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Impftiter – Wann die Bestimmung sinnvoll ist

02.Juli 2021

Das fragen sich seit Corona ehemals Infizierte wie Geimpfte gleichermaßen. Von Impfung zu Impfung ist es unterschiedlich, ob eine Titerbestimmung im Blut Aufschluss über die Immunität gibt. Im Fall von CoViD-19 gibt es noch keinen Schwellenwert für neutralisierende Antikörper und somit hat deren Bestimmung wenig Aussagekraft für den Schutz vor der Erkrankung.

Unser Immunsystem ist komplex und bekämpft Krankheitserreger wie Viren, Bakterien oder Pilze auf der Haut, im Gewebe und in Körperflüssigkeiten. Es besteht aus der angeborenen (unspezifischen) und der erworbenen (spezifischen) Abwehr. Beide Arten sind eng verbunden und haben unterschiedliche Aufgaben.

Während das angeborene System aus dem Schutz durch Haut und Schleimhäuten sowie durch Abwehrzellen und Eiweißen besteht, gehören zur erworbenen Abwehr die T-Zellen und B-Zellen im Gewebe sowie Antikörper im Blut.

Angeborene und erworbene Abwehr

Das angeborene Immunsystem reagiert als erstes, sehr schnell und immer gleich auf Eindringlinge. Wenn etwa Bakterien durch eine Wunde in die Haut eindringen, kann es diese rasch aufspüren und zerstören. Wenn es ihm nicht gelingt, alle Erreger zu vernichten, übernimmt das erworbene Immunsystem.

Das geht dann gezielt gegen Bakterien oder Viren vor. Dazu muss es den Feind zuallererst aber erkennen. Danach ist es sehr effektiv und kann sich den Angreifer auch „merken“. Dieses Abwehr-Gedächtnis sorgt dafür, dass beim neuerlichen Kontakt mit dem Erreger die spezifische Immunantwort sehr rasch eingeleitet wird, sodass die zweite Infektion ohne oder mit nur milden Symptomen verläuft.

Antikörper schalten den „Feind“ gezielt aus

Bei einer Titerbestimmung (Schutztiter, Impftiter) geht es um die neutralisierenden Antikörper, die bei der Immunantwort eine wesentliche Rolle spielen. Das sind Eiweiß-Zucker-Verbindungen im Blut. Sie werden von den B-Lymphozyten gebildet, um Fremdstoffe und Erreger spezifisch abzuwehren. Sie erkennen die Erreger schnell und binden sich an deren Oberfläche. Dadurch neutralisieren sie die fremden Substanzen oder Strukturen, die man Antigene nennt, und locken gleichzeitig weitere Abwehrzellen an.

Hauptwirkung der Antikörper

  • Sie neutralisieren Krankheitserreger, indem sie sich direkt an seine Zelloberfläche anlagern oder deren Giftstoffe binden. Der Erreger kann sich daher nicht mehr an andere Körperzellen anheften und diese infizieren.
  • Sie aktivieren andere Abwehrzellen.
  • Sie aktivieren Eiweiße, die bei der Abwehr helfen.

Kontroverse Titer-Diskussion

Immer wieder stellt sich in Fachkreisen die kontrovers diskutierte Frage, wann und bei welchen Impfungen eine Bestimmung der Antikörperkonzentration sinnvoll ist. Generell heißt es, dass bei Routineimpfungen keine Erfolgskontrolle notwendig sei. „Dies ist im Einzelfall zu entscheiden. Bei immungeschwächten Menschen, die zum Beispiel eine Chemotherapie durchmachen oder eine Organtransplantation hinter sich haben, kann eine Titerbestimmung angezeigt sein“, sagt Prim. Priv.-Doz. Dr. Rainer Gattringer, Leiter des Instituts für Hygiene und Mikrobiologie, Infektiologie und Tropenmedizin am Klinikum Wels-Grieskirchen.

Da jeder Mensch anders auf eine Impfung reagiert, kann man nie von einem vollständigen Schutz ausgehen. So kommt es in vereinzelten Fällen immer wieder vor, dass geimpfte Menschen mit hoher Konzentration von Antikörpern im Blut, dennoch zum Beispiel an Tetanus erkranken.

Auf der anderen Seite bedeutet ein negativer Antikörpertest nach einer Impfung nicht zwingend, dass man nicht geschützt ist. „Bei der Hepatitis B-Impfung weiß man zum Beispiel, dass rund ein bis zehn Prozent sogenannte Non-Responder sind, das heißt, dass nach der Impfung keine oder nur eine sehr geringe Zahl von Antikörpern im Blut nachweisbar sind. Da es außer den neutralisierenden Antikörpern auch eine zelluläre Immunantwort gibt, kann der Geimpfte aber dennoch geschützt sein“, erklärt Gattringer.

Noch kein Grenzwert für CoViD-19

Im Fall der Coronaimpfung empfiehlt Gattringer derzeit im Normalfall keine Spike-Protein-Antikörperbestimmung. „Es gibt noch keinen Grenzwert, ab dem eine Schutzwirkung angenommen werden kann. Außerdem sind Antikörper wie erwähnt, nur ein Teil der komplexen Abwehr. Auch die T-Zellen erkennen infizierte Zellen und können diese eliminieren. Diese zelluläre Immunität kann bei den gängigen Tests aber nicht festgestellt werden. Dazu sind aufwändige Untersuchungen in Speziallabors notwendig“, sagt der Experte für Mikrobiologie.

Das nationale Impfgremium Österreichs rät ebenso bezüglich Corona angesichts des fehlenden Schutzkorrelats zum jetzigen Zeitpunkt von einer Impferfolgskontrolle ab. „Das heißt, dass der Antikörpertest nach der Impfung nur in seltenen Fällen sinnvoll ist, da er nur bedingt Auskunft über die Immunität gibt“, erklärt Gattringer. Bei anderen Impfungen kennt man Schwellenwerte durch jahrelange Erfahrung, umfangreiche Forschung und Studien. Bei Corona ist das Virus und die von ihm ausgelöste Infektion noch zu jung, um diesbezüglich sichere Aussagen treffen zu können.

Impfstatus unbekannt

Im Fall des Verlustes des Impfpasses kann einem der Überblick über seinen Impfstatus abhanden kommen. In diesem Fall kann für bestimmte Impfungen eine Titerkontrolle herausfinden, ob man überhaupt geimpft ist beziehungsweise ob eine Auffrischung notwendig ist. So eine Antikörperbestimmung kostet zwischen 20 und 50 Euro und wird von der Krankenkasse nicht erstattet.

Der Antikörpernachweis kann auch diagnostisch eingesetzt werden, um zu eruieren, ob eine akute Infektion besteht oder durchgemacht wurde.

Die Aussagekraft der Antikörperwerte ist je nach Virus beziehungsweise Impfung unterschiedlich. Hier einige Beispiele:

  • HPV (Humane Papillomaviren), Gelbfieber, Pneumokokken, Typhus oder Meningokokken sind über eine Titerbestimmung nicht nachzuweisen.
  • Bei Masern, Mumps oder Röteln gibt der Titer an, ob ein andauernder Schutz vorhanden ist oder nicht. Wer einmal Antikörper gegen diese Erkrankungen gebildet hat, ist lebenslang geschützt. „Auch vor einer geplanten Schwangerschaft ist es angeraten im Zweifelsfall zu prüfen, ob ein Schutz gegen Röteln, Masern oder Varicellen, sprich Windpocken, vorhanden ist. Eine Infektion während der Schwangerschaft kann schwerwiegende Folgen für das Ungeborene haben“, erklärt der Welser Mikrobiologe.
  • Bei Hepatitis A oder B, Tollwut, Diphterie und Tetanus hat der Impftiter hohe Aussagekraft, weil nicht nur der Schutz bestimmt werden kann sondern auch, in welchem Zeitraum eine Auffrischung notwendig wird.
  • Bei FSME und Keuchhusten gibt der Titer Auskunft über einen Schutz vor der Erkrankung. Wenn jemand nicht mehr weiß, wie lange seine FSME Impfung zurückliegt, ist es üblich einmal zu impfen und nach ein bis sechs Monaten den Titer zu erheben. Kann kein ausreichender Schutz nachgewiesen werden, muss eine Grundimmunisierung durchgeführt werden.

Zu einer Impferfolgskontrolle sucht man am besten den Hausarzt auf, der Blut abnimmt, es an ein Labor schickt und den Befund dann bespricht.

Ist der Impftiter nach einer Impfung zu niedrig, kann das neben dem Nichtansprechen auf die Immunisierung (Non-Responder) auch daran liegen, dass eine Immunschwäche vorliegt, der Impfstoff nicht richtig verabreicht oder falsch gelagert wurde oder dass die letzte Auffrischung zu lange zurück liegt. Gehört man zu den Non-Respondern, sollte das weitere Vorgehen mit dem Arzt besprochen werden. In diesem Fall kann man zum Beispiel ein drittes Mal geimpft werden oder es wird das Impfschema oder die -dosis verändert.

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Mag. Christine Radmayr
Juli 2021

Bild: insta_photos/shutterstock.com

 

 

 

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