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100 Jahre 1. Weltkrieg

Wie der grausame Krieg zum medizinischen Fortschritt führte

05. Juli 2014 00:04 Uhr

Wie der grausame Krieg zum medizinischen Fortschritt führte
Die Entwicklung von Prothesen ging sprungartig voran. Erste Ansätze von Rehabilitation fanden statt.

Wichtige Innovationen wurden in der Zeit des Ersten Weltkriegs entwickelt. Die Tetanusspritze erinnert noch heute daran.

In einem Symposion beschäftigte sich die Wiener Gesellschaft der Ärzte mit den Innovationen, die der industrialisierte Krieg in der Heilkunde anstieß. Dazu ein Gespräch mit Michael Kunze, Institut für Sozialmedizin der MedUni Wien.

 

OÖN: Die Ärzteschaft hat 1914 den Ausbruch des Krieges nicht hinterfragt. Warum?

Kunze: Das trifft nicht nur auf die Mediziner zu, es gab damals eine allgemeine "Begeisterung", kaum kritische Stimmen, es waren auch die Künstler pro Krieg, selbst die sozialistische Bewegung. Man hat geglaubt, er ist eh gleich vorbei. Dazu kommt einerseits, dass die Medizin immer sehr systemangepasst war. Das kann man nachverfolgen durch die Geschichte. Grund ist wahrscheinlich das hierarchische Aufkommen – durch das Studium und im Allgemeinen. Zum anderen gibt es Zitate, wonach Mediziner damals zwar nicht glücklich waren über den Krieg, aber durchaus die Möglichkeiten gesehen haben, sich zu entfalten. Auf einmal war so viel zu tun. Die Hygieniker hatten beispielsweise unheimlich viele Fleckfieberfälle. Das strahlte bis ins Ausland aus.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Der berühmte amerikanische Neurochirurg Harvey Cushing aus Boston ist extra herübergekommen, weil er helfen wollte – und nirgendwo sonst so viele Gehirnverletzungen sehen konnte. Da war Amerika noch gar nicht im Krieg. Oder die Kieferchirurgen: Glücklich in dem Sinne waren sie nicht, aber sie haben irrsinnig viel gelernt. Bei aller Schrecklichkeit des Krieges war er ein Innovationsschub für die Medizin – aus der Not heraus, aber auch weil so viel Patientenmaterial da war.

Was sind die drei wichtigsten Innovationen von damals?

Erstens, die passive Immunisierung bei Infektionskrankheiten wie Tetanus und Gasbrand und in der Folge die Impfungen. Zweitens die Ordnung, die Militärarzt Lorenz Böhler in die Knochenbrüche gebracht hat. Da nehme ich die Kieferchirurgie dazu. Drittens hat man mit Bluttransfusionen angefangen. Diese Entwicklungen hätte man nicht so schnell gemacht ohne den Krieg.

Wo hat sich wenig entwickelt?

Ganz blöd dran war die Psychiatrie. Die hat nicht gewusst, was sie machen soll mit den Zitterern. Da gab es keinen richtigen Fortschritt. Man verabreichte halt Elektroschocks.

Wie lange hätte man ohne den Krieg auf die erwähnten Entwicklungen warten müssen?

Wahrscheinlich zehn bis 30 Jahre. Zudem gab es in der Chirurgie einen großen Wandel: von der reinen Amputation hin zu mehr erhaltenden Maßnahmen – wenngleich mit der Idee im Hinterkopf, dass man diese Leute später vielleicht wieder an die Front schicken kann. Viel weitergegangen ist bei den Prothesen, und es gab Anfänge von Rehabilitation.

Und erstmals wurden Frauen als Militärärztinnen eingesetzt.

Man hat – aus der Not – die Frauen herangezogen. Im Pflegeberufen waren sie längst. Letztendlich waren ein paar hundert Militärärztinnen da und: Man hat sie gebraucht.

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