Lade Inhalte...

Meine Gesundheit

Krebs maßgeschneidert und zielgerichtet behandeln

12. März 2021 06:49 Uhr

Krebs – Diese Diagnose ereilt jeden zweiten Mann und jede dritte Frau in Österreich.

Dank verbesserter Früherkennung und personalisierter Krebsmedizin können heute rund 50 Prozent der Erkrankten geheilt werden. Krebs entwickelt sich immer öfter von einer tödlichen zu einer chronischen Erkrankung.

Vier Ps bestimmen die moderne Krebsmedizin:

  • Prävention mit Früherkennung,
  • Personalisierung, basierend auf dem genetischen Profil des Tumors,
  • Partizipation durch Mitbestimmung des Patienten und
  • Präzision durch molekulare Diagnostik und maßgeschneiderte Therapie.

Operation, Chemo-, Strahlen- und Hormontherapie sind erprobte Eckpfeiler in der Behandlung. Sie wurden um Immuntherapie, Stammzelltransplantation sowie das innovative Feld zielgerichteter Therapien erweitert. Ob kombiniert oder einzeln geht der Trend dank der neuen molekularbiologischen Möglichkeiten in Richtung individualisierte Therapie. Ziele sind neben besseren Heilungschancen vor allem mehr Lebensjahre in guter Lebensqualität bei fortgeschrittenem Krebsstadium.

„Der Hauptteil der Arzneiforschung geht in den Bereich Onkologika. Mehr als 50 Prozent der jährlich neuzugelassenen Medikamente gehen in die Krebsmedizin“, sagt Univ.-Doz. Dr. Ansgar Weltermann, Leiter der Tumorzentren im Ordensklinikum Elisabethinen Linz und meint weiter: „Wer früher als austherapiert galt, für den hat die Medizin heute manchmal noch Therapieoptionen, wenn der Krebs ein zweites oder drittes Mal zurückkehrt.“ Die Zahl der Patienten, die Krebs bekommen oder mit ihm leben, wird weiter steigen, weil das Karzinom eine Erkrankung des älteren Menschen ist.

Immer präziser und schonender

Die zu erwartende Lebensqualität des Patienten ist mitentscheidend, welche Therapie die sinnvollste ist. Die Toxizität setzt der Tumorbehandlung ihre Grenzen. Bei den Therapien gibt es ständig neue Medikamente, Methoden und Anwendungsschemata mit dem Ziel gesunde Zellen zu schonen und/oder weniger Nebenwirkungen zu erzeugen.

  • Operation: Hierbei heißt es: So umfangreich wie nötig, so schonend wie möglich. Die minimal-invasive Chirurgie (Schlüssellochchirurgie), Laserchirurgie und Endoskopie sowie roboterassistierte Eingriffe leisten dabei viel Positives für die Patienten. Man denke etwa an die Laparoskopie (Bauchspiegelung) bei Gebärmutterkörper-, Enddarm- und Prostatakrebs.
  • Chemo- und Strahlentherapie: Kann der Tumor chirurgisch nicht vollständig entfernt werden, sind Absiedelungen vorhanden oder besteht ein großes Rezidivrisiko wird oftmals eine adjuvante (systemische) Behandlung durchgeführt.

    Bei der Chemotherapie sollen chemische Substanzen (Zytostatika) die sich schnell teilenden Krebszellen zerstören. Leider schädigt die Behandlung auch gesunde Körperzellen, was zu Nebenwirkungen wie Haarausfall, Schleimhautentzündungen, Übelkeit, Erschöpfung, Veränderungen im Blutbild etc. führen kann. Heute sind mehr als 50 verschiedene Chemotherapeutika bekannt. Verabreicht wird die „Chemo“ als Spritze, Infusion oder Tablette.

    Die Radiotherapie (Strahlentherapie) kommt bei rund der Hälfte der Krebspatienten zum Einsatz – oft kombiniert mit Operation oder Medikamenten. Die Verabreichungsmethoden werden immer präziser und vielfältiger. Zu den neueren Methoden gehören etwa die Intensitätsmodulierte Strahlentherapie (IMRT), bei der die Einstrahlrichtung fortwährend verändert und somit gesundes Gewebe geschont wird. IMRT kommt bei Prostatakrebs, Tumoren im Kopf-Halsbereich und im Hirn, im Verdauungstrakt und Genitalbereich zum Einsatz.

    Bei der Stereotaktischen Bestrahlung (Gamma Knife etc.) oder Radiochirurgie treffen die Strahlen aus verschiedenen Winkeln punktgenau auf den Tumor. Hirntumoren, Metastasen in Lunge, Leber, Prostata und Wirbelsäule rückt man derart zu Leibe.

    Bei Brustkrebs und Tumoren im Bauchraum wendet man in bestimmten Fällen die Intraoperative Radiotherapie (IORT) an. Darunter versteht man, dass der Tumor während des Eingriffes durch den geöffneten Körper direkt bestrahlt wird. Die Chirurgen entfernen den Tumor und das Gewebe, wo er lokalisiert war, das sogenannte Tumorbett, wird unter Sicht und Schonung des umliegenden Gewebes, präzise bestrahlt.
  • Antihormontherapie: Manche Tumore wachsen unter dem Einfluss von Hormonen. Bei dieser Therapie werden körpereigene Hormone ausgeschaltet, um Wachstum und Ausbreitung des Tumors zu hemmen. Indikation dieser Langzeittherapie sind etwa der hormonabhängige Brustkrebs und Prostatakrebs.

Zielgerichtet angreifen

Die sogenannte zielgerichtete Therapie (targeted therapy) und die Immuntherapie haben in den vergangenen zehn bis 15 Jahren vor allem für Krebskranke mit Metastasen eine längere Überlebenszeit bei guter Qualität gebracht.

Durch die Entschlüsselung des menschlichen Genoms um die Jahrtausendwende erkannte man, dass auch jeder Tumor molekularbiologisch anders ist, was einen Meilenstein in der Krebsmedizin darstellte. Man vermutet, dass es weit mehr als 100 Krebsarten gibt. Auf dieser Basis werden zunehmend molekularbiologische Therapien entwickelt, die auf ganz spezifische Eigenschaften von Krebszellen abzielen und diese wirkungsvoll bekämpfen oder das Tumorwachstum aufhalten sollen. Diese maßgeschneiderte Krebsbehandlung setzt eine molekular-genetische Untersuchungen von Tumorgewebe voraus. Die Veränderungen, die die Turmorzelle „verwundbar“ macht, nennt man Biomarker.

Ob eine zielgerichtete Behandlung in Frage kommt, hängt von Tumorart, Krankheitsstadium und genannten Biomarkern ab. Die neuen Wirkstoffe werden als Infusion, Spritze unter die Haut oder Tabletten verabreicht und manchmal mit anderen Behandlungsmethoden kombiniert.

„Auch zielgerichtete Therapien haben Nebenwirkungen, denn die Strukturen auf die die Wirkstoffe abzielen, kommen zum Teil auch anderswo in gesunden Zellen vor. Man kennt Nebenwirkungen an Haut, Nägeln, Leber, Magen-Darm-Trakt, Schilddrüse und Herz-Kreislauf-System, die gut gemanagt werden müssen“, sagt Hämato-Onkologe Weltermann.

Bei Lungen-, Darm- und Brustkrebs sind zum Beispiel schon zahlreiche solche Biomarker bekannt, die sich maßgeschneidert angreifen lassen. Dabei werden Signale oder Signalwege auf unterschiedlichen Wegen blockiert.

Beispiele für Wirkstoffe und -weise:

  • Monoklonale Antikörper: Sie verhindern vom Zelläußeren her, dass Wachstums- und Vermehrungssignale in der Tumorzelle ankommen.
  • Small Molecules (Kleine Moleküle): Diese neuen Medikamente blockieren oder verändern spezielle Andockstellen (Rezeptoren), Enzyme oder andere Eiweiße von Krebszellen. Dadurch wird der Wachstumsprozess der Krebszellen gestoppt.
  • Angiogenesehemmer: Sie hungern den Tumor aus beziehungsweise behindern die Blutgefäßneubildung (Angionese) zur Ernährung des Gewächses.
  • Antikörper als Transportmittel: Antikörper werden genutzt, um gezielt Zellgifte zur Tumorzelle zu bringen.

Die Selbstverteidigung aktivieren

Die Immuntherapie ist ein vielversprechendes Feld. Leider können sich manche Tumoren so tarnen, dass das Immunsystem sie nicht als krank und fremd erkennt und somit auch nicht bekämpft. Man erforscht in der Immuntherapie Wege, wie man der Tumorzelle die Tarnung nehmen kann. Sie befähigt, vereinfacht ausgedrückt, den Körper wieder, entartete Zellen anzugreifen und abzutöten.

Beispiele:

  • Immun-Checkpoint-Inhibitoren bei Melanom mit Metastasen: Das Melanom ist ein bekannt aggressiver Krebs, der früh Absiedelungen bildet und eine schlechte Prognose hat. Sogenannte Immun-Checkpoints spielen bei der Aktivierung des Immunsystems gegen Krebszellen eine wesentliche Rolle. Darunter versteht man Rezeptorproteine an der Oberfläche von T-Zellen (d.s. weiße Blutzellen, die zur Abwehr dienen). Wenn spezifische Signalstoffe an die Checkpoints anbinden, wird die T-Zelle gebremst. Dieser Mechanismus dient der natürlichen Regulierung des Immunsystems, um zum Beispiel überschießende Reaktionen, wie bei Autoimmunerkrankungen, zu verhindern. Leider können auch Tumorzellen solche Signalstoffe ausbilden, die über die Checkpoints das Immunsystem dann hemmen. Mittels Immun-Checkpoint-Hemmer gelingt es, das Anbinden und somit das Bremsen des Immunsystems zu verhindern. So kann die Abwehr den Tumor effektiv bekämpfen. Die Checkpoint-Inhibitoren sind künstlich hergestellte Antikörper, von denen der erste 2011 in Europa zugelassen worden ist, und die mittels Infusion verabreicht werden.

    Man kann sie als Revolution in der Behandlung etwa von Haut-, Nierenzell- und Lungenkrebs bezeichnen. „Mit dieser Therapie konnte die 5-Jahres-Überlebensrate bei metastasiertem Melanom von fünf Prozent auf 50 Prozent gesteigert werden. In naher Zukunft sind neue Verabreichungsschemata zu erwarten, von denen man sich ein noch besseres Ansprechen auf die Therapie erhofft“, erklärt Univ.- Prof. Dr. Wolfram Hötzenecker, Vorstand der Klinik für Dermatologie und Veneralogie im Kepler Universitätsklinikum Linz.
  • Zelluläre Immuntherapie (CAR-T-Zell-Therapie) bei bestimmten Formen von Lymphknotenkrebs und Leukämie: Bei dieser Therapie werden T-Immunzellen aus dem Blut des Erkrankten herausgefiltert und im Labor gentechnisch verändert, sodass sie ein bestimmtes Protein, einen chimären Antigenrezeptor (CAR), auf ihrer Oberfläche bilden, der die Krebszellen erkennt. Die CAR-T-Zellen werden dem Patienten über eine Infusion zurückgegeben und führen zu einer heftigen und lange anhaltenden Immunreaktion gegen den Krebs. Weltermann: „Diese neueste zelluläre Therapie ist komplex und kann zu schweren Nebenwirkungen führen, daher wird sie derzeit nur an ausgewählten onkologischen Zentren in Österreich im Rahmen von Studien verabreicht. Man erhofft sich eine um bis zu 30%ige Heilungschance bei den angesprochenen Krebsarten.“

Mehr ambulant statt stationär

Wichtig in der individualisierten Krebsmedizin ist die Beurteilung der therapeutischen Belastbarkeit des Patienten. In sogenannten Tumorboards besprechen Mediziner verschiedener Fachdisziplinen alle Befunde und versuchen die bestmögliche individuelle Therapie zu finden. Für Patienten über 70 Jahren gibt es im Vorfeld oftmals ein „Onko-Geriatrisches Assessment“, bei dem medizinische, psychosoziale und funktionelle Ressourcen sowie Probleme des Krebskranken erfasst werden. Der Geriater führt Tests zu Muskelkraft und Gedächtnis durch, prüft Begleiterkrankungen, Ernährungsstatus, Medikamenteneinnahme, aber auch die Unterstützung durch Angehörig, um bestmögliche Voraussetzungen für die Genesung zu schaffen.

Onkologe Weltermann: „Österreich ist in der Krebsmedizin sehr gut aufgestellt und die Patienten haben schnell Zugang zur optimalen Therapie. Angestrebt wird, dass mehr Behandlungen ambulant und wohnortnahe durchgeführt werden können.“

mehr...

Mag. Christine Radmayr
März 2021

Bild: goodbishop/shutterstock.com

 

 

Lädt
turned_in

info Mit dem Klick auf das Icon fügen Sie das Schlagwort zu Ihren Themen hinzu.

turned_in

info Mit dem Klick auf das Icon öffnen Sie Ihre "meine Themen" Seite. Sie haben von 15 Schlagworten gespeichert und müssten Schlagworte entfernen.

turned_in

info Mit dem Klick auf das Icon entfernen Sie das Schlagwort aus Ihren Themen.

turned_in

Fügen Sie das Thema zu Ihren Themen hinzu.

mehr aus Meine Gesundheit

0  Kommentare expand_more 0  Kommentare expand_less