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Landsleute

Mit Hirschhorn dem Krebs trotzen

Von Peter Affenzeller  27. Juni 2020 00:04 Uhr

Mit Hirschhorn dem Krebs trotzen
In seiner kleinen Werkstatt in Edlbach bei Windischgarsten verwandelt Heribert Pfister die Abwurfstangen der Hirsche zu kleinen Kunstwerken.

Der pensionierte Kremstaler Förster Heribert Pfister hat mit Schnitzereien eine spannende Aufgabe gefunden.

Ein Zufall führte den ehemaligen Förster Heribert Pfister aus Edlbach bei Windischgarsten zu seiner neuen Leidenschaft, dem Schnitzen mit Hirschhorn: Als Geschenk für einen Jagdherrn fertigte er aus einer Abwurfstange einen Kerzenleuchter – und seither kann er gar nicht mehr aufhören, immer neue Motive zu kreieren.

"Ich will ja nicht nur herumsitzen, so hab ich immer was zu tun", sagt der 72-Jährige: Er habe schon 2005 bei den Bundesforsten aufhören müssen als Förster und dann noch einige Jahre für einen heimischen Industriellen im Kremstal als Jagdaufseher gearbeitet.

Mit der Krebserkrankung habe er diese Arbeit dann leider aufgeben müssen – aber der Jagdherr habe ihn zum Abschied noch "auf einen schönen Hirsch eingeladen". Da habe er sich überlegt, wie er sich bei einem Menschen erkenntlich zeigen könnte, der "eh schon alles hat". Und so sei ihm dann die Idee mit den Abwurfstangen gekommen: So nennt man die Geweihe, die Hirsche im Winter "abwerfen", wenn ihnen ein neuer Horn-Kopfschmuck nachwächst. Oft findet man sie in der Nähe der Fütterungen, im Wald an den Stellen, wo die Tiere sich im Winter häufig aufhalten – oder man muss sie um rund 27 Euro pro Kilo bei Förstern oder Jagdpächtern kaufen.

Mit Hirschhorn dem Krebs trotzen
Heribert Pfister macht aus Hirschhorn kleine Kunstwerke

Pfister hatte über die Jahre einige davon gesammelt und so tüftelte er an der richtigen Form für sein erstes Werkstück: "Ich hab die Rosette (kranzförmiger Ansatz des Geweihs, Anm.) heruntergeschnitten und die Stange so gedreht, dass sie stabil auf drei Enden steht. Dann hab ich aus getriebenem Kupferblech eine Schale montiert, die das Kerzenwachs auffängt", berichtet Pfister.

Der Jäger sei von dem schönen Stück begeistert gewesen , das perfekt in ein Landhaus oder eine Jagdhütte passt. "Scheint so, dass mir das ganz gut gelungen ist", dachte sich Pfister und machte sich über die Reste der Abwurfstange her. In der kleinen Werkstatt des Einfamilienhauses sägte er Plättchen zurecht und putzte mit Raspel und Schleifpapier das raue Innere des Geweihs weg. Übrig bleiben harte, glatte Horn-Stücke mit den unterschiedlichsten Formen. "Das muss ich mir dann anschauen, was draus werden könnte und wie ich das Stück zum Leben erwecke", sagt Pfister.

Mit Hirschhorn dem Krebs trotzen
Kunstvoll geschnitzt

Dem Ende nah gewesen

Dabei war er selbst dem Tod näher als dem Leben. Eine Krebserkrankung hätte seinen zweiten Frühling als Kunsthandwerker beinahe beendet. "Die haben mich operiert, aber nur aufgeschnitten und gleich wieder zugemacht, weil schon überall Metastasen waren", erzählt Pfister freimütig. Er habe dann alles durchgemacht, von Chemo- bis Immuntherapie, und einige Male sei es ihm so schlecht gegangen, dass er dem Ende nah gewesen sei. "Aber jetzt hat mich der Primar in einer Studie untergebracht, die Therapie vertrag ich gut und ich brauch nur alle vierzehn Tage eine Infusion", sagt der 72-Jährige. Mit MR-Kontrollen werde der Krebs beobachtet, und derzeit verhalte er sich ruhig, das Wachstum sei gestoppt. "Ich bin froh, dass ich noch da bin", sagt Pfister – und die Arbeit an seiner Horn-Schnitzerei biete ihm Konzentration, Ablenkung und Freude über jedes fertige Stück. Geduldig rückt er den harten Horn-Platten mit der Laubsäge zu Leibe, um die Konturen herauszuarbeiten. Bei Pfister ist alles Handarbeit, im Gegensatz zu anderen Anbietern, die schon mit Fräse und Laser arbeiten. Den Kunden gefällt’s: "Ich hab beim Adventmarkt eine Standlerin gebeten, für mich ein paar Stücke anzubieten – und von den hundert waren gleich 20 verkauft", sagt der Ex-Förster stolz. Dabei sind die Arbeiten alles andere als billig, weil neben dem teuren Rohmaterial auch stundenlange Arbeit darin steckt. Mit einer kleinen Ausstellung im Nationalpark-Hotel "Villa Sonnwend" bietet er den Horn-Schmuck jetzt Gästen an, die dort beim "Hirschlosen" mit Hotelchef Leo Döcker vielleicht Lust auf ein passendes Souvenir bekommen.

"Einen Schmetterling soll ich einmal probieren, hat der Leo gesagt", erzählt Pfister. Das könne er sich gut vorstellen, wenn er ein passendes Stück Geweih finde. Auf den stark ausgebleichten, fast weißen Stangen skizziert er seine Motive mit Bleistift, für dunkle, braune Geweihe hat er sich einen weißen Stift besorgt. Nach der groben Kontur und der Laubsägearbeit kommt behutsam die Feile zum Einsatz. Damit werden etwa die Edelweiß-Blüten ein wenig zarter gestaltet, Eichenblätter bekommen ihre charakteristische Äderung.

"Narzissen und Margeriten hab ich auch schon gemacht, und die Anhänger als Herzerl oder Kreuz passen sehr gut zur Tracht, die jetzt wieder so modern ist", sagt der Kremstaler. Lange Zeit habe er auch Schindeln aus Lärchenholz gemacht, aber die feine, kreative Arbeit mit dem Hirschgeweih mache ihm mehr Freude.

Dem Pflegepersonal bei seiner Krebstherapie habe er einige Arbeiten gezeigt, "die ham g’schaut!". Solange die Gesundheit es zulasse, werde er weiter in die Werkstatt gehen: "Ich bin zufrieden mit dem, was ich hab", sagt Pfister. Beim Arbeiten komme er nicht zu viel zum Nachdenken, und Ideen habe er noch ganz viele.

Artikel von

Peter Affenzeller

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