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Forum Gesundheit

Frühgeburt – Das leistet die Neonatologie

04. November 2020 00:00 Uhr

Nur etwa vier Prozent der Kinder erblicken das Licht der Welt zum errechneten Geburtstermin zum Ende der 40. Schwangerschaftswoche – die meisten Babys werden innerhalb eines Zeitraums von drei Wochen davor bis zwei Wochen danach geboren.

Wird ein Kind vor der Schwangerschaftswoche 37 entbunden, spricht man von einem Frühgeborenen. Im Jahr 2018 wurden in Österreich rund 6.200 Frühgeborene verzeichnet, berichtet das Klinikum Wels-Grieskirchen. Gemessen an den mehr als 85.500 Neugeborenen des Jahres entsprach diese Zahl einer Frühgeborenenrate von 7,3 Prozent.

Frühchen-Experte OA Dr. Martin Wald und sein Team versorgen an der Neonatologie am Klinikum Wels-Grieskirchen jährlich rund 45 Kinder mit einem Geburtsgewicht von unter 1.500 Gramm. Wichtige Aspekte der modernen Neonatologie sind neben der Verbesserung der Lebensqualität eine ganzheitliche Betreuung und Begleitung der Frühgeborenen-Familien, bei der Eltern, Ärzte, Pflege und viele weitere Disziplinen mitwirken.

Intensivmedizin

Durch immense Fortschritte in der neonatologischen Intensivmedizin wurde in den letzten Jahren ein Überleben von sehr unreifen Frühgeborenen möglich. „Mit Schwangerschaftswoche 23 scheint nun eine Grenze erreicht zu sein, die aufgrund der Lungenunreife nicht in absehbarer Zeit nach unten verschoben werden kann“, erklärt Wald, ärztlicher Bereichsleiter der Neonatologie am Klinikum Wels-Grieskirchen. Nachdem lange die Überlebensrate im Vordergrund stand, geht es heute primär um die Verbesserung der Lebensqualität. Besonders wichtig sind zu Beginn das Abwenden klassischer Probleme, wie Hirnblutungen, akuter Darmkomplikationen oder Erkrankungen der Netzhaut.

Familie im Mittelpunkt – So werden Eltern miteinbezogen

Besteht eine Hochrisikoschwangerschaft, startet die Begleitung der werdenden Eltern – zusätzlich zur überaus wichtigen geburtshilflichen Betreuung – bereits vor der Niederkunft durch eine umfassende Beratung und Stationsbesichtigung. „Nach der Geburt liegt der Schwerpunkt neben Medizin und Pflege in der Stärkung der elterlichen Kompetenzen, der Vertiefung der Eltern-Kind-Bindung sowie entwicklungsfördernder und familienzentrierter Betreuung“, so DGKP MSc. Sarada Wagner, Stationsleiterin der Neonatologie und NIMCU (Neugeborenen-Intensivüberwachung) und Early Life Care Expertin am Klinikum Wels-Grieskirchen. „Wir gehen individuell auf jedes Kind und jede Familie ein. Durch unsere interdisziplinäre Begleitung stabilisieren wir betroffene Familien in den oft schwierigen Situationen und versuchen, elterliche Anpassungs- und Belastungsstörungen abzuwenden. Eine solche ganzheitliche Begleitung sichert langfristige Behandlungserfolge und eine positive Entwicklung der Frühgeborenen.“

Neonatologie in Entwicklung

Auch setzen Experten heute alles daran, um Folgeprobleme von Frühgeborenen zu verringern. „Betroffene Kinder können vor allem Einschränkungen im Bereich der Motorik, des Hörens und Sehens, aber auch des Verhaltens aufweisen“, so Frühchen-Experte Wald. „Im Kleinkind- und Schulalter sind Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen zu beobachten.“ Ein zweiter Schwerpunkt der Neonatologie ist derzeit die Minimierung der maschinellen Beatmung, um Lungenschäden und das Risiko für Infektionen zurückzudrängen. Auch ist die zunehmende Angleichung der internationalen Standards ein Meilenstein. Experten aller Länder haben die Möglichkeit, sich online schnell und unbürokratisch auszutauschen und Behandlungen abzugleichen. „Rund um den Globus existiert heute eine neonatologische Community, erfolgreiche Therapiekonzepte können sich zum Nutzen aller durchsetzen“, erklärt Wald.

Regionale Unterstützung für Frühgeborene und ihre Eltern

Mit der Betreuung ihres Frühgeborenen kommen auf die Eltern vielerlei Herausforderungen zu. Der 2013 gegründete oberösterreichische Verein Newbe kennt die Zusatzbelastungen und versucht entgegenzuwirken. Obfrau Petra Gasperlmair und ihr Team aus erfahrenen Kinderkrankenschwestern haben es sich zum Ziel gesetzt, alle neonatologischen Stationen im Bundesland mit Informationsarbeit und gezielten Hilfsaktionen zu unterstützen. „Die meisten Eltern sind nicht darauf vorbereitet, dass ihr kleiner Schatz viel zu früh auf die Welt kommt. Plötzlich ist alles anders“, so Gasperlmair. „Mit unserer Vereinsarbeit unterstützen wir sie ein wenig in ihrem neuen Alltag. Unsere obersten Ziele sind dabei die Vernetzung mit Experten und Betroffenen mit Erfahrungswerten aus ähnlichen Situationen.“ Auch die Bewusstseinsschaffung für das Thema Frühgeburt in der Gesellschaft ist ihr ein wichtiges Anliegen.

Die Prognose für Frühgeborene in Österreich

Die Aussichten für Frühgeborene in Österreich sind heute sehr gut, dies zeigen auch die Daten des Österreichischen Frühgeborenen-Outcome-Registers. Trotz der erfreulichen Entwicklung darf Frühgeburtlichkeit nicht leichtfertig als Option gewählt werden. Selbst in Schwangerschaftswoche 35 sollten Kinder nicht ohne strengstes Abwägen von Vor- und Nachteilen für ihre Entwicklung entbunden werden. Auch späte Frühgeborene sind unreif, viele von ihnen haben Anpassungsprobleme sowie ein erhöhtes Risiko für chronische Erkrankungen. Erst um den Geburtstermin ist die Lunge voll funktionsfähig: Mangelnde Lungenreife stellt häufig ein Problem dar, das sich im Atemnotsyndrom äußern kann. Weiters sind Unterzuckerungen problematisch, die den Nervenzellen des Gehirns schaden können. Auch bei späten Frühgeborenen ist der Saug- und Schluckreflex oft erst schwach entwickelt. Sie verfügen über verminderte körpereigene Energiereserven, weisen aber einen erhöhten Kalorienbedarf auf – etwa um ihre Körpertemperatur zu halten.

Die Organe von Frühgeborenen sind noch nicht vollständig ausgereift, ihr gesundheitliches Risiko ist höher als jenes von reifen Neugeborenen. Eine Geburt vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche sollte deshalb in einer spezialisierten geburtshilflichen Klinik mit angeschlossener neonatologischer Intensivstation erfolgen.

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Mag. Christian Boukal / Klinikum Wels-Grieskirchen
Dezember 2020

Foto: © Klinikum Wels-Grieskirchen / Nik Fleischmann

 

 

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