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Familie

Wie Kinder zu selbstbewussten Menschen werden können

Von Eva Hoffmann  09. Mai 2022 14:49 Uhr

LINZ. Angstzustände, Mobbing, Suizidgedanken: Die Lebensrealität von Kindern hat sich durch die Corona-Pandemie massiv verschlechtert. Was können Eltern tun, um Kinder dabei zu unterstützen, sich zu selbstbewussten, resilienten Menschen zu entwickeln? Die Psychotherapeuten Maria und Rudolf Fessl vom Verein Kinderhilfswerk geben Tipps.

Es sind alarmierende Zahlen, die Maria Fessl, Psychotherapeutin und Leiterin des Vereins in der Beratungsstelle Linz, und Psychotherapeut Rudolf Fessl, fachlicher Leiter Österreich, zu berichten haben. Die Anzahl an Beratungen und Anfragen aufgrund überbordender psychischer Belastung von Kindern ist seit Pandemie-Beginn besorgniserregend angestiegen. Die Situation hat sich dramatisch zugespitzt. Was Eltern konkret tun können, um ihre Kinder dabei zu unterstützen, diesen Belastungen möglichst stark entgegen zu treten und warum es dazu nötig ist, die eigene Kindheit zu reflektieren, darüber haben die Experten mit den OÖNachrichten gesprochen.  

OÖN: Was sind die Themen, denen Kinder heute gegenüberstehen und was die konkreten Herausforderungen, die sich daraus ergeben? 

M. Fessl: In der Pubertät sind Kinder vorübergehend unglaublich verunsichert. Sie verlieren sich und ihre Identität. Das Kind, das sie waren, gibt es nicht mehr. Seit Pandemie-Beginn ist kein Stein auf dem anderen geblieben und wir merken, dass die Jugendlichen in ihren Krisen buchstäblich verzweifeln. Es ist kein Halt mehr da. Eltern sind selbst verunsichert. Es geht um finanzielle Nöte und Existenzängsten aufgrund der Pandemie. Die Mobbing-Dynamik in Schulen ist eskaliert. Kinder sind wie „Druck-Kochtöpfe“. Sie bräuchten ein Ventil für ihren Frust, ihre Ratlosigkeit. Sie können mit diesen Problemen nirgendwo hin. Darum geht es jetzt gegeneinander. Mir berichten junge Klienten, dass selbst die Schüler das Gefühl haben, Lehrer hätten keine Antworten mehr. Die Pandemie treibt alles auf die Spitze. Die instabile Situation in der EU aufgrund des Krieges in der Ukraine verschlimmert alles noch mehr. Wir verzeichnen eine gewaltige Zunahme an Angstthemen, Panikattacken, Suizidgedanken und umgesetzten Suizidversuchen. Auch das konfrontiert uns mittlerweile täglich in unserer Arbeit.

Es lässt sich also sagen, dass sich die Situation im Vergleich zu „früher“ rapide verschlechtert hat. Ab wann hat sich die Veränderung bemerkbar gemacht?

M. Fessl: Unmittelbar um den ersten Lockdown. Der hat die Resilienz der Menschen massiv eingeschränkt. Auch das Gefühl der Selbstwirksamkeit ist mit Beginn des ersten Lockdowns den Bach hinuntergegangen. Vorher haben wir das punktuell erlebt, aber nicht in dieser Masse. Studien belegen das mit alarmierenden Zahlen weltweit.

Wie viele Kinder sind davon betroffen? 

R. Fessl: Wenn wir uns die Ergebnisse der Copsy-Sudie der Universität Hamburg anschauen, bemerken wir eine Zunahme von 84 Prozent an stationär zu behandelnden Erkrankungen und psychische Krankheiten im Kindesalter. Bei uns im Kinderhilfswerk haben wir österreichweit um 300 Prozent mehr Anfragen für Psychotherapieplätze für Kinder. Punktuell gab es diese Problematik natürlich auch schon früher. Aber wir reden hier von 13-jährigen Kindern, die bereits drei Suizidversuche hinter sich haben. Das haben wir vor dem ersten Lockdown nicht gekannt.

Sehen Sie hier signifikante Unterschiede zwischen Stadt und Land?

M. Fessl: Nicht unbedingt. Es ist sogar das Gegenteil. Auch in „gesunden“ Regionen steigt die Zahl der Jugendamtseinsätze, der Polizeieinsätze, der Kindesabnahmen und häusliche Gewalt drastisch an.

R. Fessl: Dort wo der Lebensraum dichter ist, in kleinen Wohnung, ist auch das Konfliktpotential höher als in Lebensumständen, wo vielleicht Haus oder Garten vorhanden ist. Das hat leider sehr viel mit der finanziellen Situation der Eltern zu tun. Wenn sich Kinder die heute nötigen Medien nicht in entsprechender Menge kaufen können, die sie beispielsweise für den Unterricht brauchen, hat das enorme Auswirkungen. Drei Kinder auf einem PC im Distance Learning: Das kann fast nicht gutgehen. Insgesamt würde ich sagen, gibt es, was die psychischen Belastbarkeiten betrifft kein Stadt-Land-Gefälle; wenn es um Gewalt geht aufgrund von Lebensverhältnissen eher schon.

Wie definieren Sie Resilienz?

R. Fessl: Der Begriff „Resilienz“ kommt eigentlich aus der Industrie und bezeichnet Widerstandsfähigkeit. Wie schafft es ein Stoff nach einer Einwirkung wieder in den Ursprungszustand zurückzukommen. Resilienz ist kein statischer, sondern ein dynamischer Prozess. Faktoren, die angeboren sind, spielen natürlich eine Rolle. Es kommt allerdings darauf an, was man mit Bindung oder Vorbild daraus macht. Plastisches Beispiel: Ein Löwenzahn entwickelt sich mit Erde und Pflege. Genauso ist es mit Kindern. Es ist ein Prozess, der durch die Eltern und das Umfeld entsprechend begünstigt werden kann.

Welche Fähigkeiten brauchen Kinder nun also, um in dieser Lebensrealität gesund zurechtzukommen? 

R. Fessl: Resilienz entsteht aus inneren und äußeren Faktoren. Innere Faktoren sind Selbstwahrnehmung, Selbstvertrauen, Selbstwert und sehr stark Selbstwirksamkeit. Wenn ich gerade in diesen schwierigen Zeiten von Corona ein Vertrauen in meine Selbstwirksamkeit aufweise, werde ich auch das Vertrauen haben, dass ich die Situation meistern kann. Es gibt zahlreiche Studien, die zeigen, was Kindern diesbezüglich guttut. Glücklicherweise hat das mittlerweile sogar im Kindergarten Einzug gehalten und wird dort entsprechend pädagogisch geschult. Es gibt Faktoren, die Kinder erlernen können. Ein kleiner Teil ist gegeben. Wie ein Mensch aber damit umgeht, um seine Welt zu beherrschen, das ist ein Lernprozess.

Maria Fessl, Psychotherapeutin und Leiterin Kinderhilfswerk Linz

Welche Faktoren sind das denn genau?

R. Fessl: Wenn ein Kind davon überzeugt ist, dass es Kompetenzen hat, geht die Resilienz-Entwicklung in eine gute Richtung. Wenn immer nur dahin geschaut wird, was ein Mensch nicht kann, dann kann es kritisch werden. Das ist ab und zu in der Schule so. Es wird nur wiederholt, was nicht gekonnt wird. So wird das Gefühl der Selbstwirksamkeit immer kleiner. Und irgendwann wird ein Kind denken: Ich bin dumm. Damit hat man schon fast keine Chance mehr, das Kind „lebenstüchtiger“ zu machen.

M. Fessl: Schule ist ein Ort, wo Kinder den Großteil ihrer Lebenszeit verbringen. Schule hätte so viel Chance Resilienz zu fördern. Das wäre sogar der optimale Ort. Das funktioniert derzeit Pandemie-bedingt nicht in ausreichendem Maß. Es fehlt nach den Phasen im Distance Learning so viel Schulzeit, dass die Schulen Druck aufbauen und Leistungen viel massiver abverlangen müssen als je zu vor. Sie müssen zu Noten kommen, um Zeugnisse ausstellen zu können. Da ist kaum mehr Raum für Aktivitäten, die ein Gemeinschaftsgefühl fördern. Das war für Kinder unglaublich dysfunktional, weil es allem entgegengewirkt hat, was sie in dieser Zeit eigentlich gebraucht hätten: Rückhalt und Versicherung. Die Versicherung, dass es in Ordnung ist. Dass sie in Ordnung sind. Dass es zwar eine Ausnahmesituation gibt, aber wir das Problem als Gemeinschaft lösen werden.

Wo können Eltern hier ganz konkret ansetzen?

R. Fessl: Es gibt protektive Faktoren, die man ganz gezielt einführen kann, damit das Kind Sicherheit, Zuversicht und Rückhalt spürt und zur „Löwenzahn-Natur“ wird. Am wichtigsten ist es, immer wieder in die Fußstapfen des Kindes zu treten. Was sind gerade die Themen und Entwicklungsprozesse, die anstehen? Und dort gilt es dann anzusetzen. Eltern sollten keine Scheu haben, gegebenenfalls auch von außen Hilfe zu holen.

M. Fessl: Mein Mann hat ein wunderbares Ritual von Jens Corrson (Psychologe, Anm.) mit unserem Sohn. Die beiden nehmen zur Schlafenszeit entlang der Bettdecke jede Ecke einmal in die Hand und benennen jeweils eine Begebenheit des Tages, die gut gelungen ist, Freude bereitet oder dankbar gemacht hat. Das ist ein toller protektiver Faktor. Das Kind erlebt kurz vor dem Einschlafen die positiven Erfahrungen des Tages erneut und fühlt, da ist jemand bei mir, der mir zuhört.

Es geht also ums Zuhören und auch um adäquate Reaktion, selbst, wenn das bedeutet, zuzugeben, dass man im Moment keine Lösung hat oder etwas nicht geht?

R. Fessl: Unbedingt. Falls im Gespräch Problematisches auftaucht, Perspektiven wechseln, Lösungen erarbeiten. Und: Auch ein Nein ist nötig. Kinder haben ein Recht auf Grenzen. Regeln sind wichtig. Direkt vor dem Einschlafen sollte dann aber der Fokus auf die guten Erlebnisse des Tages gelegt werden, damit die Schlafqualität nicht leidet.

M. Fessl: Gerade in der jüngsten Zeit hören wir immer wieder, dass Eltern meinen, sie tun ihren Kindern etwas Gutes, wenn sie ihnen alles durchgehen lassen. Das Gegenteil ist der Fall. Kinder brauchen Grenzen. Sie sind dazu da, um sich stabilisieren und orientieren zu können. Kinder fühlen sich dadurch beschützt.

Es gibt sehr vieles, das selbst Erwachsene an ihre Grenzen bringt. Gibt es Themen, die man mit Kindern tatsächlich nicht besprechen sollte? Oder soll sogar alles – kindgerecht aufbereitet – thematisiert werden?

M. Fessl: Ich würde sagen, prinzipiell kindgerecht ansprechen. Gelingen kann die Kommunikation, wenn Eltern ihre Kinder als gleichwertige Gesprächspartner anerkennen. Wenn Eltern ein Thema allerdings selbst triggert, dann würde ich eher empfehlen, das zuerst mit einem Experten anzuschauen und für sich selbst zu klären.

R. Fessl: Man kann heute in einer Buchhandlung 15 verschiedene Bücher über Erziehung kaufen. Eltern wissen nicht mehr, was richtig und was falsch ist. Ich plädiere dafür, dass Eltern einfach wieder mehr in sich hineinspüren. Das ist bei jedem Thema so: Authentisch sein ist der Schlüssel.

Es kommt also auch darauf an, wie sehr Eltern bereit sind, ihre eigene Sozialisation zu reflektieren?

R. Fessl: Definitiv. Das Wichtigste ist nachzuschauen, wie ich selbst eingespurt worden bin. Alle unsere Erfahrungen definieren unsere Weltsicht und auch, wie Eltern ihr Kind sehen. Die Subjektivität der Kinder wird heute oft übersehen. Sie müssen in die Gesellschaft passen.

Kinder werden demnach zu starken Menschen, wenn Eltern sie daran teilhaben lassen, wie sie selbst mit Situationen umgehen? 

M. Fessl: Ganz klar ja. Wenn Kinder sehen, wie Eltern Alltagssituationen lösen, hilft ihnen das, stark zu werden. Eltern sind ein Stück Rollenmodell. Je jünger Kinder sind, umso empfänglicher sind sie für das elterliche Vorbild.

R. Fessl: Auch Streit kann gezeigt werden. Kinder bekommen ohnedies alles mit. Wenn auch die anschließende Versöhnung eine Rolle spielt, ist das eine gute Lektion fürs Leben. Das Wichtigste ist die eigene Reflexion. Eltern sollten immer wieder fragen: Warum ist mir etwas wichtig? Weil es die Gesellschaft so will? Weil ich es will? Oder weil es für das Kind gut ist? Und vor allem: immer mit einem Schuss Humor dabei sein.

Jugendvolksbegehren "Mental Health" 

Das Jugendvolksbegehren "Mental Health", das weitreichende Maßnahmen für Kinder und Jugendliche fordert, liegt noch heute zur Unterschrift auf.  

Artikel von

Eva Hoffmann

Redakteurin

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