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Geschichte

Gusen und die Deutschen Erd- und Steinwerke

25. September 2021 00:04 Uhr

Was sind die Hintergründe des Lagers Gusen, wann und warum wurde der "Bergkristall" errichtet?

"Wir Oberösterreicher erhalten aber noch eine andere, besondere Auszeichnung ... Nach Oberösterreich kommt das Konzentrationslager für die Volksverräter von ganz Österreich."

Gauleiter August Eigruber wenige Tage nach dem Einmarsch Hitlers in Österreich am 12. März 1938

 

Am 8. August 1938 wurde mit dem Bau des Konzentrationslagers Mauthausen begonnen. Zwar sah die Konzeption der Nationalsozialisten ein KZ in allen Regionen des Reiches für politische Gegner und Verfolgte vor – so auch in der Ostmark –, doch gab es einen klaren Grund, warum es hier errichtet wurde: Granit.

Die Steinbrüche in Mauthausen und Gusen eigneten sich für Hitlers Expansionspläne besonders. Der Historiker Hermann Kaienburg von der Universität Hamburg vermutet deshalb auch, dass Hitlers Architekt Albert Speer bei der Standortwahl mitgesprochen hat. Immerhin sollte Speer für Hitler Berlin zum größenwahnsinnigen Monument "Germania" umbauen. Und Linz, eine der wenigen Führerstädte, sollte ein nach Hitlers Ideen geprägtes Gesicht bekommen – zudem gab es zig andere Bau- und Straßenprojekte.

Die Gründung der "DESt"

Doch das Reich befand sich in der Kriegsvorbereitung, Baumaterial und Arbeitskräfte waren Mangelware. Dies machte sich Reichsführer-SS Heinrich Himmler, dem die Konzentrationslager unterstellt waren, zunutze. Wenige Wochen nach dem Anschluss, am 29. April 1938, wurde deshalb die "DESt", die Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH, gegründet. Ein Unternehmen, das de jure als Privatunternehmen aufschien, de facto aber der SS unterstellt war. Denn, sagt Kaienburg, "die Gründer waren allesamt SS-Leute".

Die SS hatte nun also nicht nur Zugriff auf Bau- und "Menschenmaterial", sie wurde damit auch finanziell unabhängig vom Reichsschatzmeister der NSDAP, wohin sie bisher ihre Einnahmen abliefern musste. Himmler ließ fortan die Häftlinge nicht mehr "sinnlos Haufen hin und her schaufeln", wie der Historiker Bertrand Perz sagt, sondern setzte sie gezielt in den Steinbrüchen und Ziegeleien ein.

Die DESt war es dann, die im Dezember 1939 darauf drängte, dass in Gusen ein Nebenlager errichtet werden sollte – Gusen I. Der Hin- und Hertransport der Häftlinge vom Steinbruch Gusen zum Lager Mauthausen war logistisch aufwändig und kostete Zeit. Zudem hatte der Krieg begonnen. "Dienten die Lager davor primär, um innenpolitische Gegner zu brechen und Minderheiten wegzusperren, so musste nun neuer Haftraum für Gefangene aus den eingenommenen Gebieten geschaffen werden", sagt Perz. Ab Kriegsbeginn setzte auch die massenhafte Ermordung Inhaftierter ein.

Unterstellt blieb Gusen weiterhin Mauthausen – obwohl das Lager in der Folge flächenmäßig größer wurde als das Hauptlager selbst. Mit Karl Chmielewski, dem "Teufel von Gusen", hatte es auch einen eigenen Lagerleiter. Der Spitzname verrät viel über die Zustände im Lager Gusen, das Christian Dürr vom Mauthausen Memorial als "Vernichtungszentrum innerhalb des Vernichtungskomplexes" bezeichnet. Rund 70.000 Menschen waren bis zur Befreiung am 5. Mai 1945 alleine in Gusen inhaftiert – die Hälfte davon, rund 35.000 Menschen, wurde ermordet oder starb durch harte Arbeit, Haftbedingungen oder an gezielter Mangelernährung.

Umstieg von Stein auf Waffen

Ende 1941 nahm der "Menschenverschleiß" für kurze Zeit ab. Warum? Der Russlandfeldzug, der als Operation "Barbarossa" am 22. Juni 1941 begann, entwickelte sich zum Abnützungskrieg. Die DESt sattelte um, streckte ihre Fühler in Richtung Rüstungsindustrie aus, erklärt der Historiker Kaienburg. Und für diese Arbeiten brauchte es die bereits angelernten Arbeitskräfte. "Ihnen war klar, dass man mit Steinen keinen Krieg gewinnt", sagt Perz. Also entstanden die 40 Außenlager von Mauthausen, in denen die Häftlinge für die Rüstung arbeiten mussten. Auch in Gusen wurden Waffen hergestellt, Steyr-Daimler-Puch verlegte ab 1943 die Gewehrproduktion hierher.

Doch in der Konferenz von Casablanca Anfang 1943 definierten die Alliierten neue Angriffsziele: "Ziel war ein maximaler Schaden bei der deutschen Rüstungsindustrie: Kugellagerproduktion, Flugzeugzellen und -motoren, Treibstoff, Wegenetz", sagt Perz. Auch der Messerschmitt-Sitz in Regensburg, wo Jagdflugzeuge (Me-109) produziert wurden, war betroffen.

Umgehend wurde reagiert. Anfangs wurde die Waffen- sowie Flugzeugproduktion in Tunnels verlegt, dann sollten Stollen gegraben werden. In Gusen ging die Initiative auf die Firma Messerschmitt zurück, die mit massiver Unterstützung vom Reichsluftfahrtministerium und Speers Rüstungsministerium Zellen für den Düsenjäger Me-262 fertigen ließ. "Die SS hatte da nichts mitzureden und konnte überhaupt nur ein gewisses Gewicht entwickeln, weil sie die KZ-Häftlinge als Arbeitskräfte stellte", sagt Perz.

Diese mussten dann ab 1944 – ohne Rücksicht auf Menschenleben – den "Bergkristall", Gusen II, graben: ein Stollensystem mit 50.000 Quadratmetern Fläche und einer Länge von 8,15 Kilometern. Die Hoffnung, dem Krieg durch die Rückeroberung des Luftraums eine Wendung zu geben, scheiterte.

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