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Mit Ernährung Schmerzen reduzieren

08.März 2021

Die Ernährungsform wird vor allem in der Rheumatologie und auch im Rahmen von Migräne- und Fibromyalgie-Therapien und bei chronischen Schmerzen immer häufiger in das Behandlungskonzept miteinbezogen.

Chronische Schmerzsyndrome, Rheuma, Arthritis, Gicht, Multiple Sklerose, Fibromyalgie, Migräne und Osteoporose sind allesamt schmerzhafte Erkrankungen, bei denen Entzündungsprozesse eine entscheidende Rolle spielen. Diese Krankheiten werden primär medikamentös behandelt, zusätzlich kann jeder Patient selbst dazu beitragen, dass Entzündungen gemildert werden oder erst gar nicht entstehen. Er tut das durch seine gewohnheitsmäßige Ernährung, da diese auf die schmerzverursachenden Entzündungsreaktionen einwirkt.

Entzündungen führen zu Schmerzen

Mit richtiger Ernährung lassen sich Schäden reduzieren, indem die dabei aufgenommenen Antioxidantien der Entzündung entgegenwirken. „Den Zusammenhang zwischen Ernährung und Schmerzen kann man stark vereinfacht so erklären: Die Ernährung kann den Entzündungsverlauf verlangsamen oder das Gegenteil bewirken, da bestimmte Inhaltsstoffe in Lebensmitteln das Potential haben, Entzündungen zu hemmen und andere sie anfachen. Entzündungen wiederum sind mit Schmerzen verbunden. Man kann also mit dem, was man täglich zu sich nimmt, den Verlauf selbst positiv beeinflussen. Im Rahmen einer ganzheitlichen Schmerztherapie sollte man daher gut darauf achten, was beim Patienten täglich auf dem Teller landet“, sagt Mag. Birgit Barilits, Diätologin in Wien.

Die Rolle des Körperfetts

Übergewicht bedeutet eine erhöhte Belastung für Knochen und Gelenke und hat im Rahmen von degenerativen Schmerzerkrankungen einen negativen Effekt auf den Haltungsapparat (Bandscheiben, Facettengelenke, Wirbeln etc.). Man sollte deutliches Übergewicht aber auch deshalb möglichst vermeiden, da es fast immer aus einem Überschuss an Körperfett (und nicht an Muskulatur) resultiert. Und hier kommen wieder Entzündungen als Schmerztreiber ins Spiel.

Als besonders problematisch gilt das sogenannte viszerale Fett, das sich im Bauchinnenraum um die Organe legt, weil es entzündungsfördernde Substanzen produziert. Der Vorgang dabei ist folgender: Fettzellen brauchen Sauerstoff und werden über feine Blutgefäße damit versorgt. Barilits: „Wachsen die Fettzellen immer weiter an, können sie irgendwann nicht mehr ausreichend versorgt werden. Durch den Sauerstoffmangel sterben sie teilweise ab. Das ruft Immunzellen auf den Plan, welche am Ort des Geschehens Entzündungsfaktoren ausschütten – eine sogenannte stille Entzündung (silent inflammation) entsteht. Solche stillen Entzündungen können auch bei normalgewichtigen oder sogar schlanken Menschen ablaufen, wenn sie viel viszerales Fett im Bauchraum haben. Es ist also für jedermann wichtig, möglichst wenig Bauchfett zu haben.“

Pflanzenbasierte Ernährung

Im Falle von entzündungsbedingten Schmerzen sollte man sich pflanzenbetont ernähren. Ein Beispiel dafür ist die sogenannte Mittelmeerkost. Darunter versteht man eine Ernährung mit viel Gemüse und Obst, Fisch, Nüsse und hochwertige pflanzliche Fette (vor allem kaltgepresstes Olivenöl). Die in diesen Lebensmitteln enthaltenen Polyphenole, mehrfach ungesättigten Fettsäuren, Flavonoide und Antioxidantien schützen vor den Auswirkungen entzündlicher Prozesse. „Darüber hinaus beeinflussen die in Gemüse, Obst und Hülsenfrüchten enthaltenen Ballaststoffe den Darm und dessen Bakterien und wirken auf diese Weise ebenfalls entzündungshemmend“, sagt Barilits.

Vitamine und Spurenelemente

Bei chronischen Schmerzen ist es wichtig, über die Ernährung ausreichend Vitamine und Spurenelemente zuzuführen, um Entzündungen entgegenzuwirken. Wichtig sind Magnesium und die Vitamine B, C, D und E. Nahrungsergänzungsmittel (Vitamin- und Mineralstoffpräparate und Omega-3-Fettsäuren) können die entzündungshemmenden Prozesse zusätzlich unterstützen.

Bei einem Arzt mit Ausbildung in Orthomolekular-Medizin kann man ein Blutbild erstellen lassen, das die Entzündungsparameter bestimmt.

Fleisch, Milch, Zucker

  • Fleisch: Bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen hat sich eine fleischarme, besser noch eine weitgehende vegetarische oder vegane Ernährung bewährt. Schweinefleisch sollte man zur Gänze meiden, dessen hoher Arachidonsäuregehalt hat stark entzündungsförderndes Potential. Auch von Wurst und anderen verarbeiteten Fleischprodukte sollte man die Finger lassen. Mageres Geflügelfleisch enthält weniger Arachidonsäure.
  • Milchprodukte: Vor allem bei Rheumaerkrankungen sollte man fettarme Produkte konsumieren.
  • Zucker: Ein hoher Zuckerkonsum kann die Ausschüttung von Entzündungsfaktoren hochregulieren und produziert freie Radikale. Dadurch können Entzündungen gefördert werden und Schmerzen steigen. Zuviel Zucker erhöht auch den Körperfettanteil und fördert viszerales Fett. Unter Zucker fallen Süßigkeiten aller Art, Limonaden, Sirup aber auch ein Übermaß Weißbrot und Nudeln.
  • Unverträglichkeiten beachten: Wer auf bestimmte Nahrungsmittel allergisch oder unverträglich reagiert, sollte dies abklären lassen, da ein irritierter Darm Entzündungsreaktionen hervorrufen kann.
  • Finger weg von Fastfood, Fertiggerichten aller Art, von Frittiertem und allen hoch verarbeiteten Produkten, die viel Fett und/oder raffinierten Zucker enthalten.

Ölwechsel

Es ist nicht egal, welche Fette man zu sich nimmt. Mehrfach ungesättigte Fette werden im Körper zum Teil umgewandelt. Aus Omega-3-Fettsäuren wird entzündungshemmendes Prostaglandin 3, aus Omega-6-Fettsäuren entzündungsförderndes Prostaglandin 2. Während Omega-3 Entzündungen und Schmerz hemmt, werden diese durch billige Industrieöle angeheizt.

Auch das Mengenverhältnis von Omega-3- zu Omega-6-Fettsäuren ist wichtig. Da Omega-6-Fettsäuren weit verbreitet sind (enthalten in Fertigprodukten aller Art, in Margarinen, in Maiskeimöl und Sonnenblumenöl und Ölen, die nicht deklariert sind – auf der Flasche steht bloß „pflanzliche Öle“), sollte man Omega-3-Fettsäuren gezielt zuführen. „Sie sind etwa in Leinsamenöl, Walnuss- und Hanföl und fettem Seefisch enthalten“, so Ernährungsberaterin Barilits.

Vorsicht mit Alkohol

Alkohol ist ein Zellgift und fördert Entzündungsprozesse. Die Leber muss den Alkohol mühsam abbauen, verbraucht dabei entzündungshemmende Vitamine und Mineralstoffe, um das dabei entstehende giftige Acetaldehyd loszuwerden.

„Bier ist sozusagen der Supergau für Personen, die zu Gicht beziehungsweise erhöhter Harnsäure neigen, denn der Alkohol hemmt die Ausscheidung der Harnsäure, und die enthaltenen Purine erhöhen die Harnsäure“, sagt Barilits.

Fasten als Entzündungshemmer

Fasten wirkt entzündungshemmend und kann bei Schmerzpatienten in unterschiedlichen Formen angewendet werden. Es gibt eine Vielzahl an Möglichkeiten, am besten lässt man sich von einem Experten beraten, welche Form zu einem passt.

Vor allem bei rheumatischen Erkrankungen erweist sich Fasten als sehr hilfreich und die Entzündungsmarker verringern sich. Wenn man nach dem Fasten die Ernährung langfristig verbessert, hält dieser Effekt auch an.

„Die meisten chronischen Schmerzpatienten profitieren vom Fasten wirklich bemerkenswert. Schon nach drei bis vier Tagen bemerkt man die entzündungshemmende Wirkung. Die Finger, die Wirbelsäule, die Muskeln, die immer verspannt und schmerzhaft waren, werden mobil und frei von Schmerz. Die Besserung hält zwei bis drei Monate an und führt in vielen Fällen dazu, dass man weniger Medikamente braucht. Heilfasten ist also ein Hit für Patienten mit chronischen Entzündungen“, sagt Dr. Martin Pinsger, Leiter des Schmerzkompetenzzentrums Bad Vöslau.

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Dr. Thomas Hartl
März 2021

Bild: Foxys Forest Manufacture/shutterstock.com

 

 

 

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