründet, nämlich dann, wenn man sich erwartet, dass nach der OP alle Schmerzen verschwunden sein werden und dass man sich wieder bewegen können wird, wie in jungen Jahren. Das ist aber nicht der Fall. Durch eine OP kann man das Wirbelgleiten etc. zwar verhindern, doch dass alle Schmerzen plötzlich weg sind und man wieder voll belastbar wird, darf man sich nicht erwarten. Gruber: „Darauf muss man die Patienten im Vorfeld einer OP sehr deutlich hinweisen, um ihnen keine falschen Hoffnungen zu machen. Alles andere wäre unethisch.“

Fallweise werden Versteifungs-Operationen von Patienten ohne medizinische Notwendigkeit eingefordert. „Dazu kommt es manchmal, wenn jemand im Internet darüber positive Dinge gelesen hat. Dazu ist zu sagen, dass es kein Recht auf eine bestimmte Behandlung gibt, man kann sie nicht einfordern. Zudem wird ein seriöser Arzt eine solche Operation nur dann durchführen, wenn sie tatsächlich nötig und sinnvoll ist“, so Gruber.

Mehrere Meinungen einholen

Steht die Frage einer Operation im Raum, sollten sich Patienten zumindest eine ärztliche Zweitmeinung einholen. Stehen die Vorteile einer OP im Einzelfall nicht zweifelsfrei fest, sollten die Meinungen mehrerer Ärzte verschiedener Kliniken eingeholt werden. „Als Patient sollte man sich umhören, welcher Chirurg wirklich gut ist und welches Krankenhaus dafür die besten Voraussetzungen erfüllt. Man sollte solche Operationen nur bei erfahrenen Chirurgen machen lassen, die auch technisch auf neuestem Stand sind. Keinesfalls sollte man sich eine Operation einreden lassen, wenn sie vielleicht nicht nötig ist. In vielen Fällen ist es besser, nicht zu operieren.

Fazit

Versteifungsoperationen sind kein Allheilmittel. Sie können aber ein Segen für diejenigen sein, die sie wirklich brauchen. Operationen sollten nur dann durchgeführt werden, wenn keine andere Therapie zur Verfügung steht, um die Schmerzen eines Patienten zu lindern oder um Lähmungserscheinungen zu beheben.

Für viele ist es die einzige Möglichkeit, wieder ein besseres Leben führen zu können. Je größer die Probleme und je leidender der Patient ist, desto größer ist normalerweise der Benefit, den eine minimalinvasive OP mit sich bringt. Um die Erfolgschancen einer OP zu erhöhen, sollte man als Patient darauf achten, wer die Operation durchführt und dass die modernste Technik zur Anwendung kommt.

Man muss sich auch klar sein: Nach der OP geht die Therapie weiter, der Patient sollte eine Reha und Physiotherapie machen, und lernen, mit seinem Handicap gut umzugehen.

mehr...

Dr. Thomas Hartl
August 2021

 

Bild: nito/shutterstock.com

 

 

 

Lädt
turned_in

info Mit dem Klick auf das Icon fügen Sie das Schlagwort zu Ihren Themen hinzu.

turned_in

info Mit dem Klick auf das Icon öffnen Sie Ihre "meine Themen" Seite. Sie haben von 15 Schlagworten gespeichert und müssten Schlagworte entfernen.

turned_in

info Mit dem Klick auf das Icon entfernen Sie das Schlagwort aus Ihren Themen.

turned_in

Fügen Sie das Thema zu Ihren Themen hinzu.

0  Kommentare expand_more 0  Kommentare expand_less