Lade Inhalte...

Gesundheit

Ärztekammer-Vize kritisiert Mückstein: "Gefahr für Patienten"

Von nachrichten.at/apa   03. Februar 2022 11:49 Uhr

Medikamenten-Chaos: Wie man den Überblick behält
"Völlig ohne Not" würde "versucht, die höchst vernünftige und bewährte Trennung der Rollen von Arzt und Apotheker aufzuheben", kritisierte Steinhart am Donnerstag vor Journalisten Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne).

WIEN. Als "Patientengefährdung" bezeichnete Johannes Steinhart von der Österreichischen Ärztekammer die Pläne von Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne), dass Mediziner den Patienten nur noch Wirkstoffe verschreiben sollen, und die Apotheker dann entscheiden dürfen, ob sie ihnen die Medikamente als Pulver, Tropfen oder Tabletten mitgeben. Kritik an der Kritik übte Apothekerkammer-Präsidentin Ulrike Mursch-Edlmayr.

Man sehe sich als Ärzteschaft in der Pflicht, "auf diese gefährliche Entwicklung aufmerksam zu machen", erklärte Steinhart. Eine von Mückstein und dem Rechnungshofausschuss des Nationalrates vorgeschlagene Praxis der "Wirkstoffverschreibung" würde bedeuten, dass Ärzte nicht ein spezielles Arzneimittel, sondern nur den darin erhaltenen Wirkstoff verordnen können.

Johannes Steinhart, Vizepräsident der österreichischen Ärztekammer.

"Eine Arzneimittelspezialität ist aber mehr als nur ein Wirkstoff", sagte Ernst Agneter von der Sigmund Freud Privatuniversität in Wien. Dieser sei zwar der wohl wichtigste Inhaltsstoff, wie er sich im Körper verhält, wäre aber "ganz massiv durch die anderen Bestandteile beeinflusst". Deshalb würden von den Arzneimittelbehörden auch nicht einzelne Wirkstoffe begutachtet und zugelassen, sondern gesamte Arzneimittel mit all ihren Hilfs- und Hüllstoffen.

Mit oder ohne?

Es gäbe zum Beispiel bei Augentropfen Darreichungsformen mit und ohne Konservierungsmittel, so Agneter. Wenn der Arzt von einem Patienten etwa weiß, dass er gegen gewisse Substanzen allergisch ist, könne er ihm derzeit die Tropfen in Einfachdosen ohne Konservierungsmittel verschreiben. "Das geht aber nur bei einer Arzneimittelverordnung, nicht bei einer Wirkstoffverordnung", betonte er.

Auch der Tiroler Allgemeinmediziner Edgar Wutscher zeigte sich davon irritiert, "dass der Apotheker abgeben kann, was er für gut empfindet", sagte er. Auch er bezeichnete dies dezidiert als "Patientengefährdung". Bei einer Visite im Altersheim habe er einer Patientin mit schwerer Schluckstörung Penicillin in Form von wasserlöslichem Pulver verschrieben. Am folgenden Tag wäre er dort empört darauf angesprochen worden, wie er jener Patientin die "Riesentabletten" zumuten könne, die sie bekommen hatte. Er habe daraufhin in der Apotheke angerufen und zu hören bekommen, dass man dort "vor der Covid-19 Pandemie viele Penicillintabletten eingekauft habe", und "schauen müsse, dass man die loswird".

In einem anderen Fall bekam ein Patient ein Antidepressivum in Form von drittelbaren Tabletten verordnet, weil er täglich eine drittel Tablette schlucken sollte, berichtete Wutscher. "Der Patient bekam in der Apotheke ein nicht teilbares, wirkstoffgleiches Medikament", sagte er: "Gottseidank rief er den Arzt an, dass er es nicht teilen kann, und nahm nicht die dreifache Dosis".

Ältere Patienten an die "rote Tablette" gewöhnt

Viele ältere Patienten wären auch daran gewohnt, etwa "die rote Tablette für den Blutdruck am morgen, die weißen Pillen dreimal am Tag, und die grüne Kapsel am Nachmittag zu schlucken", so Wutscher. Sie würden sich nicht mehr auskennen, wenn sie in der Apotheke Medikamente in anderen Formen und Farben bekämen. "Ein häufiger Wechsel von Handelspräparaten hat negative Auswirkungen auf die Compliance und erhöht das Risiko von Fehl- und Mehrfacheinnahmen", kritisierte die Ärztekammer in einer Resolution.

Ab dem kommenden Samstag wolle man daher mit der Informationskampagne "Gegen Wirkstoffverschreibung - für Patientensicherheit" die Öffentlichkeit zu dem Thema sensibilisieren.

Kritik von Apothekerkammer-Chefin

Kritik an den Aussagen Steinharts kam von Apothekerkammer-Präsidentin Ulrike Mursch-Edlmayr. Die vom Ärztekammer-Vizepräsidenten kritisiert Aufhebung der Trennung der Rolle von Ärzten und Apothekern werden mit den Hausapotheken der Ärzte gerade praktiziert. Steinhart stelle damit die Arbeit von rund 800 Hausapotheken in Frage. Mursch-Edelmayr stellte im Gespräch mit der APA klar, dass die Apotheken nur einen "erweiterten Notfallparagaf" wollen, um bei Lieferengpässen die Patienten mit einem wirkstoffgleichen Medikament versorgen zu können. Schon jetzt könnten Apotheken bei Gefahr im Verzug die kleinste im Handel verfügbare Packung abgeben. Die Trennung der Rolle von Ärzten und Apotheken habe die Apothekerkammer immer befürwortet, betonte die Präsidentin. "Das Vier-Augen-Prinzip ist ein kostbares Gut im Sinne der Patientensicherheit."

90  Kommentare 90  Kommentare