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Gesundheit

Eltern, Handy, Kind: Eine verhängnisvolle Affäre

Von OÖN   20. Mai 2020 00:04 Uhr

Eltern, Handy, Kind: Eine verhängnisvolle Affäre
Das Handy beeinflusst die Eltern-Kind-Beziehung.

Wenn Mama und Papa dauernd auf ihr Handy schauen, kann die Entwicklung der Bindungsfähigkeit enorm leiden

Eine Mutter schaut in der Straßenbahn auf ihr Handy, während ihr Baby im Kinderwagen vergeblich ihren Blick sucht. Auf dem Spielplatz sind Eltern mit den Handys beschäftigt anstatt mit ihrer Dreijährigen, die von der Rutsche beifallheischend hinüberblickt.

Alltagsszenen, die für Kinder Folgen haben können. Denn die Auswirkungen für die Entwicklung und die Bindungsfähigkeit von kleinen Kindern sind nach Expertenmeinung erheblich. Beim sogenannten Still-Face-Experiment forderten Forscher beispielsweise die Mutter auf, mit plötzlich versteinertem Gesicht nicht mehr auf ihr Baby zu reagieren. Die Babys gerieten in großen Stress und versuchten mit Strampeln, Armwedeln und schließlich Weinen die Zuwendung der Mutter wiederzubekommen.

Fehlende Mimik mit Folgen

"Ähnliche Reaktionen könnte der ständige Blick aufs Smartphone auslösen. Säuglinge könnten resignieren, weil die Lebendigkeit der Mimik fehlt und permanent dem Smartphone zugerichtet ist", schreiben Schweizer Forscherinnen, darunter Agnes von Wyl, in dem Aufsatz "Der Blick zum Säugling – gestört durch Smartphones?".

"Die Hauptfragestellung ist, ob die Smartphone-Nutzung der Eltern einen Einfluss auf die Eltern-Kind-Interaktion und somit auf die Entwicklung des Kindes hat – insbesondere die Bindung", sagt sie. Die Daten werden ihren Worten zufolge gerade ausgewertet. Am Institut Early Life Care in Salzburg wurde dazu die Smart.Baby-Studie begonnen, die sich mit ähnlichen Themen beschäftigt.

Sichere Bindung ist wichtig

Ansonsten sieht es mit Studien diesbezüglich nach Worten der Wissenschafterin Sabina Pauen "mau" aus. Eindeutig ist für die Entwicklungspsychologin an der Universität Heidelberg aber eines: "Wenn das Kind eine sichere Bindung hat, dann sucht es immer wieder den Kontakt", sagt sie. Hat die Mutter aber einen teilnahmslosen Blick – etwa weil sie psychisch krank ist oder aber das Kind wegen des Handys dauernd ignoriert –, dann stelle man bei diesen Kindern schon im Alter von vier Monaten fest, dass sie den Blick vermeiden. "Sie lernen: ,Es ist unangenehm, wenn die Mutter nicht zurückschaut, also schaue ich lieber nicht hin‘", erklärt die Forscherin.

Das sieht Till Reckert, Kinderarzt und Medienreferent im deutschen Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), ähnlich. "Die kleinen Kinder erleben etwas, das sie mutmaßlich nicht verstehen: Die erwachsene Bezugsperson ist körperlich da, seelisch aber nicht." Er hat nach eigenen Worten "Sorgen, wenn die heute sehr früh an das Handy gewöhnte Generation Eltern wird". Denn je mehr das Handy "angewachsen" sei, desto eher behindere es bei der nötigen Präsenz für die Kindererziehung der nächsten Generation.

Schon die im Mai 2017 vorgestellte BLIKK-Medienstudie warnte: "Wenn der Medienkonsum bei Kind oder Eltern auffallend hoch ist, stellen Kinder- und Jugendärzte weit überdurchschnittlich entsprechende Auffälligkeiten fest." So komme es zu Fütter- und Einschlafstörungen, wenn Vater oder Mutter digitale Medien während der Versorgung des Babys nutze – ein erster Hinweis auf eine Bindungsstörung.

Kein Handy für die Kleinen

Die deutsche Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung (BZgA) empfiehlt, dass Kinder im Alter von bis zu drei Jahren überhaupt keinen Zugang zu Bildschirmmedien bekommen –"dem würde ich mich unbedingt anschließen", so Kinderarzt Reckert. In seiner Praxis beobachtet er kleine Patienten, die ein angestrengtes, desorganisiertes Verhalten an den Tag legen und sich schlecht beschäftigen können. "Kinder aber, die etwas medienferner aufwachsen, können aus den kleinsten Dingen was machen", sagt er.

Auch Rainer Riedel, Direktor des Instituts für Medizinökonomie und medizinische Versorgungsforschung Köln, unterstreicht: "Säuglinge brauchen die Nähe der Eltern und deren Blickkontakt. Das ist unersetzlich, um das Urvertrauen mit aufzubauen", meint er. "Der allgegenwärtige Zugang zu digitalen Medien ist das größte In-vivo-Experiment, das jemals stattgefunden hat. Wir wissen derzeit nicht, wie sich das auf uns Menschen in 20 oder 30 Jahren auswirken könnte."

Aufklärung in Schwangerschaft

"Das Thema wird total unterschätzt, wir brauchen unbedingt Aufklärung", sagt Pauen. Wie Riedel schlägt auch sie vor, dass werdende Eltern bereits während der Schwangerschaft von Gynäkologen und Hebammen für das Thema sensibilisiert werden. Sonst könnten bei den Kindern später Konzentrationsstörungen, Empathiemangel oder Defizite bei der Aufmerksamkeitsentwicklung die Folge sein. "Und erst wenn es zu spät ist, kommen die Eltern dann zum Kinderarzt."

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