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Meine Gesundheit

Analgesie: Wenn man keine Schmerzen spürt

09. Juni 2021 00:00 Uhr

Eine seltene angeborene Genmutation führt dazu, dass Betroffene keinerlei Schmerzen spüren.

Was zunächst wie ein Segen klingt, kann dramatische Folgen haben. Denn aufgrund der fehlenden Warnfunktion der Schmerzen werden selbst schwerste Verletzungen und auch Krankheiten erst spät oder gar nicht erkannt. Eine Therapie ist noch nicht in Aussicht. Die Forschung bemüht sich aber, die Erkenntnisse zur Analgesie für die Schmerzbekämpfung chronischer Schmerzpatienten nutzbar zu machen.

Viele Schmerzpatienten träumen von einem schmerzlosen Leben. Und tatsächlich gibt es Menschen, die völlig schmerzbefreit sind – und mehr noch: sie sind gar nicht in der Lage, Schmerzen spüren zu können. Dann spricht man vom Vorliegen einer angeborenen Analgesie – eine Anomalie, die allerdings nur äußerst selten auftritt.

Völlige Schmerzfreiheit – eine Tragik

Manchen Schmerzpatienten dürfte so ein Zustand absoluter Schmerzlosigkeit zwar erstrebenswert und beneidenswert vorkommen, doch für Betroffene ist er tragisch. Schon Kinder haben eine vernarbte Haut. Sie spüren nichts, wenn sie hinfallen oder wenn sie auf die heiße Herdplatte greifen oder sich das Knie aufschlagen. Beim Spielen, Sporteln und Toben kennen sie daher keine Grenzen. „Betroffene ziehen sich von Kindheit an viele und schwere Verletzungen zu, jede Menge Knochenbrüche, unbemerkte Verletzungen, Verbrennungen oder sogar Verstümmelungen, weil sie eben nichts spüren. Sie können sich die Beine brechen und merken es nicht. Genauso gefährlich ist es, dass man die Organe nicht spürt, wie etwa eine Blinddarmentzündung. Da es keine Warnsignale gibt, kann hier medizinische Hilfe zu spät kommen“, sagt Prim. Univ.-Prof. Dr. Christian Lampl, Leiter des Zentrums für Neurologie und Altersmedizin am Konventhospital der Barmherzigen Brüder Linz.

Gendefekte als Ursache

Es gibt mehrere Formen der angeborenen Analgesie, bekannt ist vor allem das sogenannte Marsili-Syndrom. Bei diesem extrem seltenen Gendefekt sind die Betroffenen völlig schmerzfrei, selbst bei gröbsten Verletzungen spüren sie keinerlei Schmerzen. Beim Marsili-Syndrom liegt eine Punktmutation in einem Gen auf dem Chromosom 14 vor, genauer gesagt eine Mutation im Gen SCN9A, wodurch in den Natriumkanälen (Ionenkanäle, die eine Leitfähigkeit für Natrium-Ionen aufweisen) die Weiterleitung von Nervenimpulsen (Schmerzsignalen) unterbunden wird und die Weiterleitung von (Schmerz-) Informationen folglich ausbleibt.

Gendefekt macht Familie Marsili schmerzlos

Das Marsili-Syndrom wurde 2017 nach der italienischen Familie Marsili benannt. Die Großmutter, deren beide Töchter und drei Enkelkinder sind betroffen. Sie alle werden sich zwar nie mit Kopf- oder Rückenschmerzen herumschlagen müssen, dafür haben sie andere Probleme. So führte die fehlende Schmerz-Warnfunktion zu zahlreichen Verletzungen, die zunächst ignoriert wurden, weil jegliche Schmerzhinweise fehlten. Die Familie kann auch Hitze nicht wahrnehmen, was zu zahlreichen Verbrennungen führte. Alle anderen Sinne sind voll ausgeprägt, mit Ausnahme des Geschmackssinns: Das schärfste Lebensmittel überhaupt – Chili – können sie nicht schmecken, weil Capsaicin seine Schärfe der Reizung von Schmerzfasern verdankt. Diese Reizung ist für die Warnung zuständig, dass man sich den Mund verbrennt – was hier eben entfällt.

Gendefekte und erworbene Analgesien

„Neben dem Marsili-Syndrom sind auch andere Genmutationen bekannt, die zu erblicher Analgesie führen. Es kommt dabei zu einer vermehrten Bildung von endogenen Opioiden, die zur Schmerzlosigkeit führt“, so Lampl.

Von der angeborenen Analgesie muss man die sogenannten erworbenen Analgesien unterscheiden. Dabei handelt es sich um Erkrankungen des Nervensystems oder um eine Infektion mit dem Lepra-Bakterium (in Entwicklungsländern eine häufige Erkrankung), die Schmerzempfindungen stark reduzieren können. Dabei sterben die Nerven ab oder leiten die Reizinformation nur geringfügig weiter. Auch in solchen Fällen kann es zu erheblichen Verletzungen der Betroffenen kommen.

Von der Analgesie zu unterscheiden ist die Hypoalgesie. Während Analgesie das völlige und dauerhafte Fehlen von Schmerzempfindungen bedeutet, beschreibt die Hypoalgesie eine vorübergehend verminderte Schmerzempfindung, wie sie beispielsweise bei einer intensiven sportlichen Betätigung oder eine Geburt vorkommt. Ausgelöst werden die schmerzhemmenden Mechanismen in diesen Fällen durch ungewöhnlich große körperliche Belastungen, an denen auch die Beteiligung von Hormonen vermutet wird. Im Gegensatz zur Analgesie dürfte es sich hierbei um eine den Körper schützende Funktion handeln.

Keine Therapie bekannt

Eine Analgesie lässt sich bisher nicht therapieren. Das heißt, man kann völlig schmerzunempfindlichen Personen nicht dazu verhelfen, wenigstens überlebenswichtige Schmerzen zu spüren. Was bleibt ist Aufklärung und Schulung der Betroffenen und ihrer Familien, um künftige schwere Verletzungen mit viel Aufmerksamkeit und Verhaltensänderung möglichst zu vermeiden.

Forschung mit Problemen

Chronische Schmerzpatienten stehen quasi am anderen Ende der Schmerzskala als Menschen mit Analgesie. Während von Analgesie Betroffene niemals Schmerzen haben (können), haben chronische Patienten ständig und dauerhaft Schmerzen. Auch die Therapie von chronischen Schmerzen gestaltet sich bis zum jetzigen Zeitpunkt sehr schwierig, es gibt bisher keine spezifischen Medikamente, die Schmerzen, die schon seit langer Zeit bestehen, völlig beseitigen könnten.

Die Forschung geht seit einigen Jahren den Fragen nach: Lässt sich das bisherige Wissen um Analgesien dazu verwenden, chronischen Schmerzpatienten therapeutisch helfen zu können? Lässt sich die Kenntnis des Zusammenhangs eines Gendefekts mit der Funktion des Natriumkanals nützen, um Medikamente herzustellen? „Das ist ein hochinteressanter Ansatz und es wurde schon eine Menge dazu geforscht. Natürlich stellte man sich die Frage, ob eine Blockierung des Gens SCN9A auch die Schmerzsignale blockieren könnte. Doch leider ist es bisher nicht gelungen, theoretischen Wissen praktisch nutzbar zu machen, weil sich der Ansatz noch nicht umsetzen ließ. Zudem weiß man mittlerweile, dass es neben dem Natriumkanal auch noch weitere Kanäle gibt, die für die Schmerzweiterleitung eine Rolle spielen, das Problem lässt sich daher noch nicht lösen. Da verschiedene Versuche an Tieren auch noch keinen Erfolg erzielt haben, sind Medikamente leider in weiter Ferne“, sagt Prof. Lampl.

Es bleibt zu hoffen, dass dieser Ansatz eines Tages doch erfolgreich umgesetzt werden kann und für Schmerzpatienten nicht nur ein Strohhalm der Hoffnung bleibt. Anders als jener Strohhalm namens Ziconotid, ein Wirkstoff, der aus dem Gift der Kegelschnecke stammt und durch Blockierung des Kalziumkanal die Schmerzleitung unterbinden und schwere chronischen Schmerzen ausschalten sollte. „Das daraus entwickelte Medikament zeigte leider viele Nebenwirkungen und hat sich daher nicht durchgesetzt“, sagt Lampl.

Eingriff in die Gene?

Da Analgesie durch Genmutationen entsteht, könnte man die Frage stellen, ob man Menschen mit schwersten chronischen Schmerzen nicht durch eine absichtliche Genveränderung helfen könnte. „Abgesehen von den ethischen Schwierigkeiten wäre das kein brauchbarer Ansatz, da das Gen nicht erkennt, ob es sich um einen akuten oder chronischen Schmerz handelt, es würde beide Arten ausschalten und das darf man nicht anstreben, denn akuter Schmerz ist ein lebenswichtiges Warnsignal für jeden Menschen“, hält Prof. Lampl fest.

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Dr. Thomas Hartl
Juni 2021

Bild: Dmitri Ma/shutterstock.com

 

 

 

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