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Forum Gesundheit

Chronisches Blasenschmerz-Syndrom

04. Dezember 2020 00:00 Uhr

Heftige Unterleibsschmerzen und ständiger Harndrang. Brennender Schmerz von der Blase bis in die Zehenspitzen.

Wenn selbst Antibiotika keine Abhilfe schaffen, könnte ein chronisches Blasenschmerz-Syndrom dahinterstehen. Eine Therapie ist schwierig, doch es gibt Möglichkeiten, die Erkrankung zum Stillstand zu bringen.

Das chronische Blasenschmerz-Syndrom (Fachausdruck Interstitielle Zystitis, kurz IC) ist eine chronische Erkrankung der Harnblase mit Schädigung der Blasenschleimhaut. Die Erkrankung zeigt sich in der Regel erstmals in mittleren Jahren, kann aber auch schon im Kindesalter auftreten. Das Problem ist weiblich, rund 90 Prozent der Betroffenen sind Frauen.

Ursachen und Auslöser

Die Ursachen der Krankheit sind unbekannt, klar ist nur, dass sie nicht durch Infektionen (Bakterien, Viren, Pilze) verursacht wird. Als auslösende Faktoren werden Stress, Kälte und/oder große körperliche Anstrengung vermutet. „Viele IC-Patienten berichten auch über Erfahrungen mit Nahrungs- und Lebensmitteln, die Blasenschmerzen verursachen oder Harndrang fördern oder andererseits zur Linderung ihrer Symptome beitragen. Dies wurde teilweise durch wissenschaftliche Untersuchungen belegt. Bei sieben von zehn IC-Patienten wurden Allergien, Intoleranzen (Histaminintoleranz) oder Nahrungs- und Arzneimittelunverträglichkeiten festgestellt“, sagt Christa Rammerstorfer, Leiterin der Selbsthilfegruppe IC-Austria.

Symptome

Die Krankheit ist gekennzeichnet durch Schmerzen, häufiges Wasserlassen und starken Harndrang. Die Schmerzen werden je nach Krankheitsstadium als brennend, stechend, schneidend, oder krampfend beschrieben. Sie treten im gesamten Unterbauch auf und können in weitere Regionen ausstrahlen.

„Man muss zur Toilette, es brennt massiv im ganzen Unterleib bis hinunter in die Fußsohlen und Zehenspitzen. Der brennende Blasenschmerz entsteht dadurch, dass der scharfe Harn über die entzündete Schleimhaut der Blase läuft. Er ist voll Säuren und so fühlt sich das auch an. Auch Ausscheidungsprodukte im Harn, besonders Kalium, verursacht vermehrt Harndrang und Schmerzen“, erklärt Rammerstorfer.

Lebensqualität und Arbeitsfähigkeit

Solange Patienten keine Diagnose und eine individuell wirksame Therapie erhalten, verursachen die Schmerzen und der ständige Harndrang große Probleme. Viele Betroffene verlieren nicht nur die Freude am Leben, sondern auch ihre Arbeitsfähigkeit. „Oft bekommt man Probleme mit dem Arbeitgeber, weil man als Arbeitskraft nicht mehr vollständig funktioniert. Man muss häufig in den Krankenstand gehen, häufig Ärzte aufsuchen und sich oft auch operieren lassen“, sagt Rammerstorfer,

Diagnose

Oft dauert es Jahre, bis diese Krankheit als solche erkannt und eine Diagnose gestellt wird. Anfangs wird die IC oft mit einer akuten, später mit einer chronisch wiederkehrenden Blasenentzündung verwechselt. Häufig wird sie als Harnwegsinfekt verkannt. Eine rasche IC-Diagnose wird sehr oft dadurch erschwert, dass bei einem Teil der Betroffenen zusätzlich zur IC eine bakterielle Infektion besteht.

Da die Krankheit anfänglich weder im Harn noch im Blut nachweisbar ist, werden die Beschwerden in den ersten Jahren häufig auch als „Reizblase“ diagnostiziert. „Gerät man an einen Arzt, der IC gut kennt, kann die Krankheit rasch behandelt werden. Ist das nicht der Fall, wird man oft als Mensch mit nervöser Blase abgetan und muss mit seinen Qualen viele Jahre lang leben. Zum Glück ist das Wissen um diese Krankheit in den letzten Jahren deutlich gewachsen und die Patienten kommen heute erkennbar schneller zu einer Diagnose als noch vor zehn Jahren“, so Rammerstorfer.

Verlauf

Häufige Blasenentzündungen und vermehrter Harndrang dürften erste Anzeichen für die Krankheit sein, die über mehrere Jahrzehnte verlaufen kann. Je früher sie erkannt wird, umso besser sind die Therapieerfolge und desto größer sind die Chancen, die Harnblase als funktionsfähiges Organ zu erhalten. „Bei bestmöglicher Therapie kann die Krankheit zum Stillstand gebracht werden. Man muss aber damit rechnen, dass sie immer wieder einmal aufflammt“, sagt die Linzerin.

Therapiemöglichkeiten

Es braucht viel Geduld, bis man eine Therapie findet, die wirklich hilft. Die Behandlung wird individuell auf den jeweiligen Patienten abgestimmt. Es bestehen viele verschiedene Behandlungsmethoden, um die Beschwerden zu lindern:

Medikamente: Verschiedene Kombinationen von Schleimhautschutz, Psychopharmaka und Schmerzmitteln kommen zum Einsatz. Antibiotika- und blasenberuhigende Medikamente sind jedoch wirkungslos.

Ernährung: Bei vielen Betroffenen kann bewusste Ernährung den Krankheitszustand positiv beeinflussen. Hilfreich ist es, Konservierungsstoffe, Farbstoffe und Geschmacksverstärker zu vermeiden. Eine mögliche Histaminintoleranz sollte unbedingt abgeklärt werden. Leichte Kost und kleine Mahlzeiten während des Tages sind besser als wenige große. Säurebildende Lebensmittel (Fleisch, Süßigkeiten, Cola, Kaffee etc.) sollten zugunsten basischer Lebensmittel reduziert werden. Zudem sollte man stark kaliumreiche Lebensmittel möglichst meiden. Hilfreich ist Blasenheiltee, z.B. Ackerschachtelhalm und Goldrute.

Wärme: Eine Wärmeflasche hilft ebenso wie ein warmes Bad.

Physiotherapeutische Verfahren: Sanfte physiotherapeutische Verfahren können als zusätzliche Maßnahmen die Erkrankung günstig beeinflussen. Auch Osteopathie und energetische Verfahren können Linderung bringen.

Schmerztherapie nicht vernachlässigen

Der frühzeitige Einsatz einer Schmerztherapie ist unbedingt nötig. Wichtig ist, dass die sehr oft unter unerträglichen Schmerzen leidenden IC-Patienten möglichst schnell in einen Zustand versetzt werden, der es ihnen ermöglicht, wieder größere Wegstrecken zurückzulegen und damit auch wieder ihren Alltag zu meistern. „Leider werden viele Patienten hier noch nicht ausreichend behandelt. Sie erhalten zu Beginn oft wenig wirksame Schmerzmittel, die kaum helfen, weil es sich um neuropathische Schmerzen handelt. Es besteht daher die Gefahr einer Schmerzchronifizierung. Wirksamer sind Opioide, Morphine und Cannabinoide. Auch Botox kann helfen. Absolut wichtig ist das Fachgespräch mit einem Schmerzarzt, der den Patienten ausreichend über multimodale Schmerztherapie aufklärt und die Medikation richtig einstellt. Hier herrscht ein großes Informationsdefizit“, sagt Rammerstorfer.

Operation als Ausweg

Ist die Erkrankung bei schwerer Symptomatik durch medikamentöse und andere Maßnahmen nicht ausreichend zu beeinflussen, können operative Maßnahmen zum Einsatz kommen. „Bevor ich die richtige Diagnose bekommen habe, wurde ich 35 Mal operiert. Erst nach der Diagnose bekam ich dann eine Neo-Blase, deren Gewebe meinem Dünndarm entstammt. Diese letzte Option der Blasenentfernung, Zystektomie genannt, brachte für mich die große Wende und ich bin seitdem ohne Beschwerden. Ich kenne auch viele andere Patientinnen, denen eine neue Blase auch wieder eine neue Lebensqualität geschenkt hat. Eine Garantie, dass eine Operation von allen Schmerzen befreit, gibt es aber nicht. Manchmal bleibt ein Phantomschmerz bestehen, manche Betroffene sind nach einer Operation trotzdem anfällig für Blaseninfekte. Dennoch: Wenn nichts anderes hilft, kann einem eine neue Harnblase die Lebensqualität zurückbringen“, hält Rammerstorfer fest.

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Dr. Thomas Hartl
Dezember 2020

Bild: shutterstock/goffkein.pro

 

 

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