Lade Inhalte...

Forum Gesundheit

Grübeln ohne Ende – Probleme, die nur im Kopf existieren

02. Januar 2019 00:00 Uhr

Der Mensch denkt und lenkt. Kommt er vor lauter Denken nicht mehr zum Lenken, hat er ein Problem. In diesen Fällen grübelt er nur mehr vor sich hin, ohne Sinn und Ziel und verliert seine Handlungskompetenz.

Warum mag mich keiner…, wenn bloß alles gutgeht…, hoffentlich kommt sie wieder gut nach Hause…, ob das Geld reichen wird…, warum bin ich bloß keine gute Mutter…, was könnte ich bloß aus meinem Leben machen…, was die Kollegen wohl von mir denken…, ich sollte was für meine Gesundheit tun. All das sind Beispiele für Themen, über die sich gut grübeln lässt, denn Grübeln ist selten konkret, Grübeln ist uferlos, Grübeln ist unproduktiv und ohne Ziel.

Grübeln statt Handeln löst keine Probleme

Grübeln hat auch einen vermeintlichen Vorteil, nämlich, dass es kurzfristig entlastet. Indem man sich einer Sache gedanklich zuwendet, hat man für kurze Zeit das Gefühl, etwas zu tun. Man gestattet sich, über ein Problem oder eine Situation nachzudenken und vermeidet das reale Handeln. Dieser vermeintliche Vorteil erweist sich meist aber als trügerisch, denn wer Handlungen aus dem Weg geht, löst keine Probleme. Zudem kann man ohne Handlungen den Wahrheitswert seiner Überlegungen nicht überprüfen und mögliche Irrtümer bleiben bestehen. Zusätzlich kann man keine positiven Erfahrungen machen und aus Fehlschlägen nicht lernen. „Wer keine Erfahrungen macht, erlebt auch nicht, dass er seine Probleme durchaus auch lösen könnte. Die Folgen: Selbstwert und Selbstvertrauen sinken, die Vermeidung des realen Lebens nimmt überhand“, sagt Mag. Marina Gottwald, Klinische Psychologin und Psychotherapeutin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Neuromed Campus der Kepler Universitätsklinik Linz.

Tipps für Grübler

Für Menschen, die viel grübeln und die besser damit umgehen möchten, hier einige Tipps:

  • Sich und sein Denken beobachten und erkennen, dass man grübelt.
  • Gedankenstopp: Bemerkt man, dass man schon wieder zu lange grübelt, kann man laut „Stopp!“ sagen oder dies zumindest im Gedanken tun. Man unterbricht dadurch seinen Gedankenstrom.
  • Ablenken: Nach dem „Stopp!“ sollte man sich ablenken, Dinge tun und nicht in der Situation verharren.
  • Grübel-Zeiten festlegen: Manchen hilft es, wenn man sich zu einer bestimmten Uhrzeit am Tag einen bestimmten Zeitraum (zum Beispiel: 16.00 bis 17.00 Uhr) reserviert, an dem man grübeln darf und soll. Gelingt dies, ist das für die Betroffenen meist eine große Hilfe, denn er hat dann am Abend „gedankenfrei“ und das ist wichtig, da die häufigste Zeit des Grübelns der Abend und die Nacht ist. Die Zeit also, wenn der Tag sein Ende findet und man schlafen sollte.
  • Grübel-Tagebuch anlegen: Aufschreiben, worüber man grübelt.
  • Distanzieren: Man kann sich selbst sehr bewusst beim Denken beobachten. Man sieht einen Gedanken und lässt ihn wie eine Wolke am Himmel weiterziehen, ohne ihn zu bewerten.

Bemerkt man, dass man grübelt, sollte man sich fragen, ob die Gedanken tatsächlich einen realen Bezug haben, ob wirklich eine beängstigende Situation vorliegt oder ob man eine solche bloß befürchtet. „Man sollte sich klarmachen, dass es für das Gehirn keinen Unterschied macht, ob man an etwas Bestimmtes denkt oder ob man es tatsächlich erlebt. Denke ich also hundertmal, dass mich mein Partner betrügt, dann ist es für das Gehirn so, als betrüge er mich tatsächlich hundertmal. Dieser Gedanke löst natürlich negative Gefühle aus und ständige negative Gefühle schaden Körper und Psyche“, sagt Gottwald.

Gesundes und krankhaftes Grübeln

Uferloses Grübeln sollte nicht mit sinnvollem Nachdenken (gesundes Grübeln) verwechselt werden. Sich das eigene Leben klarzumachen, sich künftige Situationen vorzustellen und über vergangene Bilanz zu ziehen, ist gut und wichtig. Es hilft uns zu wachsen und voranzukommen. Nachdenken über das eigene Leben ist sinnvoll, wenn es denn auch wirklich zu einem Ziel führen soll, wenn es also lösungsorientiert ist. „Wer dagegen ständig grübelt, über dies und jenes, über tausend Dinge, über hypothetische Katastrophen, über eingebildete Probleme, ohne dem Ziel einer konkreten Lösung, dessen Gedanken kreisen ständig, ja, er ist regelrecht gefangen darin. Ein solches Grübeln ist sehr belastend und kann krankhaft werden“, so Gottwald.

Krankhaftes Grübeln

Hinter Grübel-Gedanken stehen meist unangenehme und nicht bewältigbare Gefühle. Gottwald: „Zielloses Grübeln ist meist ein untauglicher Versuch, eine negative Emotion zu verarbeiten. Ohne Lösungsorientierung kann man sich bestenfalls kurzfristig etwas Erleichterung verschaffen, doch schon bald wallen die Gefühle und mit ihnen die Gedanken wieder hoch. Gefühle, die uns plagen und verdrängt und/oder nicht verarbeitet werden, heizen das Gedankenkarussell stets von neuem an und man ist in ihnen gefangen, solange man ihnen ausschließlich durch Grübeln zu begegnen versucht.“

Krankhaftes Grübeln erschafft Probleme im Kopf; Probleme, die in der Realität meist gar nicht existieren. Wer krankhaft grübelt, tut dies ohne die Absicht, ein vermeintliches oder echtes Problem zu lösen. Das Thema des krankhaften Grübelns ist wenig relevant, denn man kommt vom Hundertsten ins Tausendste. Meist wertet man sich für Vergangenes ab, macht sich Vorwürfe oder man blickt in die Zukunft, traut sich bestimmte Dinge nicht zu und fühlt sich dabei minderwertig und hilflos. Man sieht keinen Ausweg und denkt an alle möglichen Katastrophen, die eintreten könnten, seien sie auch völlig unwahrscheinlich.

Psychische Erkrankungen im Hintergrund

Hinter krankhaftem Grübeln steht häufig eine psychische Erkrankung, meist handelt es sich um Depressionen, Zwangsstörungen oder generalisierte Angststörungen (man denkt ständig an Katastrophen, die eintreten könnten, macht sich Sorgen um alles und jeden und lässt sich auch durch Wahrheitsüberprüfungen, durch das Wissen, dass alles in Ordnung ist, nicht beruhigen).

Therapie

„Bei krankhaftem Grübeln sollte man sich professionelle Hilfe suchen, denn mit Selbstcoaching kommt man da meist nicht heraus, das reicht nicht. Vor allem muss auch eine eventuell dahinterstehende psychische Erkrankung therapiert werden und dazu braucht es in der Regel eine Psychotherapie und oft auch Medikamente. Medikamente braucht man oft auch bei Schlafstörungen, denn typisch beim pathologischen Grübeln ist es, dass das Kino im Kopf einem nicht mehr schlafen lässt und man einfach nicht mehr zur Ruhe kommt“, so Gottwald.

Hauptziel einer Therapie ist es, dass der Patient wieder handlungsfähig wird, dass er sich mit der Realität konfrontiert, Situationen wirklich erlebt und sich diese nicht nur vorstellt. „Man muss sich Probleme klarmachen und gezielt Lösungen erarbeiten. Es gilt die Handlungskompetenz zurückzugewinnen und tatsächlich Einfluss auf sein Leben zu nehmen“, sagt die Psychotherapeutin.

Welche Behandlungsansätze konkret hilfreich sein können, ist immer gemeinsam mit dem Psychotherapeuten zu erörtern, in vielen Fällen bietet sich die Verhaltenstherapie an. „In einer Psychotherapie versucht man herauszufinden, was hinter den vielen Gedanken steckt, welche Emotionen nicht verarbeitet sind und immer wieder hochkochen“, sagt Gottwald.

 

Dr. Thomas Hartl

Jänner 2019

 

Bild: shutterstock

 

Lädt
turned_in

info Mit dem Klick auf das Icon fügen Sie das Schlagwort zu Ihren Themen hinzu.

turned_in

info Mit dem Klick auf das Icon öffnen Sie Ihre "meine Themen" Seite. Sie haben von 15 Schlagworten gespeichert und müssten Schlagworte entfernen.

turned_in

info Mit dem Klick auf das Icon entfernen Sie das Schlagwort aus Ihren Themen.

turned_in

Fügen Sie das Thema zu Ihren Themen hinzu.

mehr aus Forum Gesundheit

0  Kommentare expand_more 0  Kommentare expand_less