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Forum Gesundheit

Unfälle für Kinder am gefährlichsten

25. Januar 2021 00:00 Uhr

Mehr als eine halbe Million Unfälle mit Kindern ereigneten sich in den vergangenen fünf Jahren in Österreich – mit teils schwerem Ausgang.

Eine Analyse von Experten des KFV (Kuratorium für Verkehrssicherheit) und dem Klinikum Donaustadt beleuchte, wie sich die Ausgangsbeschränkungen im Jahr 2020 auf Kinderunfälle ausgewirkt haben.

Während die Zahl der behandelten Unfälle im Krankenhaus allgemein zurückging, ist der Anteil der schweren Verletzungen – ähnlich wie in den Jahren zuvor – als sehr hoch einzustufen.

Schwere Verbrühungen, verschluckte Fremdkörper und vermehrt Kopfverletzungen beherrschen das Unfallgeschehen. Tendenziell auffällig sind die oft mangelhaften Versuche Verletzungen von Kindern selbst erstzuversorgen. Die Experten appellieren medizinische Hilfe unbedingt in Anspruch zu nehmen und vorbeugend verstärkt auf Präventionsmaßnahmen zu setzen, so das KFV.

Unfälle höchstes Risiko

Seit Jahren weisen Experten auf die hohe Zahl von Kinderunfällen in Österreich hin. Mit einem 5-Jahreswert (2015-2019) von mehr als einer halben Million Verletzten und 105 getöteten Kindern gehören Unfälle zu den gefährlichsten Gesundheitsrisiken für Kinder. Sie sind – neben Krebserkrankungen – Todesursache Nummer eins von Kindern im Alter bis 14 Jahren. Wie sich das Corona-Jahr und seine Ausgangsbeschränkungen 2020 auf die Kinderunfälle ausgewirkt hat, analysierten Experten des KFV und dem Klinikum Donaustadt.

Weniger Unfallbehandlungen, Kleinkinderunfälle auf konstant hohem Niveau

Für die Analyse wurden die Ambulanzkontakte in der Abteilung für Kinder-und Jugendchirurgie des Klinikums Donaustadt (SMZ Ost) im März und April 2020 detailliert ausgewertet und die Folgemonate beobachtet.

Der Vergleich zeigt für 2020 einen Rückgang bei unfallbedingten Behandlungsfällen. Der höchsten Wert mit 60 Prozent Rückgang wurde schon in den ersten zwei Wochen des Lockdowns (ab 16. März) erreicht. Im April stiegen die Zahl der aufgenommenen Unfälle wieder leicht an und erreichte das „Normalniveau“ im Laufe des Jahres wieder. Vor allem Kinder ab dem dritten Lebensjahr kamen in dieser Zeit seltener in die Unfallambulanz. Bei Kleinkindern unter einem Jahr war kaum eine Veränderung zwischen den zwei Vergleichszeiträumen zu beobachten.

Mehr Kopfverletzungen, Verbrühungen und verschluckte Fremdkörper

Während Kinder mit leichten Verletzungen tendenziell seltener zur Behandlung vorstellig wurden, wurden Kinder mit schwereren Verletzungen weiterhin in die Ambulanz gebracht. So zeigt sich, dass sich der Anteil der Kopfverletzungen an den Unfallverletzungen von 44 Prozent im Jahr 2019 auf 55 Prozent im März und April 2020 erhöht (+27 %) hat (bei Mädchen betrug die Steigerung sogar 47 %).

Medizinische Versorgung nutzen und Erste-Hilfe Kenntnisse auffrischen

„Im Zuge der pandemiebezogenen Regelungen sind besonders bei den Vorschulkindern die Unfälle im Wohnbereich nummerisch in den Vordergrund getreten. Es ist bekannt, dass Klein-und Vorschulkinder als sogenannte ‚Weltentdecker‘ vermehrt im häuslichen Umfeld unfallgefährdet sind. Neben der natürlichen hohen Neugier, gepaart mit ungenügender oder keiner Erfahrung, spielt der große Bewegungsdrang eine wesentliche Rolle. Letzterer ist im Zuge einer notwendigen Ausgangsbeschränkung in besonderem Maße aufgestaut. Es kam somit vermehrt zu Stürzen, Kopfverletzungen, Verbrennungen und Verschlucken oder Einatmen von Fremdkörpern. Im Sinne der Unfallverhütung sind Beaufsichtigung, Herdschutzgitter, Tür-und Fenstersicherungen, kleine Gegenstände nur im höheren, unerreichbaren Bereich, Wegräumen von kleinen Batterien und Magneten, labile Hochsitze, Steckdosenschutz und Stiegengitter hochaktuelle Maßnahmen, die erneut in Erinnerung gerufen werden müssen“, so Univ. Prof. Dr. h.c. Dr. Alexander Rokitansky, Vorstand der Abteilung für Kinder-und Jugendchirurgie am Klinikum Donaustadt.

Ende der Ausgangsbeschränkungen bringt Unfallrisiken

Wichtig sei auch, sich gerade gegen Ende der Ausgangsbeschränkungen mit drohenden Unfallrisiken für Kinder auseinanderzusetzen: „Mit dem Ende der pandemiebezogenen Ausgangsbeschränkungen besteht die Gefahr eines ungestümen Auslebens des Bewegungsdranges. Die sportliche Betätigung wird dann gerne mit besonderem Elan angegangen und das mit mangelnder Übung, die durch das wochenlange bewegungseingeschränkte Leben eingetreten ist. Hier ist die besonders intensive Aufsicht der Bezugspersonen über einen Zeitraum von etwa vier Wochen nach dem Lockdown gefragt. Hier gilt es beispielsweise beim Dreirad, Roller oder Fahrrad auf große weiche Endplatten der Lenkergriffe zu achten. Immer wieder kommt es bei Stürzen auf den aufgestellten Lenker zu schweren inneren Bauchverletzungen, die man nicht gleich als solche erkennt. Hohe Spielgeräte (über 2m) haben erfahrungsgemäß ebenfalls ein erhöhtes Risiko, sich deutlich schwerer zu verletzen“, so der Mediziner.

Nicht zur medizinischen Versorgung geeignet: Kaffeesud, Zahnpasta und Henna

Nicht in Zahlen fassbar, aber tendenziell auffällig, waren die im Jahr 2020 oft mangelhaften Versuche der Betreuer, Verletzungen von Kindern selbst erstzuversorgen. So wurden kleine Patienten vorstellig, bei denen versucht wurde, Wunden mit Kaffeesud, Zahnpasta, Tabak oder Henna zu versorgen. „Für unvorhergesehene Situationen wie eine Pandemie, in denen Menschen stärker auf die selbstständige Erstversorgung angewiesen sein könnten, ist im Bereich der Ersten Hilfe die verstärkte Aus-und Weiterbildung der Bevölkerung empfehlenswert“, so KFV-Direktor Dr. Othmar Thann. Gerade wenn viel Zeit zuhause verbracht werden muss, können und sollen Unfälle vor allem verhindert werden. Nach einer merklichen Reduktion der Kinderunfälle beim ersten CoViD-Lockdown nahmen schwere Verletzungen und leider auch tödliche Unfälle wieder zu.

Programm zur Reduktion von Unfällen gefordert

Kinderunfälle sind besonders schwere Unfälle mit teilweise lebenslangen Folgeschädigungen. Allein die medizinischen Behandlungskosten belaufen sich auf mehr als 160 Millionen Euro. Bis jetzt gibt es in Österreich kein strategisch ausgerichtetes, bundesweites Programm zum Schutz von Kindern vor Unfällen. Österreich ist in Bezug auf präventive Kindersicherheitsmaßnahmen dadurch erst im EU-Mittelfeld zu finden. „Gezielte Maßnahmen wären für die Zukunft essentiell“, schließt Thann.

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Mag. Christian Boukal / KFV
Jänner 2021

Bild: FotoHelin/shutterstock.com

 

 

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