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Freizeit

Was macht Gott den ganzen Tag?

Von Eva Allerstorfer   07. Oktober 2011 00:04 Uhr

Was macht Gott den ganzen Tag?
Gott als Erziehungsmittel ist von Grund auf verkehrt. Das ist nicht förderlich in der Entwicklung.

Warum fliegt ein Flugzeug? Wieso ist der Himmel blau? Kinder stellen Fragen, die Erwachsene in Erklärungsnot bringen können. Meist reicht ein Blick ins Lexikon oder ins alte Physikbuch. Wie vertreibt sich aber Gott die Zeit? Darauf einzugehen ist ungleich schwieriger. Die deutsche Universitäts-Professorin Petra Freudenberger-Lötz weiß Antworten.

Was macht denn Gott nun wirklich den ganzen Tag?

Freudenberger-Lötz: (lacht) Das ist eine von vielen Kinderfragen. Kinder stellen uns überraschende, herausfordernde Fragen und wollen mit uns über ihre Vorstellungen ins Gespräch kommen. Was Gott den ganzen Tag macht, das weiß niemand, das ist eine Glaubensfrage. Und über solche Glaubensfragen mit Kindern zu sprechen, ist enorm wichtig, um ihre religiöse Entwicklung zu unterstützen. Wenn mir ein Kind eine solche Frage stellt, frage ich, ob es eine Idee hat, was Gott macht. Meist haben Kinder schon Ideen im Kopf. Wenn das Kind meine Meinung wissen will, würde ich sagen: „Ich weiß nicht, was Gott macht, aber ich kann dir erzählen, was ich glaube und was ich hoffe. In der Bibel findest du Geschichten, die davon erzählen, was Menschen mit Gott erlebt haben. Wenn wir die Geschichten lesen, erfahren wir noch mehr darüber, was Gott den ganzen Tag macht.“ Wir können dann beim Lesen der Geschichten Antworten entwickeln und unser Bild wird umfassender.

Wie kann man Kindern die Existenz Gottes erklären? Glauben ist ja schon für Erwachsene unbegreiflich.

Freudenberger-Lötz: Die Frage ist, ob wir Kindern so viel erklären müssen. Als erwachsene Gesprächspartner sollten wir zunächst einmal wahrnehmen, was Kinder bewegt, welche Fragen sie haben und welche Deutungsmuster sie entwickeln. Daran anknüpfend können wir in ein Gespräch verwickeln, herausfordern und weiterführende Impulse geben. Hier ist die christliche Tradition und die biblische Botschaft ein wichtiges Fundament. Da haben Menschen Erfahrungen mit Gott gemacht und berichten davon. Beweisen können wir Gott nicht, aber wir können von den Erfahrungen erzählen, Gedanken dazu austauschen und so die Entwicklung fördern.

Wie beschreiben Kinder ihr Bild von Gott? Ist das überhaupt legitim? Es heißt doch: Du sollst dir kein Bild machen.

Freudenberger-Lötz: Unsere Bilder von Gott sind immer vorläufig. Sobald wir beginnen, diese Bilder anzubeten oder zu vergöttern, verfehlen wir den wahren Gott. Kinder, wenn sie sehr klein sind, entwickeln ein anthropomorphes Gottesbild, also Gott wird in Menschengestalt vorgestellt. Gott wird konkret im Himmel lokalisiert, aber je mehr sie angeregt werden über Gott nachzudenken und biblische Geschichten hören, können sie verschiedenen Facetten des Zugangs zur Gottesfrage entwickeln. Also, Gott ist weit, weit weg, aber er ist auch ganz nah bei mir, er ist unsichtbar und trotzdem kann ich ihn spüren und jederzeit mit ihm in Kontakt treten.

Was, wenn man keine Antwort auf eine Frage weiß? Ist Ehrlichkeit das Mittel, Kindern Glauben zu vermitteln?

Freudenberger-Lötz: Ehrlichkeit ist sehr wichtig. Wir können uns gemeinsam auf die Suche begeben. Eltern können mit dem fragenden Kind in der Kinderbibel lesen und versuchen, in den Erzählungen gemeinsam Antworten zu finden. Das ist besser, als eine Antwort zu geben, hinter der man nicht steht und die man nicht vertreten kann. Kinder durchschauen das sehr schnell.

Liebender Vater und strafender Gott: Verstehen Kinder auch den, der straft?

Freudenberger-Lötz: Es ist auf jeden Fall wichtig, dass kritische und problematische Erzählungen aufgegriffen werden. Die Frage ist, zu welchem Zeitpunkt. Bei kleinen Kindern werde ich nicht gleich mit dem strafenden Gott beginnen. Das ist nicht förderlich. Gott als Erziehungsmittel ist verkehrt. Wenn also zunächst eine positive Grundlage vermittelt wird, werden Kinder bald selbst kritisch hinterfragen. Denn wenn sie biblische Geschichten lesen, lernen sie zwangsläufig auch diese negativen Seiten kennen. Es ist wichtig, schon im Kindesalter schwierige Fragen zu beantworten oder auch einmal Antworten offenzuhalten. Dann ist die Chance größer, dass im Jugendalter der Bruch nicht so massiv ausfällt. Kinder entwickeln in der Grundschule ein positives Gottesbild und sammeln im Jugendalter plötzlich die Erfahrung, dass Gott gar nicht eingreift. Wenn sie im Kindesalter nicht mit solchen Fragen konfrontiert werden, dann ist die Gefahr groß, dass sie den Glauben direkt ablehnen. Andernfalls kann das Gottesbild dann leichter transformiert werden.

Ist es schwieriger, einem Kind, dem ja jede Diskussionsgrundlage fehlt, Glauben zu erklären, oder mit einem Jugendlichen, der seine eigene Meinung bilden kann, darüber zu diskutieren?

Freudenberger-Lötz: (lacht) Da gibt es unterschiedliche Herausforderungen. In allen Alterstufen ist das theologische Gespräch sehr spannend, habe ich festgestellt und die Herausforderungen liegen auf unterschiedlichen Ebenen. Beim Kind ist es in der Tat so, dass erst mal vernetztes Grundlagenwissen aufgebaut werden muss. Kinder haben eine ganz starke Fantasie, sie schmücken alles aus, fantasieren weiter. Das kann eine große Herausforderung sein. Jugendliche fragen viel kritischer. Das ist eine andere Art der Herausforderung, die genauso spannend ist.

Wenn Kinder Fragen stellen, sind sie also auch bereit für die Antwort?

Freudenberger-Lötz: Genau. Die Antwort zu hören oder eben gemeinsam zu suchen.

Ist der Glaube nicht längst überholt? Oder zumindest Geschichten der Bibel?

Freudenberger-Lötz: (lacht) Nein! Die Geschichten der Bibel enthalten Grunderfahrungen von Menschen. Sie zeigen, wie Menschen mit existenziellen Fragen umgehen und wie sie eine hoffnungsvolle Lebensperspektive entwickeln. Aus meiner Sicht ist die religiöse Weltdeutung eine Möglichkeit, die Welt oder das Leben zu deuten. Das steht nicht in Konkurrenz mit der Naturwissenschaft. Es handelt sich lediglich um unterschiedliche Perspektiven, die einander ergänzen. Die religiöse Weltdeutung hat unter anderem die Aufgabe, Sinn zu konstruieren, Hoffnung zu schenken und darüber nachzudenken, was mein Leben lebenswert macht oder wer mein Leben geschenkt hat oder wie ich gut leben kann. Die Gespräche mit Kindern und Jugendlichen zeigen, dass sie diese Fragen nach wie vor stellen.

Hält sich der Katholizismus dogmatischer an der Richtigkeit jedes einzelnen Wortes in der Bibel fest als der Protestantismus?

Freudenberger-Lötz: (überlegt) Naja, die Tendenz stimmt schon. Egal aber, um welche Glaubensgemeinschaft es geht: Jeder Glaube muss zum individuellen Glauben werden. Dort, wo nur dogmatische Sätze nachgesprochen werden, wo man Dogmatik nicht mit dem eigenen Leben verbinden kann, hat sie ihren Sinn verfehlt und bleibt ohne Anklang im Leben. Ich meine, die biblische Geschichte will uns nicht erklären, wie die Welt entstanden ist, sondern wem wir sie verdanken, warum wir da sind und wozu die Welt da ist. Wer versucht, die biblischen Erzählungen naturwissenschaftlich, also mit rationalistischem Zugang, anzugehen, der kommt irgendwann an Grenzen und dann tun sich unweigerlich Widersprüche auf. Aus meiner Sicht sind das aber unterschiedliche Aussageabsichten, die da dahinter stehen.

Vortrag
Zum Thema „Was macht Gott den ganzen Tag? Theologie von und mit Kindern“ spricht die deutsche Professorin Petra Freudenberger-Lötz am 14. Oktober, 19.30 Uhr, im Alpenhotel Altmünster. Sie leitet das Institut für Evangelische Theologie der Universität Kassel. Der Erlös kommt dem Waisenhaus „Traunsee“ in Burma zugute. Infos: http://pfarrealtmuenster.ki-0816.at/
 

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