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Geschichte

30 Jahre Ötzi: Der Zeuge aus der Vergangenheit

Von Bernhard Lichtenberger  18. September 2021 00:04 Uhr

Der Zeuge aus der Vergangenheit
Die niederländischen Paläo-Künstler Adrie und Alfons Kennis haben Ötzi auf Basis der Computertomografie und der forensischen Erkenntnisse rekonstruiert.

Vor 30 Jahren wurde in den Ötztaler Alpen der Mann im Eis gefunden. Heute liest man in "Ötzi" wie in einem Buch.

Es ist ein heimtückischer Angriff. Ein Pfeil mit steinerner Spitze, abgeschossen aus dem Hinterhalt, trifft den 46 Jahre alten, 1,60 Meter großen und etwa 50 Kilogramm schweren Mann in die linke Schulter, bohrt sich ins Fleisch, verletzt eine Arterie. Das Opfer wankt, sinkt in 3210 Metern Höhe zu Boden, verblutet auf dem Bauch liegend. Schnee fällt auf den leblosen Körper, deckt ihn zu. Eis umschließt die Leiche.

Rund 5300 Jahre später, am 19. September 1991, einem sonnigen Donnerstag, steigen die deutschen Bergwanderer Erika und Helmut Simon aus Nürnberg von der Similaunhütte zur Fineilspitze auf. Auf dem Rückweg nehmen sie im Bereich des Tisenjochs eine Abkürzung. In einer mit Schmelzwasser gefüllten Mulde entdeckt das Paar etwas Bräunliches. Als sie näherkommen, nehmen sie die Konturen eines Menschen wahr – den sie für einen verunglückten Tourenskifahrer oder Bergsteiger halten.

"Frozen Fritz" vulgo Ötzi

Wie sich nach der wenig umsichtigen Freilegung mittels Skistöcken und Presslufthammer herausstellt, handelt es sich bei der im Gletscher konservierten Leiche um die älteste Feuchtmumie der Welt, im Englischen mit dem Spitznamen "Frozen Fritz" bedacht und von einem Wiener Reporter Ötzi getauft. Der Zeuge aus der Jungsteinzeit landet in der Universität Innsbruck und nach langem Tauziehen – eine Vermessung verortete die Fundstelle in Südtirol – in Bozen. Seit 1998 liegt er dort im Südtiroler Archäologiemuseum in der sogenannten Eismannbox.

Dort wird die auf 1,54 Meter geschrumpfte und nur noch 13 Kilo wiegende Mumie quasi als Patient der Sonderklasse behandelt und nach allen Regeln der medizinischen Kunst untersucht, um die Rätsel ihres prähistorischen Daseins zu entschlüsseln.

Das letzte Mahl

Es ist faszinierend, was Computertomografie, Endoskopie, Gewebeproben, Isotopenmedizin, DNA-Analyse etc. alles enthüllten. Man geht davon aus, dass sich Ötzi, der die letzten Monate seines Lebens im Schnalstal verbracht hatte, auf der Flucht befand. Eine recht frische Verletzung an der rechten Hand und ein Jochbeinbruch deuten auf einen Kampf hin. Doch hoch oben in den Ötztaler Alpen dürfte er sich sicher gewähnt haben. Auf jeden Fall sicher genug, um zu rasten, sich an Fleisch von Rothirsch und Steinbock, Einkorn und Adlerfarn zu laben. Doch kurz nach dieser Mahlzeit traf ihn der todbringende Pfeil. Das weiß man, weil der Mageninhalt, der unter die Lupe genommen wurde, noch unverdaut war.

Ötzi war durchtrainiert, von drahtiger Gestalt, aber alles andere als gesund. Gallensteine und Rheuma plagten ihn, er litt unter Borreliose, Wurmbefall, Parodontitis und Karies, wegen einer Laktoseintoleranz vertrug er keine Milch. Seine Gefäße waren verkalkt, die Blutfette erhöht – woraus geschlossen werden kann, dass die heute bekannten Zivilisationserkrankungen bereits im Neolithikum umgingen. Im Verdauungstrakt spürten die Forscher das Bakterium Helicobacter pylori auf, das Gastritis, Magenschleimhautentzündung, Geschwüre und Krebs hervorrufen kann. Es weist auch darauf hin, dass Ötzis Ahnen aus Asien nach Europa ausgewandert sind.

61 Tattoos

Den Körper des Braunäugigen mit Schuhgröße 38 und Blutgruppe 0 zieren 61 Tätowierungen. Dabei handelt es sich keineswegs um ästhetisch ausgerichteten Hautschmuck. Die eingeschnittenen, mit pulverisierter Holzkohle gefärbten linearen Zeichen dürften therapeutischen, Schmerz lindernden Zwecken gedient haben. Sie liegen auf den noch heute gültigen Akupunkturlinien im Bereich der Rippen und der Lendenwirbelsäule, am Handgelenk, am Knie, an den Unterschenkeln und an den Fußgelenken.

Weiters wurden gebrochene Rippen, eine Zyste am Fuß, eine Gehirnblutung, eine Raucherlunge durch den ständigen Aufenthalt an offenen Feuerstellen und Abnützungserscheinungen an diversen Gelenken festgestellt, das Genom entschlüsselt und aufgrund von chemischen Einlagerungen im Zahnschmelz erklärt, dass der Mann aus dem Eis aus dem Eisacktal stammte und sich später vorwiegend im Vinschgau aufhielt. Den Todeszeitpunkt grenzen Botaniker anhand von Pollenanalysen auf den Frühsommer ein.

Ein Mann von Rang

Zeugnis über den Lebensstil seiner Zeit legen auch die Gegenstände ab, die bei der Gletschermumie lagen: der Bogenstab aus harzfreiem, biegsamem Eibenholz, der Fellköcher mit 14 Pfeilen aus dem Holz des Wolligen Schneeballs (von denen nur zwei mit Birkenpech befestigte Feuersteinspitzen tragen), das Tragegestell aus Hasel- und Lärchenholz, ein Birkenrindengefäß, in dem wohl glühende Holzkohle bewahrt wurde, ein Feuersteindolch mit Bastscheide. Ötzis Kappe bestand aus Braunbärenfell, der Mantel aus Schaf- und Ziegenfell. Zu den Funden gehört ein wertvolles Kupferbeil, das vollständig erhalten ist. Es legt nahe, dass Ötzi in seiner Gemeinschaft von hohem gesellschaftlichem Rang war.

In den wenigen Haarbüscheln, die die Zeit überdauerten, wurden Spuren von Arsen ausgemacht, was darauf schließen lässt, dass Ötzi ab und zu dabei war, wenn Erz verarbeitet wurde.

Durch ein kleines Fenster erhaschen Besucher des Südtiroler Archäologiemuseums einen Blick auf den Mann aus dem Eis, der sozusagen eine 24-Stunden-Betreuung genießt. Er ist bei einer Temperatur von minus sechs Grad Celsius und einer Luftfeuchtigkeit von 99 Prozent auf eine Präzisionswaage gebettet. Der mumifizierte Körper wird regelmäßig mit sterilem Wasser besprüht, um ihn vor einem Feuchtigkeitsverlust zu bewahren. Das Museum ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Wie es sich in der Jungsteinzeit lebte, versucht auch das Ötzi-Dorf in Umhausen im Ötztal zu vermitteln.

Artikel von

Bernhard Lichtenberger

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