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Meine Gesundheit

Psyche und Krebs

25. Juni 2021 00:00 Uhr

Eine Krebsdiagnose ist für jeden Patienten ein großer Einschnitt in sein Leben und belastet die Psyche enorm.

In dieser Situation ist nicht nur körperliche Therapie, sondern auch psychosoziale Unterstützung gefragt. 

Die Überbringung einer Krebs-Diagnose ist ein heikler Moment, der seitens des Arztes viel Fingerspitzengefühl erfordert. Denn für die Patienten ist diese Mitteilung in den meisten Fällen eine schockartige Erfahrung und oft ein traumatisches Erlebnis, das sie viele Jahre nicht mehr loslässt.

Diagnose als Schock

Man sieht sich plötzlich mit einer lebensbedrohlichen Situation konfrontiert, die das eigene Dasein ins Wanken bringt, der Boden wird einem förmlich unter den Füßen weggezogen. Eine solche Diagnose bringt massiven Stress für Körper und Psyche mit sich.

„Das Aufklärungsgespräch sollte ausreichend Zeit in Anspruch nehmen. Am besten sollten auch Angehörige anwesend sein, denn viele Patienten nehmen durch den Schock das Gesagte oft nicht mehr richtig wahr. Sie fühlen sich wie in einem Film, fern jeder Wirklichkeit und wissen später oft nicht mehr, was gesprochen wurde. Manche erstarren förmlich vor Angst“, sagt Priv.-Doz. Dr. Markus Hutterer, Neurologe und Leiter des Spezialbereiches Neuroonkologie und Neuropalliative Care am Konventhospital der Barmherzigen Brüder Linz.

Wichtige Begleitung und Unterstützung

Eine offene, empathische und wertschätzende Aufklärung über Krankheit und Therapie kann den enormen Stress, den Diagnose und Therapie verursachen, lindern und damit auch den Therapieerfolg verbessern. Ab dem Zeitpunkt der Diagnose sollte man Patienten nicht nur onkologisch behandeln, sondern sie auch mental begleiten und unterstützen. Dies kann durch Onkologen, Psychoonkologen oder durch Psychologen der Krebshilfe erfolgen. „Patienten sollen wissen und fühlen, dass sie nicht allein sind und dass Hilfe möglich und vorhanden ist. Gut betreute Patienten entwickeln weniger Ängste oder Schlafstörungen, benötigen weniger unterstützende Therapie und haben einen besseren Krankheitsverlauf. Wenn man Patienten begleitend aufklärt und sie fragt, wie man ihnen helfen kann und dadurch psychisch unterstützt beziehungsweise entlastet, kann das oft so wirksam wie eine medizinische Behandlung sein“, sagt Hutterer.

Stress abfedern

Nötig ist eine psychische Betreuung auch deshalb, weil Diagnose und Therapie bei vielen Patienten Dauerstress auslösen. Eine Operation, Chemo- und/oder Strahlentherapie sind nicht nur anstrengend, sondern auch angstauslösend und seelisch schwer belastend. Diese Lasten gilt es mental abzufedern, um den Körper nicht zusätzlich zu schwächen. Denn anhaltender Stress führt dazu, dass das Immunsystem dauerhaft aktiviert wird, was den Körper langfristig belastet und schwächt („chronic silent inflammation“ – chronische stille Entzündung). In solchen Fällen kann es zu einer verzögerten Wundheilung, erhöhten Infektanfälligkeit, kognitiven Beeinträchtigungen (z.B. Aufmerksamkeit, Konzentrationsfähigkeit, Gedächtnis, Wortfindung) oder auch ängstlich-depressiven Symptomen kommen. Oft bildet sich auch das Fatigue-Syndrom – eine bleierne Erschöpfung, die sich durch Schlaf nicht verbessert.

Keine Krebspersönlichkeit

Fast jeder Betroffene grübelt darüber nach, welche Ursachen seine Erkrankung herbeigeführt haben mag. Manche kommen zum Schluss, dass ihr negatives Denken und ihr Unglücklichsein wohl ausschlaggebend dafür gewesen seien. Sie glauben, selbst schuld an der Erkrankung zu sein, weil sie meinen, diese durch ihre (vermeintlich negative) Persönlichkeit verursacht zu haben.

Hutterer erteilt solchen Schlussfolgerungen eine klare Absage: „So etwas wie eine Krebspersönlichkeit scheint es nicht zu geben. Wenn jemand ein unglückliches Leben führt, heißt das nicht, dass er deswegen eine Krebserkrankung entwickelt. Es gibt dafür keine objektiven Hinweise durch wissenschaftliche Studien. Ein unglückliches, stressiges und belastetes Leben ist zwar für die Gesundheit generell nicht förderlich und begünstigt – über eine chronische Stressreaktion des Körpers mit Aktivierung des Immunsystems – die Entstehung von Bluthochdruck, Allergien, Infekten, depressiv-ängstlichen Symptomen und wahrscheinlich auch von Autoimmunerkrankungen, doch es gibt keinerlei Belege dafür, dass die Psyche speziell Krebserkrankungen auslösen würde“, sagt Hutterer.

Magisches Denken

Als Konsequenz ihrer Annahme, selbst durch ihre mentale Lebensführung schuld an der Erkrankung zu sein, meinen manche Betroffene, ab sofort jeden negativen Gedanken unterdrücken zu müssen und von nun an ausschließlich positiv denken und sprechen zu dürfen, anderenfalls sie nicht gesund werden beziehungsweise an einem Rezidiv (Wiedererkrankung) „schuld“ sein würden. Sie denken, dass jeder negative Gedanke oder jedes negative Gefühl die Erkrankung quasi anziehen würde. „Doch genau so ein Denken ist kontraproduktiv, weil es erst recht wieder emotionalen Druck und Dauerstress auslöst. Jedes „Müssen“ sollte vermieden werden, auch das Müssen, positiv zu denken“, sagt der Mediziner.

Psyche als Krebsfaktor

Chronischer Stress stellt laut Studien hingegen nur ein leicht erhöhendes Risiko für Krebs dar. „Der hartnäckige Glaube mancher Menschen, Krebs sei ausschließlich psychisch bedingt, ist objektiv nicht belegt. Man kann die Psyche zwar im Krankheitsgeschehen nicht ausklammern, alles greift ineinander, aber sie ist nur ein Teil im Gesamtpaket Mensch. Körper, Geist und alle Lebensumstände spielen zusammen, die Psyche kann man da nicht als Einzelereignis herauspicken und behaupten, dass etwa Angst oder Stress allein für sich genommen zu Krebserkrankungen führen“, so Hutterer

Anforderungen reduzieren

Besser als sich mit einer möglichen Schuldfrage zu quälen, wäre es, wenn man seine bisherigen Lebensprobleme klärt, einen positiven Blick auf die Zukunft gewinnen kann und die psychische Widerstandskraft, um schwierige Lebenssituationen zu meistern (Resilienz), weiterzuentwickeln. Es gilt nun, sein Leben mit möglichst positiven Emotionen neu zu gestalten – und zwar ohne Stress, ohne Müssen, ohne überfordernde Anforderungen und Ansprüche an sich selbst. Hilfreich ist es, sich darauf zu fokussieren, was einem wirklich wichtig ist im Leben und was angesichts der eigenen Möglichkeiten auch machbar ist. Alles andere sollte man weglassen – vor allem jene Ziele, die man nur erreichen will, um seinen Leistungsanspruch zu erfüllen. „Ein sanfterer und achtsamer Lebensstil führt mit der Zeit zu einem positiven Lebensgefühl, das ganz von selbst, von Innen kommt, und das man nicht zwanghaft herbeidenken muss“, sagt der Neurologe.

Unterstützung nötig

Nach der Diagnose folgt die Zeit der Therapie, der Krisenbewältigung und des Neuanfangs. Sie ist gekennzeichnet durch medizinische Maßnahmen und sollte durch unterstützende Gespräche begleitet werden. Auch eine ambulante oder stationäre onkologische Rehabilitation wäre sehr wichtig. Das in der Reha unter Anleitung Erlernte sollte zuhause fortgesetzt und in den neuen Lebensalltag integriert werden.

„Patienten sollten bei Bedarf auch eine soziale Entlastung erhalten und jene Hilfe bekommen, die sie konkret brauchen. Bei alten Menschen kann das eine Pflegeleistung bedeuten, bei jüngeren eine Anpassung im Job. Denn in der Zeit der Rehabilitation sind viele nicht so konzentrations- und leistungsfähig wie gewohnt. Das ist völlig normal und man sollte das berücksichtigen“, hält Hutterer fest.

Aktiv werden 

Wenn es körperlich möglich ist, sollte ein gesunder Lebensstil mit viel Bewegung nun Teil des Alltags werden. Bewegung hilft bei der Therapie und kann vorbeugend gegen Rezidive wirken. „Körperliche Bewegung kann den Erfolg einer onkologischen Therapie nachhaltig deutlich verbessern und bei bestimmten Tumorerkrankungen dem Erfolg einer Chemotherapie gleichgestellt werden. Über diesen wichtigen supportiven Bestandteil der onkologischen Behandlung muss man die Patienten aufklären – das sollten sie unbedingt wissen. Sie bekommen dadurch wieder mehr Motivation, das Heft ihres Lebens selbst in die Hand zu nehmen und verbessern dadurch ihre Beschwerden, wie etwa das seelische und körperliche Erschöpfungssyndrom (Fatigue) oder kognitive Einschränkungen oder Neuropathien durch eine Chemotherapie. Man muss und soll keinen Marathon laufen, regelmäßiges und achtsames Nordic Walken in der Natur ist beispielsweise völlig ausreichend. Natürlich angepasst an die individuellen Möglichkeiten, denn man sollte sich zwar fordern, aber nicht überfordern, denn das würde wiederum kontraproduktiven Stress auslösen“, sagt Spezialist Hutterer.

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Dr. Thomas Hartl
Juni 2021

Bild: Blue Planet Studio/shutterstock.com

 

 

 

 

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