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Kinder und Jugendliche in der Corona-Krise

22.Februar 2021

Die Lebensqualität und die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen haben sich in Deutschland im Verlauf der Corona-Pandemie weiter verschlechtert, berichtet das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Für Österreich berichten die Kinderfreunde vom Ergebnis einer Befragung, dass nicht einmal jedes zweite befragte Kind angab, „dass es ihm ‚eh gut‘ geht“.

Fast jedes dritte Kind leidet ein knappes Jahr nach Beginn der Pandemie unter psychischen Auffälligkeiten, so die deutsche Universitätsklinik. Sorgen und Ängste haben noch einmal zugenommen, auch depressive Symptome und psychosomatische Beschwerden sind verstärkt zu beobachten.

COPSY-Studie: Corona und Psyche

Erneut sind vor allem Kinder und Jugendliche aus sozial schwächeren Verhältnissen oder mit Migrationshintergrund betroffen, so die Forschende des UKE. Die sogenannte COPSY-Studie (Corona und Psyche) ist deutschlandweit die erste und international eine der wenigen Längsschnittstudien ihrer Art.

„Unsere Ergebnisse zeigen erneut: Wer vor der Pandemie gut dastand, Strukturen erlernt hat und sich in seiner Familie wohl und gut aufgehoben fühlt, wird auch gut durch die Pandemie kommen. Wir brauchen aber verlässlichere Konzepte, um insbesondere Kinder aus Risikofamilien zu unterstützen und ihre seelische Gesundheit zu stärken“, sagt Prof. Dr. Ulrike Ravens-Sieberer, Leiterin der COPSY-Studie und Forschungsdirektorin der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik des UKE (siehe ausführliches Statement in der Pressemitteilung am Ende es Artikels).

Lebensqualität, psychische und psychosomatische Auffälligkeiten

  • Vier von fünf der befragten Kinder und Jugendlichen fühlen sich durch die Corona-Pandemie belastet. Ihre Lebensqualität hat sich im Verlauf der Pandemie weiter verschlechtert.
  • Sieben von zehn Kindern geben in der zweiten Befragung eine geminderte Lebensqualität an.
  • Wie schon während der ersten Befragung im Frühsommer 2020 (Mai/Juni), leidet fast jedes dritte Kind auch zehn Monate nach Beginn der Pandemie noch unter psychischen Auffälligkeiten.
  • Ängste und Sorgen haben bei den Kindern im Vergleich zur ersten Befragung noch einmal deutlich zugenommen. Sie zeigen zudem häufiger depressive Symptome sowie psychosomatische Beschwerden wie zum Beispiel Niedergeschlagenheit oder Kopf- und Bauchschmerzen.

85% der Kinder finden die Corona-Krise belastend

„Die allgemeine psychische Belastung ist stabil hoch. Fast jedes dritte Kind zeigt Hinweise auf eine psychische Belastung“, berichtete Prof. Dr. Ulrike Ravens-Sieberer, gegenüber der deutsche Ausgabe der Medizinplattform medscape.com.

„Vor der Pandemie waren es nur 20 Prozent.“ Aber nicht jedes belastete Kind reagiere mit einer Erkrankung, hielt Ravens-Sieberer fest.

  • Fast 85% der Kinder finden die Corona-Krise belastend. In der ersten Befragung im Mai und Juni 2020 waren es nur 70%, so die Studienergebnisse.
  • Vor der Krise lag der Anteil der Kinder mit reduzierter Lebensqualität bei 3 von 10. In der ersten Befragung stieg dieser Anteil auf 6 von 10 und in der 2. Befragung schließlich auf 7 von 10.
  • Wie schon während der ersten Befragung leidet fast jedes 3. Kind auch 10 Monate nach Beginn der Pandemie noch unter psychischen Auffälligkeiten. „Wir stellten Ängste und Sorgen fest, Kopfweh und Niedergeschlagenheit“, so Ravens-Sieberer.

Kinder aus sozial schwachen Familien sind besonders betroffen

Die Wissenschaftler hatten angenommen, dass die Kinder sich an die Unsicherheit der Corona-Krise gewöhnen würden. „Das war aber nicht der Fall“, erklärte die Studienleiterin. „Unsicherheit kann man schwer adaptieren.“ Die Situation falle inzwischen in den Schulen nicht mehr auf, weil sie geschlossen sind. Umso mehr bemerken die Kinderärzte, wie niedergeschlagen die Kinder oft seien, so medscape.com.

Gesundheitsverhalten

Auch das Gesundheitsverhalten der Kinder und Jugendlichen hat sich noch weiter verschlechtert.

Die Ernährung ist weiterhin ungesund mit vielen Süßigkeiten und auch mit der täglichen Bewegung sieht es nicht gut aus: Zehnmal mehr Kinder wie vor der Pandemie und doppelt so viele wie bei der ersten Befragung machen überhaupt keinen Sport mehr. „Sport ist ganz wesentlich für das psychische und physische Wohlbefinden. Neben der für die gesunde Entwicklung so wichtigen Bewegung treffen Kinder und Jugendliche beim Sport auch ihre Freunde, lernen, sich in eine Mannschaft einzuordnen und mit Konflikten, Siegen und Niederlagen umzugehen“, so Ravens-Sieberer.

Darüber hinaus verbringen die Kinder noch mehr Zeit als im Frühsommer 2020 an Handy, Tablet und Spielekonsole. Allerdings nutzen sie die digitalen Medien jetzt häufiger für die Schule.

Schule, Familie, Freunde

Auch in der zweiten Befragung berichten die Kinder und Jugendlichen über mehr Streit in den Familien, über vermehrte schulische Probleme und ein schlechteres Verhältnis zu ihren Freunden. Gleichzeitig zeigt sich, dass Familien, die über einen guten Zusammenhalt berichten und viel Zeit mit ihren Kindern verbringen, besser mit den Belastungen in der Pandemie umgehen können. Doch auch viele Eltern fühlen sich mittlerweile durch die anhaltende Pandemie belastet und zeigen vermehrt depressive Symptome. „Die Eltern scheinen sich auf die Anforderungen durch das Homeschooling und die Doppelbelastung mit ihrer Arbeit eingestellt zu haben und versuchen, diese bestmöglich zu managen. Sie kommen dabei aber zunehmend an ihre Grenzen“, erklärt Ravens-Sieberer.

Resilienz-Forschung: Ein Drittel der Kinder unbeschadet durch die Krise

Widrige Umstände könnten auch die Widerstandskraft der Kinder stärken. Das betont Prof. Dr. Christoph Möller, Chefarzt Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Hannoveraner Kinderkrankenhauses auf der Bult, gegenüber medscape.com. „Wir wissen aus der Resilienz-Forschung, dass etwa ein Drittel der Kinder und Erwachsenen unbeschadet mit schwierigen Situationen umgehen können. Und das wird auch jetzt so sein.“

Positive Auswirkungen des Lockdown könnten sein, das sich Hetze und die hohen Ansprüche durch die Schule plötzlich verringert hätten. Familienleben und gemeinsame Unternehmungen hätten einen höheren Stellenwert bekommen. „Dass Kinder etwa durch das Wegfallen der Fremdbetreuung mehr mit ihren Eltern zusammen sind, ist also nicht nur negativ zu werten“, sagt Möller zu medscape.

Allerdings: Diese positiven Aspekte überwiegen in der Krise nicht, wie Möller betont. Schon gar nicht für Kinder, die in prekären Situationen aufwachsen. Ein Befund, den auch Ravens-Sieberer teilt. „Wir müssen diese Kinder auch dann sehen, wenn sie nicht in der Schule auftauchen. Wir brauchen bessere Konzepte für Kinder aus sozial schwachen Familien.“

Der gesamte Artikel wurde am 17. Februar 2021 auf Medscape Deutschland veröffentlicht und ist (nach kostenloser Registrierung) in voller Länge hier abrufbar.

Über die Studie

In der COPSY-Studie untersuchen die UKE-Forschenden die Auswirkungen und Folgen der Corona-Pandemie auf die seelische Gesundheit und das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Sie haben dafür von Mitte Dezember 2020 bis Mitte Januar 2021 mehr als 1000 Kinder und Jugendliche und mehr als 1600 Eltern mittels Online-Fragebogen befragt. Mehr als 80 Prozent der befragten Kinder und Eltern hatten bereits an der ersten Befragung im Juni 2020 teilgenommen. Die 11- bis 17-Jährigen füllten ihre Fragebögen selbst aus. Für die 7- bis 10-Jährigen antworteten die Eltern. Auch dieses Mal bilden die Befragten die Bevölkerungsstruktur von Familien mit Kindern im Alter von 7 und 17 Jahren ab.

An der ersten Befragung von Ende Mai bis Mitte Juni 2020 nahmen insgesamt 1.040 Kinder und Jugendliche im Alter von 11 bis 17 Jahren per Selbsteinschätzung und die Eltern(teile) für ihre 7- bis 10-jährigen Kinder an der Online-Studie teil. Der Altersdurchschnitt der Kinder- und Jugendliche betrug 14,3 Jahre, in der Elterngruppe 43,9 Jahre.

Lage in Österreich

Auch die Kinder in Österreich leiden unter Isolation – am meisten werden Freundinnen und Freunde vermisst, berichten die Österreichischen Kinderfreunde Kärnten von einer Onlinebefragung.

Die Kinderfreunde befragten Kinder im Alter zwischen 6 und 14 Jahren nach ihrer Stimmung und ihrem Wohlbefinden während der Zeit daheim im Lockdown. Insgesamt 1072 Kinder und Jugendliche aus ganz Österreich nahmen an der Onlinebefragung teil.

„In Summe war der Lockdown für Kinder sehr belastend. Nicht einmal jedes zweite befragte Kind gab an, dass es ihm ‚eh gut‘ geht. Die Mehrheit fand sich zwischen ‚es geht so‘ (43%), ‚nicht so gut‘ (10,4%) oder 'schlecht' (3,2%) ein – der Anteil der Kinder, denen es während des Lockdowns nicht gut ging, ist relativ unabhängig vom Alter“, erklärt Christian Oxonitsch, Bundesvorsitzender der Österreichischen Kinderfreunde die Befragung.

Am meisten vermissten die Befragten ihre Freunde.

Forderungen der Kinderfreunde

Aus den Ergebnissen der Umfrage leiten die Kinderfreunde einige Forderung für die Zeit nach dem Lockdown ab. Hier ein Auszug:

  • Lerncamps für alle Kinder
    Um die Unterschiede durch das Homeschooling auszugleichen, braucht es bundesfinanzierte Lerncamps und „Ferien-Zuhause-Angebote“. Bedürfniss nach Erholung und Bildung ist gleichermaßen Rechnung zu tragen.
  • 100.000 Therapieplätze schaffen
    „Schon vor der Krise fehlten in Österreich rund 80.000 Therapieplätze für Kinder, die Wartezeiten betrugen oft mehrere Monate. Die Lage hat sich durch das Herunterfahren unterschiedlicher Systeme in den letzten Monaten weiter verschärft. Hier geht es um Angebote von Logopädie, Ergotherapie bis hin zur Psychotherapie“, so die Kinderfreunde.
  • Gratis-Tablet für alle Schulkinder
    Ein Lerntablet für alle Kinder ist ein erster Schritt, damit soziale Unterschiede nicht noch mehr über den Lernerfolg der Kinder entscheiden. Und: „Eine weitere Voraussetzung ist die Schaffung einer gemeinsamen Bund-Länder-Plattform für e-Learning.“
  • Klarheit für Kinderferienangebote
    „Wenn darüber diskutiert wird, wie der Fremdenverkehr im Sommer organisiert werden kann, darf auf die wichtige Schiene der Kinderferienaktionen nicht vergessen werden – diese Angebote sind oft die einzige Möglichkeit auf ein Ferienerlebnis für Kinder aus finanziell benachteiligten Familien“, so die Österreichischen Kinderfreunde.

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UKE / medscape.com / Kinderfreunde.at / Mag. Christian Boukal
Februar 2021

Bild: Marina Andrejchenko/shutterstock.com

 

PRESSEMITTEILUNG UKE COPSY-Studie

 

 

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16. September 2021