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Meine Gesundheit

Vegetatives Training

26. März 2021 00:00 Uhr

Beim vegetativen Training handelt sich um keine klassische Therapie, sondern um eine Anleitung zur überwiegend körperlichen Selbstregulation.

Das Training verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz mit dem Ziel, körperliche Beschwerden, wie zum Beispiel Schmerzen zu lindern und die Regenerationsfähigkeit des Körpers zu verbessern.

Besonderes Augenmerk dieser Trainingsmethode liegt auf der Atmung und einer speziellen Körperposition. Dadurch soll es zu einer körperlichen Regeneration und Neuausrichtung kommen und im Zusammenhang mit Sport eine Leistungsentfaltung möglich sein.

Ableitung aus Körperpsychotherapie

Beim vegetativen Training handelt es sich um eine abgewandelte Form der Körperpsychotherapie, die unter anderem auf die Lehren des österreichischen Psychoanalytikers und Freud-Schülers Wilhelm Reich zurückgeht und vom Norweger Inge  Jarl Clausen weiterentwickelt wurde. Die Grundannahme der Körperpsychotherapie lautet: Körper und Psyche beeinflussen einander. Dabei wird dem vegetativen Nervensystem eine entscheidende Bedeutung zugesprochen; es soll sowohl körperliche Prozesse als auch die psychische Ebene steuern.

Dr. Gerhard Zallinger, Sportwissenschaftler und Universitätslektor aus Pucking, ist von der Methode, die er vom Norweger Clausen erlernt hat, überzeugt. Als Coach betreut er sowohl Sportler (wie etwa auch das österreichische Fußballnationalteam), die ihre Verletzungen überwinden oder ihre Leistung erhöhen möchten, als auch Klienten, die von ihren körperlichen Beschwerden befreit werden möchten.

Training gegen Beschwerden oder zur Leistungssteigerung

„Die Menschen kommen mit vielerlei Beschwerden zu mir, in den meisten Fällen handelt es sich um Probleme mit dem Bewegungsapparat und den einhergehenden Schmerzen, häufig nach erlittenen Unfällen oder Verletzungen beim Sport. Meistens haben diese Klienten eine lange Therapie-Tour hinter sich und landen schließlich bei mir, weil sie durch Mundpropaganda gehört haben, dass dieses Training tatsächlich helfen kann“, sagt Zallinger.

Ablauf des Trainings

Auch wenn die Bezeichnung „vegetatives Training“ auf einen aktiven körperlichen Einsatz hindeutet, so handelt es sich dabei jedoch nicht um ein klassisches Training, bei dem man seine Ausdauer oder Kraft trainieren würde, sondern um eine weitgehend passive Einheit, in der scheinbar nicht viel passiert.

Hier ein Erfahrungsbericht:

Nach einem kurzen Gespräch mit dem Trainer, legt man sich leicht bekleidet auf eine Trainingsmatte, die Beine sind aufgestellt, die Knie relativ eng zusammen. Die Arme liegen entspannt und am Körper anliegend ausgestreckt. Der Kopf ist leicht überstreckt.

Nach einer exakten Ausrichtung dieser Körperposition, die der Lage von Säuglingen nachempfunden sein soll, schließt man die Augen und atmet für einige Minuten tief und langsam durch den geöffneten Mund. Ab und zu gibt der Trainer kurze Anweisungen, damit man die Körperstellung leicht korrigiert, zum Beispiel um die Schultern gegen die Matte zu drücken, ein anderes Mal sollen die Knie etwas geöffnet oder geschlossen werden, oder es gilt die Atmung zu korrigieren. Nach Beendigung dieser Phase (diese durchzuführen ist ungewohnt und anstrengend) herrscht Ruhe. Man kann sich entspannen und wartet, ob sich etwas tut, ob sich der Körper nun selbst regulieren wird und auf welche Weise man dies spüren wird. Und tatsächlich beginnt sich der Körper wie von selbst zu bewegen, ohne dass man die Bewegungen willentlich hervorruft. Es treten willkürliche Spontanbewegungen auf, Zuckungen oder bloß leichtes Zittern, fallweise kommt es auch zu heftigen Bewegungen. Die Beine zucken, die Arme, der Rumpf, ab und zu gerät der ganze Körper ein wenig in Bewegung. Nach einiger Zeit werden die Bewegungen weniger, verebben, dann beginnen sie wieder, bis sie erlöschen und die „Sitzung“ zu Ende ist.

Jeder reagiert anders

Zallinger über seine Erfahrungen als Trainer: „Der Organismus erhält durch diese Körperposition und die Atmung Provokationen und Anreize, sich zu regulieren. Somit findet eine Entlastung des gesamten System Mensch statt. Manche fragen: Was war das denn jetzt? Andere finden es nur entspannend. Nach Hunderten von Klienten kann ich sagen: jeder reagiert, aber jeder reagiert ein wenig anders. Manche zittern nur leicht, andere schlagen richtiggehend aus. Nach zirka einer Stunde ist die Session vorüber, es tritt im Körper völlige Ruhe ein, dann darf sich der Klient wieder langsam bewegen und aufstehen.

Es ist auch nach acht Jahren meiner anleitenden Tätigkeit faszinierend zu sehen, was geschieht. Und ich darf sagen, dass in jedem etwas geschieht, das Verfahren wirkt. Manche Klienten verspüren schon nach der ersten Sitzung Besserung ihrer Beschwerden, andere brauchen länger. Meistens reichen vier bis fünf Sitzungen aus, um Besserung nachhaltig herzustellen. Eine Sitzung kostet 150 Euro. Wenn ein Klient nach ein paar Sitzungen dann weiß, wie diese durchzuführen sind, kann er dann bei Bedarf zuhause auch selbstständig weiter üben, wenn sich in den Sessions gezeigt hat, dass er damit keine Probleme haben wird.“

Aufarbeitung kindlicher Erlebnisse

Viele Klienten erinnern sich während des vegetativen Trainings an bestimmte Vorkommnisse aus ihrer Kindheit. Alte Erinnerungen, Verletzungen, tiefsitzende Abwertungen, Gefühle kindlicher Hilflosigkeit oder auch Traumata, die längst vergessen waren, treten hervor.

Zallinger: „Kinder sind auf die Hilfe und das Wohlwollen von Erwachsenen angewiesen und sie sind dadurch oft gezwungen, ihre Emotionen zu unterdrücken. Alle Erfahrungen sind Trigger, die Schmerzen und andere körperliche Probleme auslösen oder verstärken können. Viele Klienten kommen durch das vegetative Training offenbar mit ihren im Körper gespeicherten Emotionen in Kontakt. Diese wurden oft weggesperrt und schlummern seit vielen Jahren unbeachtet im Körper und wirken sich auf diesen negativ aus. Emotionale Beladungen im Hintergrund sind oft Ursache körperlicher Beschwerden.“

Manifestierte Traumen

Auch traumatische Erlebnisse im späteren Leben werden im vegetativen Training bearbeitet. Selbst wenn die eigentliche Ursache eines Problems rein körperlich ist, wie etwa ein erlittener Autounfall, berührt das immer auch die Emotionen, da solche Ereignisse immer auch Traumata darstellen, die sich im Körper abspeichern. Zallinger: „Bei einem Trauma erleidet man Verletzung, Schmerz und Hilflosigkeit. Mit dem vegetativen Training bringt man die alte Sache raus aus dem Körpergedächtnis und Heilung beginnt zu laufen. Bewusste Erinnerungen an solche Lebensereignisse sind zwar für die Regulation des Körpers hilfreich, aber sie sind keine Voraussetzung, damit das Training erfolgreich verläuft. Noch wichtiger ist die richtige Körperposition im Liegen und die Atmung. Gefühlte Erinnerungen sind aber ein Trigger, der die Heilung vorantreiben kann.“

Keine psychologische Behandlung

All das geschieht beim Klienten, ohne dass der anleitende Trainer verbal oder körperlich eingreift und aktiv wird. Aus wissenschaftlicher Sicht sind die Effekte noch schwer zu erklären, denn die Einheit wirkt unspezifisch auf das vegetative Nervensystem. Die Regulation kommt von innen und nicht von jemandem, der von außen eingreift.

Der Anleitende muss die Emotionen der Klienten nicht zwingend kennen, er lenkt und führt nicht wie beispielsweise ein Psychotherapeut, er bespricht mit dem Klienten auch nicht dessen psychischen Probleme. Dennoch verlaufen manche Einheiten durchaus emotional. „Bei manchem brechen Gefühle durch, das kann auch heftig sein. Daher sollten solche Klienten die Übung nicht alleine bei sich zuhause machen, davon möchte ich unbedingt abraten. Bei diagnostizierten psychischen Problemen soll man sich an einen Psychologen oder Psychiater wenden, zu deren Lösung ist das vegetative Training nicht gedacht“, sagt Zallinger.

Schwerpunkt Schmerzpatienten

Häufig wird das Training wegen Schmerzproblemen in Anspruch genommen. Zallinger: „Schmerzen weisen darauf hin, dass die aktuelle Regulationskapazität im Organismus nicht ausreicht. Schmerzen verursachen noch weitere Spannungen und Widerstand. Diesen Teufelskreis zu brechen und den Klienten wieder freie Bewegung zu ermöglichen, zählt zu den vorrangigen Zielen des vegetativen Trainings.“

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Dr. Thomas Hartl
März 2021

Bild: Jirattawut Domrong/shutterstock.com

 

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