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Landsleute

Der Puzzlemann

Von Roswita Fitzinger  15. Februar 2020 10:00 Uhr

Der Puzzlemann Der Puzzlemann
Ein Schrank voll mit Puzzles. Für die beiden größten Puzzles (40.320 und 42.000 Teile) fehlte bisher die Zeit.

Es mag verwundern, aber Puzzeln liegt (wieder) im Trend. Der Ohlsdorfer Günther Simetsberger hat für Vielpuzzler eine eigene Veranstaltung ins Leben gerufen. Seit Jahresbeginn puzzeln bei den "World Puzzle Days" mehr als 300 Spieler weltweit 60 Tage lang gemeinsam.

Einundzwanzig Millionen Puzzles hat der Spielehersteller Ravensburger im Vorjahr weltweit verkauft – um 20 Prozent mehr als im Jahr davor. Eine Steigerung, die Vorstandschef Clemens Maier auf das Bedürfnis vieler Menschen, "etwas Haptisches, Persönliches, Zwischenmenschliches" zu machen, zurückführt – als Ausgleich zum digitalen Alltag.

Puzzeln kennt keine Altersgrenze, jeder kann es spielen, alleine oder im Team, die Auswahl ist schier riesengroß: Es gibt 3-D-Puzzles, Bodenpuzzles, Konturenpuzzles, Panoramapuzzles, Puzzlebälle, Puzzlewürfel, Rund-, Triptychon- und Pyramidenpuzzles, außerdem Leucht- und Rätselpuzzles, solche, die riechen oder sich bewegen, und solche mit magnetischen oder extragroßen Puzzleteilen. Gewisse Hersteller versehen die Teile mit einer Sand-, Kork- oder Holzstruktur. Aus Holz waren auch die ersten Puzzles, entstanden vor mehr als 250 Jahren. Am Anfang stand eine Geschäftsidee des Briten John Spilsbury. Der Kartenhändler und Kupferstecher klebte im Jahr 1766 Landkarten auf eine Holzplatte und sägte einzelne Landesteile heraus. Er verkaufte sie als Lehrmittel zur Erleichterung des Erdkundeunterrichts. Durch das Zusammensetzen der Landesteile lernten die Kinder nicht nur die Namen der englischen Grafschaften, sondern auch ihre geografische Lage. Das Landkartenpuzzle war geboren. Spilsbury nannte es Jigsaw-Puzzle (Laubsägen-Rätsel) und entwickelte acht verschiedene Motive: England und Wales, Irland und Schottland, Europa, Asien, Afrika und Amerika.

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Für ein 1000-teiliges Motiv benötigt Simetsberger einen Tag.

Puzzeln zur Rauchentwöhnung

Günther Simetsbergers Puzzle-Leidenschaft entflammte jedoch aus einem anderen Grund: "Ich habe etwas gebraucht, das mich vom Rauchen abhält", gesteht der 52-Jährige. In jungen Jahren plagte den gebürtigen Welser eine starke Nikotinsucht. Sämtliche Versuche, dem Laster zu entsagen, schlugen fehl. Doch eines Tages machte er die überraschende Entdeckung, dass er beim Puzzeln alles um sich herum vergisst – auch das Rauchen. "Das habe ich mir zunutze gemacht und ein 3000-teiliges Puzzle hervorgeholt. Damit war ich einen Monat beschäftigt – ohne zu rauchen", sagt der Ohlsdorfer.

Seither hat er sich nie wieder eine Zigarette angezündet, ist aber Feuer und Flamme fürs Puzzeln. Immer wenn es die Zeit erlaubt, sitzt er an seinem Zeichentisch im Wohnzimmer, im Hintergrund lateinamerikanische Musik, mit einem Klickzähler in der Hand beginnt die Suche. Jedes passende Teilchen ein Klick. Das hat auch psychologische Gründe. "Es ist ein gutes Gefühl, zu sehen, es geht voran, vor allem, wenn man bereits Stunden davorsitzt", sagt er. Seine Herangehensweise beginnt stets traditionell. "Wie auch als Kind schon, werden zunächst die Randteile aussortiert und zusammengesetzt." Hat Simetsberger früher anschließend die Teilchen nach Farben sortiert, vollendet er heute zunächst einzelne Teilbereiche, bevor er diese zu einem großen Ganzen zusammenfügt.

"Bei manchen Puzzles konzentriere ich mich nicht auf Motiv oder Farbe, sondern nur auf die Form der einzelnen Teilchen." Das habe er sich von den Russen abgeschaut, verrät der Puzzlemann. Überhaupt sei Russland so etwas wie eine Hochburg, in der Puzzler eigene Dressen und Trainer haben.

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Jedes Teilchen ein Klick am Zähler.

Sein erstes Puzzle bekam Simetsberger im Alter von sieben Jahren, ein Geburtstagsgeschenk seiner Tante. Immer wieder habe er es zusammengestellt, erinnert sich der gebürtige Welser. Doch irgendwann wurde es ausgemustert und verschwand. "Eines Tages habe ich es im Internet wiederentdeckt und auf ebay ersteigert", sagt er, verschwindet kurz, um mit einer kleinen Schachtel zurückzukehren. 280 Teile "Funny Puzzle" steht auf dem etwas abgegriffenen Karton. Es besitzt für ihn nicht nur großen nostalgischen Wert, sondern ist auch das kleinste in seiner Sammlung. Sein größtes hat 33.600 Teile, besteht aus 20 Packungen. 115 "Puzzletage" dauerte es, bis Simetsberger das "Wildlife-Panorama" in voller Pracht bewundern konnte.

Auch Scheitern gehört dazu

Auch das Puzzle, an dem er gescheitert ist, wird der 52-Jährige nie vergessen. "Es heißt ‚Phi‘, besteht aus 2000 Teilen und unendlich vielen Zahlen", erinnert sich der Ohlsdorfer lachend. Die schier unendliche Zahlenreihe sei nicht das Problem gewesen, vielmehr dass einzelne Teileformen doppelt vorhanden waren, was eine Zuordnung unmöglich machte. Der Freude an seinem Hobby tat das keinen Abbruch. Schließlich gehört auch Scheitern zum Puzzeln. "Ein Puzzle ist vergleichbar mit dem Leben. Wenn alles am richtigen Platz ist, herrscht Harmonie", sagt Simetsberger. Darüber hinaus fasziniere ihn zu erleben, wie Stück für Stück ein Bild wachse und entstehe.

Auf 250 vollendete Puzzles und mehr als 700.000 Teile schätzt er seinen Gesamt-Output. "Das ist nicht viel. Gegen meine Spieler bin ich ein richtiges Waserl", sagt der 52-Jährige, der auch andere zum Puzzeln animieren möchte. 2013 hat er deshalb die "World Puzzle Days" (WPD) ins Leben gerufen. "Für die einen ist es ein Wettbewerb, ich sehe es auch als geselliges Zusammensein von Menschen mit der gleichen Leidenschaft auf der ganzen Welt", sagt er. 60 Tage dauern die Word Puzzle Days. In dieser Zeit gilt es möglichst viele Puzzleteile zu verbauen. Erlaubt sind Puzzles von 1000 bis 6000 Teilen. Newcomerin Erica Duijker aus den Niederlanden hat seit Anfang des Jahres 103.994 Teile zu 93 Motiven vollendet. Emma Conzáles, eine Volksschullehrerin aus Mexiko, ist bereits das vierte Mal mit von der Partie und legt täglich durchschnittlich zwei Puzzles. Sie hält bei 88.336 Teilen und 84 Puzzles, Platz zwei. Zusätzlich zu einer Einzel- gibt es eine Team- und Nationenwertung, die derzeit von Spanien angeführt wird (29.796 Teile und 52 Puzzles). Auf den ersten 17 Plätzen rangieren ausschließlich Frauen. Für Simetsberger keine Überraschung: "Obwohl die Teilnehmer jedes Jahr wechseln, ist das Verhältnis Frauen zu Männern stets 80:20."

Teilnehmer aus aller Welt

Insgesamt puzzeln in diesem Jahr 359 Teilnehmer aus 42 Ländern. Alle Kontinente sind vertreten. "Ich finde es schön, dass Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern miteinander spielen, jenseits der Vorurteile, die es vielleicht gibt", sagt der Oberösterreicher.

Startschuss der WPD ist immer am 31. Dezember mittags (MEZ). Auch Günther Simetsberger ist mit von der Partie, als einer von neun Österreichern. Der Ohlsdorfer belegt derzeit Platz 72, hält bei 12.538 Teilen und zehn vollendeten Motiven. Zum Puzzeln kommt er während der WPD nur abends oder nachts. Neben seiner beruflichen Tätigkeit im Logistikbereich fungiert er als Spiel-Administrator: Er sichtet Fotos/Videos von jedem fertigen Puzzle, die in seiner Mailbox landen, kontrolliert, ob alles mit rechten Dingen zugeht. Ein sogenanntes "Secret Symbol", das zu Beginn der WPD festgelegt wurde, soll gewährleisten, dass alle zur gleichen Zeit spielen. Die Fotos und Videos gilt es außerdem hochzuladen und zu verlinken. Darüber hinaus werden der Name des Puzzles, Hersteller und genaue Teilchenzahl in Listen eingetragen und Rankings erstellt. An die 4000 Motive von weltweit mehr als 300 Herstellern bekommt Simetsberger während der 60 Tage zu sehen.

Am Ende gibt es keinen prämierten Sieger, sondern das Los entscheidet. "Alle Spieler sollen die gleiche Chance haben, nicht nur die, die es sich leisten können. Schließlich muss sich jeder Teilnehmer die Puzzles kaufen und das kann ordentlich ins Geld gehen." Den glücklichen Gewinnern winken – wie könnte es anders sein – Puzzles.

Die World Puzzle Days sind nicht die einzige Möglichkeit für Puzzle-Fans sich auszutoben. In Belgien findet etwa jährlich eine 24-Stunden-Meisterschaft statt. Teams von vier bis zwölf Personen versuchen während eines Tages möglichst viele Puzzleteile zu verbauen. Puzzle-Hersteller Schmidt sucht jährlich Deutschlands schnellste Puzzlestadt. Dabei gilt es 60 Puzzles so schnell wie möglich zu einem groß Bilden zusammenzulegen. Derzeit hat Seligenstadt in Hessen die Nase vorn. Dort hat man die geforderte Anzahl in 37:57 Minuten geschafft.

Für Günther Simetsberger bricht nach dem 29. Februar erst einmal eine puzzlefreie Zeit an. "Sicher einen Monat lang kann ich dann kein Puzzle sehen", sagt er. Doch bald danach beginnen bereits die Vorbereitungen für die nächsten World Puzzles Days. Dann vielleicht mit mehr österreichischen Teilnehmern.

Info: wordpuzzledays.com

Puzzlewissen

Herkunft: Der Ursprung des Verbs „puzzle“ (dt. rätseln) wird in den 1590er-Jahren vermutet. Es entstammt dem altenglischen Begriff „pose“, einem bereits damals veralteten Wort für „perplex“ (dt. verblüffen, verwirren). Im Laufe der Zeit wurde dem Verb die Endung -le beigefügt, „pose“ wurde zu „pusle“ (verwirren, verwechseln). Noch heute versteht man im Englischen unter „puzzle“ allgemein ein Rätsel. Erst 1814 erhielt es die heutige Bedeutung eines Spielzeugs.

Reihen & Spalten: Ein Puzzle besteht immer aus einer bestimmten Anzahl von Reihen und Spalten, ausgenommen sogenannte Random-Cut-Puzzles, bei denen sich die Teile durch skurrile Formen auszeichnen. Nicht alle Puzzles haben exakt etwa 2000 Teile, sondern entweder etwas weniger bzw. etwas mehr.

Qualität: Hochwertige Puzzles erkennt man an der Qualität des Drucks, der Exaktheit der Stanzung, Passgenauigkeit der Teile sowie der Einzigartigkeit jedes Puzzlestücks.

Herstellung: 160 Arbeitsstunden sind für den Bau einer Stanzform für ein klassisches 1000-Teile-Puzzle bei Ravensburger notwendig.

Die Größten: Aus 48.000 bzw. 54.000 Teilen besteht das größte käuflich erhältliche Puzzle der Welt: „Travel around the World“ von Grafika (ab 399 Euro).

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