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Gesundheit

"Lukas ist einfach anders"

Von Claudia Riedler   29. März 2017 00:04 Uhr

"Lukas ist einfach anders"
Autismus kann man auf den ersten Blick nicht feststellen.

Lukas ist sechs Jahre alt, vor einem Jahr erhielten seine Eltern die Diagnose "Asperger" und die Bestätigung, dass sie mit ihrer Vermutung richtig lagen.

Im Alter von eineinhalb Jahren hat es begonnen. Lukas wurde zum totalen Blasmusikfan. Er spielte nie mit Autos, Puzzle oder anderen Spielsachen, marschierte aber stundenlang zu den Klängen von Tuba und Posaune durchs Haus", berichtet seine Mutter Elke K. (Namen geändert). Man könnte sagen, das tun andere Kinder auch. "Das haben viele auch gesagt, aber ich habe gespürt: Lukas ist anders, es war einfach von allem zu viel", sagt K.

Als Lukas drei wurde, zeigte sich mehr und mehr seine motorische Ungeschicklichkeit. "Er konnte beispielsweise nicht alleine auf die Rutsche klettern und fiel beim Rutschen aus der Bahn", berichtet K. Auch sein Körperempfinden war anders, er griff ohne Regung auf die heiße Herdplatte, bemerkte erst durch die Brandblase, dass etwas nicht stimmte. "Seine Ungeschicklichkeit fiel schließlich auch dem Kinderarzt auf. Es hieß, Lukas habe ein Wahrnehmungsproblem und zuwenig Muskeltonus." Seine Eltern organisierten daraufhin Ergotherapie, Logopädie und Hippotherapie mit Pferden.

Diagnose war eindeutig

"Eines Tages las ich ein Buch über das Asperger-Syndrom und dachte, die schreiben hier über mein Kind", sagt K. Bei einer Psychologin und später im Autismuskompetenzzentrum der Barmherzigen Brüder in Linz wurde Lukas getestet. Die Diagnose war eindeutig: Asperger in einer leichten Ausprägung. Damals war er fünf Jahre alt.

"Das war natürlich ein Schock, weil ich wusste, dass man es nicht heilen kann. Aber es war gut, eine Diagnose zu haben. Keiner hat daran schuld, ich habe bei der Erziehung nichts falsch gemacht – auch das musste ich mir oft anhören", sagt Lukas Mutter. Nun konnten wir außerdem die für ihn richtige Therapie beginnen, zum Beispiel eine soziale Kompetenzgruppe. "In der Elternschule haben wir uns außerdem mit Eltern anderer autistischer Kinder ausgetauscht und beispielsweise auch einen erwachsenen Asperger-Autisten kennengelernt. Das tut sehr gut, zu sehen, dass es klappen kann", sagt K. Es sei schwierig, anderen zu erklären, was "Asperger" ist. Auf den ersten Blick und auch nach einer halben Stunde, merkt man Lukas nichts an. "Er ist liebenswert und kann sich sehr gewählt ausdrücken. Aber, er nimmt zum Beispiel alles wörtlich und kann die Gefühle anderer nicht deuten. "Er muss das lernen. Weinen bedeutet traurig zu sein, wer fröhlich ist, lacht und so weiter." Sein Gehirn sei wie ein Karteisystem, in dem er alles abspeichert.

Wie geht Streiten?

Seinen Psychologen fragte Lukas zum Beispiel: Wie geht Streiten? "Wir haben auch lange geübt, dass er beim Grüßen dem Gegenüber in die Augen schauen soll", so seine Mutter. Die beste Therapeutin sei übrigens seine vierjährige Schwester. "Die reißt ihren Bruder einfach mit."

Seit Herbst besucht Lukas die Vorschule, als Integrationskind. "Er ist da oft ganz in seiner Welt, und ich habe Sorge, dass er später, wenn er lernen soll, vieles nicht mitbekommt", sagt seine Mutter. Auch der Kontakt zu anderen Kindern sei manchmal schwierig. "Ich wünsche ihm, dass er gut durchs Leben kommt, seinen Weg macht und ein paar Freunde hat, die ihn so annehmen, wie er ist."

"Lukas ist einfach anders"
Elisabeth Laggner, Bereichsleiterin Therapie und Beratung im Diakoniewerk


Schule ist für autistische Kinder Herausforderung

"Es heißt immer, Autisten lassen sich nicht berühren, aber bei meinem Sohn war das nicht so", erzählt Sabine K. Als Kleinkind reihte David stundenlang sein Spielzeug auf. Wenn man ihn unterbrach, flippte er aus. Erst später kam die Diagnose: Autismus.

Alle Diagnosezentren für Oberösterreich befinden sich im Großraum Linz. "Die Tests brauchen viel Zeit, da sie sorgfältig gemacht werden müssen" sagt, Elisabeth Laggner vom Diakoniewerk.

Eine große Herausforderung ist zudem die Schulzeit. Sabine K. erinnert sich an Davids Einschulung. "Da er laut Diagnose eine normale Intelligenz aufwies, war die Sonderschule kein Thema." Mit der richtigen Begleitung können viele Autisten eine Regelschule besuchen. "Das Wichtigste ist die Vorbereitung", sagt Bernd Mattle, Pädagoge vom Autismuskompetenzzentrum der Barmherzigen Brüder. Noch vor dem ersten Schultag sollte gemeinsam mit Eltern und Lehrern überlegt werden, wie man dem Kind den Schulalltag erleichtern kann. "Meist ist die Pause ein Problem, weil es zu laut ist. Ein Rückzug in einen freien Raum wäre hilfreich", so Mattle. "Auch eine Schulassistenz ist wichtig für eine gelungene Integration."

Und David? Er schließt in Kürze die Neue Mittelschule mit guten Noten ab und überlegt, eine höhere Schule zu besuchen. Er hat viel dazugelernt, Freunde gefunden und ist ein fast unauffälliger Schüler.
 

Zahlen und Fakten
 

  • Oberösterreich: Es gibt keine genauen Zahlen, aber durch den Vergleich mit internationalen Studien lässt sich errechnen, dass in Oberösterreich etwa 21.000 Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung leben.
     
  • Versteckt: Nur ein Bruchteil davon ist diagnostisch erfasst und kann so auch Unterstützung in Anspruch nehmen. Oft ist der Autismus hinter Fassaden der Depression, ADHS, Epilepsie oder Verhaltensauffälligkeiten versteckt und wird übersehen.
     
  • Gene: "Autismus ist nicht so klar ersichtlich wie zum Beispiel das Down-Syndrom. Darunter leiden Eltern oft, da ihnen fehlende erzieherische Kompetenzen vorgeworfen werden. Autismus ist eine genetisch bedingte Störung", sagt Werner Holmes-Ulrich, Leiter des Autismuskompetenzzentrums der Barmherzigen Brüder in Linz.
     
  • "Diagnosen werden heute früher erstellt, mit drei bis fünf Jahren. Dennoch leben Tausende Jugendliche und Erwachsene in Oberösterreich ohne Diagnose", sagt Holmes-Ulrich.
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