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Familie

Tabuthema: Trauer um Sternenkinder

Von Claudia Riedler  28. Oktober 2020 00:04 Uhr

Verena Schwarz
Verena Schwarz beim Sternenkindergrab in Mauthausen

Eine Mutter aus Mauthausen erzählt von ihren frühen Fehlgeburten, über ihre Trauerarbeit und was ihr geholfen hat, um wieder nach vorne blicken zu können.

Fehlgeburten am Beginn der Schwangerschaft sind häufig, doch kaum jemand spricht darüber. Das Thema ist tabu. Auch deshalb, weil betroffene Frauen zu diesem Zeitpunkt noch mit kaum jemandem über ihre Schwangerschaft gesprochen haben. "Die Trauer ist trotzdem da", sagt Verena Schwarz aus Mauthausen. Die 38-Jährige hat zwei Sternenkinder – wie Kinder bezeichnet werden, die vor, während oder kurz nach der Geburt versterben – und redet ganz offen darüber.

Vor fünf Jahren kam ihre erste Tochter zur Welt, alles lief gut. Nach eineinhalb Jahren sollte ein Geschwisterchen dazu kommen. "Ich hatte im Dezember 2016 einen positiven Test und freute mich sehr. Danach war ich allerdings oft krank, hatte sogar einen Hörsturz", erinnert sich Schwarz.

In der 16. Schwangerschaftswoche bekam sie Blutungen. Kurz darauf im Spital konnte man keinen Herzschlag des Babys mehr feststellen. "Das war ein Riesenschock!" Sie bekam wehenfördernde Mittel und brachte das tote Baby zwei Tage später, an ihrem eigenen Geburtstag, zur Welt. Im Kreißsaal – in einer geschützten Umgebung und mit dem nötigen Beistand. "Zu Hause wäre ich mit der Situation heillos überfordert gewesen."

Verena Schwarz wurde von der Hebamme und der Krankenhausseelsorgerin gut betreut, bekam Zeit sich zu verabschieden und konnte auch Fotos vom Baby machen. "Es ist aber schon in der 13. Woche gestorben, deshalb konnte man das Geschlecht nicht feststellen. Wir gaben ihm den Namen Bauxer", sagt Schwarz. Danach begann die Trauerarbeit.

Begräbnis für Bauxer

"Es dauerte mindestens ein halbes Jahr, ich hab meine Trauer voll ausgelebt, hab mir beim Verein Zoe und beim Verein Pusteblume Hilfe geholt und auch Rückbildungsgymnastik bei Katharina Enzenhofer gemacht", sagt die 38-jährige Mama. "Wir haben ein Begräbnis für Bauxer organisiert – erst da wurde es auch meinen Verwandten so richtig bewusst."

Später war Verena Schwarz mit dabei, das Sternenkindergrab in Mauthausen zu gestalten.

Stellina (kleiner Stern) heißt das zweite Sternenkind von Verena Schwarz. Sie hatte 2019 eine Eileiterschwangerschaft und zwei Operationen. "Danach habe ich mit dem Thema abgeschlossen, weil es zu riskant für mich ist", sagt sie. Ein Stern am Sternenkindergrab in Mauthausen erinnert an das früh verstorbene Baby Stellina.

Rituale schaffen

Mit ihrem offenen Umgang möchte Verena Schwarz anderen Müttern helfen und das Tabu aufbrechen.

"Viele erzählen von ihren Erfahrungen, wenn sie meine Geschichte hören", sagt sie. Sie rät allen Betroffenen, sich Hilfe zu holen und Rituale zu schaffen, um die Sternenkinder nicht zu vergessen. "Manche Freundinnen gratulieren an meinem Geburtstag auch Bauxer. Wir zünden zu den wichtigen Daten eine Kerze an, und am Geburtstermin im August liegen mein Mann und ich in der Nacht auf der Terrasse und schauen den Sternschnuppen und Sternenkindern beim Tanzen zu."

Informationen für Betroffene gibt es beim Verein Zoe (www.zoe.at) in Linz und auch beim Verein Pusteblume (www.verein-pusteblume.at). Katharina Enzenhofer, Physiotherapeutin in St. Florian, bietet "Leere-Wiege-Heilgymnastik" (physio-enzenhofer.at)

Was sind die Ursachen für frühe Fehlgeburten?

Je früher in der Schwangerschaft und je älter die Frau, desto höher ist das Risiko für eine Fehlgeburt. Insgesamt liegt die Fehlgeburtsrate bei zehn bis 15 Prozent. „In der Frühschwangerschaft, von der sechsten bis zur 14. Schwangerschaftswoche, kommt es also relativ häufig dazu, dass der Embryo abstirbt“, sagt Primar Wolfgang Arzt, Pränatalmediziner im Kepler-Uniklinikum und Vorstandsmitglied des Vereins „Zoe“. In rund 90 Prozent der Fälle sei das eine Art Schutzmechanismus der Natur. „Es sind schwerwiegende Fehlbildungen oder Chromosomenschäden, die dem zugrunde liegen“, sagt der Mediziner. Eher selten komme es zu Blutungen.

Stirbt der Embryo im Mutterleib, bemerkt die Frau das in der Frühschwangerschaft oft nicht. „Deshalb ist es wichtig, dass in der achten bis zwölften Woche im Mutter-Kind-Pass eine erste Ultraschall-Untersuchung vorgesehen ist. Als Befund für eine intakte Schwangerschaft“, sagt Arzt.

Ist der Embryo gestorben, muss die Frau ins Spital. Früher wurde in der Regel eine Kürettage (Gebärmutterausschabung) vorgenommen, heute sei es oft eine medikamentöse Einleitung, die zur Blutung führe.

„Bei gehäuften Aborten wird die Genetik der Paare abgeklärt“, sagt der Pränatalmediziner. Bei der Frage nach den Ursachen für frühe Fehlgeburten sei aber noch vieles offen.

„Die Trauer ist in jedem Fall berechtigt“, sagt Arzt. Die gute Nachricht sei aber: „Man kann auch nach einer Fehlgeburt viele gesunde Kinder zur Welt bringen.“ Medizinisch betrachtet, müsse man nur die nächste Blutung abwarten.

Artikel von

Claudia Riedler

Leiterin Redaktion Leben und Gesundheit

Claudia Riedler
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