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Gesundheit

Krebs, ein emotionales Erdbeben

Von Claudia Riedler   22. Februar 2012 00:04 Uhr

Krebs, ein emotionales Erdbeben
Kurt Langbein war schon dreimal mit der Diagnose Krebs konfrontiert.

Der Wissenschaftsjournalist und Bestsellerautor Kurt Langbein (58) aus Wien wurde bereits dreimal in seinem Leben mit der Diagnose Krebs konfrontiert. Jetzt hat er darüber ein sehr persönliches Buch geschrieben – und sprach mit den OÖNachrichten über Palliativstationen, PSA-Tests und seine Familie.

OÖN: Wie geht’s Ihnen heute?

Langbein: Ich fühle mich gesund. Ich weiß allerdings, dass ich ein Ablaufdatum habe, das ich nicht kenne – aber wir haben ja alle ein Ablaufdatum.

OÖN: Wie ist Ihre Prognose?

Langbein: Durchaus günstig. Ich habe eine hohe Chance, die nächsten fünf bis zehn Jahre gut zu erleben. Ich weiß aber nicht, ob diese statistische Chance auf mich zutrifft. Für ein Individuum gelten keine Prozente.

OÖN: Sie hatten nicht nur Prostatakrebs, sondern vorher auch bereits Haut- und Darmkrebs. Haben Sie sich jemals gefragt: Warum gerade ich?

Langbein: Natürlich. Jeder Betroffene stellt sich diese Frage. Die Antwort habe ich versucht, auf 230 Buchseiten zu geben. Und da ist sie unvollständig. Es hat sicher mit mir und meinen Lebensumständen zu tun. Ich glaube, dass ich manches davon verändert habe, und wäre jetzt auch zuversichtlich, dass sich meine Lebenschancen dadurch verbessert haben.

OÖN: Was genau haben Sie verändert?

Langbein: Ich habe ein wenig gelernt, mit meinen Emotionen, mit meiner persönlichen Umgebung sorgsamer, liebevoller und auch zulassender umzugehen.

OÖN: Was war das Schlimmste in diesen sieben Jahren seit der ersten Krebsdiagnose?

Langbein: Kann ich nicht sagen.

OÖN: Anders gefragt: Was war am schwierigsten zu bewältigen?

Langbein: Sehr schwierig für Krebspatienten ist es sicher, mit der Unsicherheit, Angst und Verzweiflung umzugehen, die einen befällt, wenn man mitbekommt, dass in einem Zellen wachsen, die einen möglicherweise umbringen. Das zu verarbeiten und anzuerkennen, das ist ein ganz schwieriger Prozess. Wenn dann noch Alarmmeldungen dazukommen wie etwa: Wir müssen jetzt nachschauen, ob Metastasen da sind – dann ist das wie ein Erdbeben.

OÖN: Kann man den Umgang damit lernen?

Langbein: Es wird besser, wenn man lernt, dem Tod in die Augen zu schauen. Den Tod als Bestandteil des eigenen Lebens anzuerkennen, und das nicht nur zu sagen, sondern auch emotional nachzuvollziehen.

OÖN: Sie schreiben in Ihrem Buch viel über das Immunsystem, das bei der Entstehung von Krebs eine wichtige Rolle spielt. Was tun Sie heute für Ihres?

Langbein: Es gibt viele Erkenntnisse, die zeigen, dass negativer Stress dem Krebs Vorschub leistet. Ich versuche daher, mein Lebensumfeld so zu gestalten, dass ich Balance halten kann. Außerdem bemühe ich mich, halbwegs gesund zu leben und Sport zu betreiben. Ausdauersport stärkt nachweislich das Immunsystem.

OÖN: Männer gehen mit Krankheiten oft anders um als Frauen, gehen etwa seltener zur Vorsorge, nur ungern zum Arzt. Sind Sie ein typischer Mann?

Langbein: Ich bin kein typischer Mann. Auch insofern, als ich die Nachteile der Vorsorge kenne. Es ist nicht so, dass eine enge Frequenz von Vorsorgeuntersuchungen vor unliebsamen medizinischen Überraschungen schützt. Sie können auch Ursache von solchen Ereignissen sein und zur Übertherapie führen.

OÖN: Ihr Prostatakrebs wurde aber bei einer Vorsorgeuntersuchung entdeckt?

Langbein: Das ist die Ironie des Schicksals: Ich habe eindeutig vom PSA-Test profitiert.

OÖN: Hat das Ihre Meinung über den PSA-Test geändert?

Langbein: Nein. Der PSA-Test kann offenkundig als pauschale Maßnahme für alle nicht empfohlen werden. Ich habe aber gelernt, dass zwischen einer flächendeckenden Anwendung des PSA-Tests und einer individuellen Abwägung, was für den Einzelnen bedeutsam ist, ein Riesenunterschied ist.

OÖN: Als Wissenschaftsjournalist, der sich seit Jahrzehnten mit dem Thema beschäftigt, wussten Sie viel. Hat Ihnen das geholfen oder Sie verunsichert?

Langbein: Beides. Verunsichert hat mich, dass das Wissen nicht davor schützt, Krebs zu bekommen. Auf der anderen Seite bin ich privilegiert gewesen, bei der Wahl der für mich passenden therapeutischen Schritte. Da haben mir mein Wissen und mein Netzwerk geholfen.

OÖN: Wie war es, plötzlich auf der anderen Seite zu stehen – auf der des Patienten?

Langbein: Das ist ein emotionales Erdbeben. Wenn man zuvor in Palliativstationen gedreht hat, einfühlsam an dem Thema arbeitet und sich mit den Menschen, die betroffen sind, befasst – und dann dreht sich das um, und man ist selber der Betroffene ... da hat man einiges zu tun. Das ist nicht leicht.

OÖN: Wie sehr hat Ihnen Ihre Familie geholfen?

Langbein: Unglaublich viel. Wobei es zunächst in jeder Familie ein emotionales Erdbeben gibt, mit allen Abwehrmechanismen, die man sich vorstellen kann. Wenn es aber gelingt, die Ängste zu bewältigen, ist die Familie ein ganz wichtiger Motivator der Selbstheilungskräfte.

OÖN: Sie standen schon vorher viel in der Öffentlichkeit. Wie viele wussten eigentlich von Ihrer Krebserkrankung?

Langbein: Ich habe nur den engsten Freundeskreis informiert. Weil mir während dieser Zeit die Auseinandersetzung mit den angstvollen Reaktionen vieler Menschen eine zu große Belastung war. Umso mehr ist es mir jetzt ein Anliegen, durch die offene Thematisierung von Angst und Verzweiflung dazu beizutragen, dass Krebs von seinen Tabus ein wenig befreit wird.

 

Buchtipp

Der Wissenschaftsjournalist und Sachbuchautor Kurt Langbein hat bereits viele Bücher geschrieben, sein bekanntestes – „Bittere Pillen“ – wurde 2,5 Millionen Mal verkauft.
Sein aktuelles Buch heißt „Radieschen von oben“ (Ecowin-Verlag, 21,90 Euro). Darin beschreibt er sehr persönlich seinen Kampf gegen den Prostatakrebs und berichtet über den Stand der Wissenschaft bei der Krebsbekämpfung.

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