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Familie

"Redet nicht über uns, sondern endlich mit uns"

Von Herbert Schorn  02. Juli 2021 19:05 Uhr

"Redet nicht über uns, sondern endlich mit uns"
Auf dem Podium diskutierten Fiona Herzog (Vorsitzende der Bundesjugendvertretung), Psychiaterin Doris Koubek, Kinder- und Jugendanwältin Christine Winkler-Kirchberger, Josef Oberneder (Vizerektor der Pädagogischen Hochschule OÖ) und Soziallandesrätin Birgit Gerstorfer (v.l.). Moderiert wurde der Talk von OÖN-Redakteurin Barbara Eidenberger.

LINZ. Gerade Kinder und Jugendliche hat die Corona-Krise vor große Herausforderungen gestellt. Was es nun braucht, um sie auf ihrem Weg aus der Krise bestmöglich zu unterstützen, diskutierten am Freitagnachmittag Expertinnen und Experten auf Einladung der OÖNachrichten im OÖN-Kinderschutz Talk.

Mit einem konkreten Vorschlag wandten sich heute Experten und Jugendliche bei einer Diskussion im OÖN-Forum an die Öffentlichkeit: Für Kinder und Jugendliche sollten heuer im Sommer Freizeiteinrichtungen wie Freibäder, Kletterhallen, Museen und Kinos gratis sein. "Von Kindern und Jugendlichen wurde in den vergangenen Monaten viel Solidarität verlangt", sagte Oberösterreichs Kinder- und Jugendanwältin Christina Winkler-Kirchberger. "Geben wir ihnen nun ein Lebensfreudepaket zurück." Dieser Forderung schlossen sich alle Podiumsgäste an – inklusive Soziallandesrätin Birgit Gerstorfer (SP), die für die Kinder- und Jugendhilfe zuständig ist.

83 Psychiatrieplätze fehlen

Unter der Leitung von OÖN-Politikredakteurin Barbara Eidenberger diskutierten neben Winkler-Kirchberger und Gerstorfer auch Fiona Herzog, eine der Vorsitzenden der Bundesjugendvertretung, die Kinder- und Jugendpsychiaterin Doris Koubek sowie Josef Oberneder, Vizerektor der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich, am Freitagnachmittag darüber, was junge Menschen angesichts der Pandemie nun besonders brauchen.

Die Diskussion als Video zum Nachschauen:

OÖN-Diskussion: Was Kinder und Jugendliche nach der Pandemie brauchen

Was es nun braucht, um sie auf ihrem Weg aus der Krise bestmöglich zu unterstützen? Darüber diskutierten am 2. Juli Experten und Expertinnen im OÖN-Forum in den Promenaden Galerien.

Hier hat die 25-jährige Fiona Herzog vor allem einen Wunsch: "Redet nicht über uns, sondern endlich mit uns", sagte die Wienerin. Es sei während der Pandemie zwar nicht auf junge Menschen vergessen worden: "Aber eingegangen wurde auf uns auch nicht." Sie fordert, dass fixe Strukturen geschaffen werden, um Jugendliche im politischen Prozess anzuhören – und dann auch Lösungen in ihrem Sinn zu schaffen.

Psychiaterin Koubek wies darauf hin, wie stark Junge während der Pandemie belastet waren. "65 Prozent der Jugendlichen zwischen zehn und 19 Jahren sind sehr belastet und haben ein Risiko, psychisch zu erkranken", zitierte sie eine aktuelle Studie der Donau-Uni Krems. Sie leiden vor allem an Depressionen, Angsterkrankungen und Essstörungen. Koubek forderte daher, dass das psychiatrische Angebot ausgebaut werde. Allein in Oberösterreich würden 83 Plätze in psychiatrischen Kliniken fehlen, österreichweit seien von 125 Psychiatrie-Facharztstellen 25 nicht besetzt. Winkler-Kirchberger schätzte, dass etwa ein Drittel der Jugendlichen gut durch die Krise gekommen seien, ein Drittel Unterstützung aus dem Umfeld brauche und ein Drittel Hilfe von Experten benötige. "Wir brauchen niederschwellige Angebote, die rasch in Anspruch genommen werden können", sagte sie.

Josef Oberneder wies darauf hin, dass besonders in der Volksschule das Distance Learning schwierig umzusetzen gewesen sei und es daher große Unterschiede innerhalb der Klassen gebe: "Umso wichtiger ist jetzt die Schule als Ort des gemeinsamen Austauschs."

Ferienaktion für 514 Kinder

Landesrätin Birgit Gerstorfer merkte an, dass in Oberösterreich die politischen Zuständigkeiten für junge Menschen zerstückelt seien: "Allein in der Landesregierung sind die Agenden auf vier Personen aufgeteilt", sagte sie. Das erschwere es, rasch Maßnahmen zu ergreifen. Als Soforthilfe hat sie eine Ferienaktion gestartet: "Dabei können heuer 514 Kinder je eine Woche in Österreich Urlaub machen." Außerdem will die Landesrätin die Zahl der derzeit 65 Schulsozialarbeiter aufstocken. Sie betreuen 200 Schulen. "Unser Ziel ist es, diese Zahl zu verdoppeln", sagte sie. Das kann sie aber nicht alleine entscheiden – Landeshauptmann Thomas Stelzer (VP) als Finanzreferent muss zustimmen. Sie will schon bald mit ihm in Verhandlungen treten.

Die Belastung für Jugendliche sei in der Pandemie hoch gewesen, fasste Kinder- und Jugendanwältin Winkler-Kirchberger zusammen: "Jetzt ist es an der Zeit, dass wir als Gesellschaft ihnen Hilfe und Lebensfreude zurückgeben."

Zitiert

Was brauchen Kinder und Jugendliche nach der Corona-Pandemie? Experten und Betroffene berichten.

„Ich saß tagelang nur noch vor dem Bildschirm und tat mir schwer, einen Alltag aufrechtzuerhalten.“ - Fiona Herzog, Bundesjugendvertretung

„65 Prozent der Jugendlichen sind durch die Pandemie sehr belastet und haben ein Risiko, psychisch zu erkranken.“ - Doris Koubek, Kinder- und Jugendpsychiaterin

„Die Belastung für Junge war hoch. Jetzt müssen wir als Gesellschaft ihnen Hilfe und Lebensfreude zurückgeben.“ - Christine Winkler-Kirchberger, Kinder-/Jugendanwältin

„Das Distance Learning war besonders in der Volksschule schwierig umzusetzen. Jetzt sind die Schulen als Ort des Austauschs gefordert.“ - Josef Oberneder, Vizerektor

„Unser Ziel ist es, die Zahl der derzeit 65 Schulsozialarbeiter in Oberösterreich zu verdoppeln.“ - Birgit Gerstorfer, Soziallandesrätin, SP

Artikel von

Herbert Schorn

Redakteur Kultur und Leben

Herbert Schorn
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