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Frankreichs "staatliche" Gotteshäuser, eine schwer lösbare Aufgabe

Von Josef Achleitner   23.April 2019

Aupetit
Der Pariser Erzbischof Michel Aupetit blickt skeptisch in die Zukunft, was die Renovierung von Notre-Dame betrifft. Es wird länger dauern, als Präsident Macron meint. 

Der Wiederaufbau, der nach Präsident Emmanuel Macrons wohl allzu optimistischem Vorsatz binnen fünf Jahren geschehen sein soll, ist also grundsätzlich gesichert. Die ungeteilte Zustimmung, die sich Macron erwartet hatte, kam nicht. Die Gelbwesten und Linkspolitiker warfen den reichen Spendern vor, für Gebäude Geld zu haben, für die Besserstellung der Menschen aber nicht.

Dass sich die Politik um dieses für das ganze Land identitätsstiftende sakrale, staatseigene Gebäude kümmert, ist freilich eine französische Spezialität, die sich seit der Revolution 1789 in mehreren Entwicklungsschritten ergeben hat. Bis zum Ende des Jahrhunderts in den Wirren der hochrevolutionären Zeit sollte die Kirche entfeudalisiert und enteignet werden, die Priester sollten sich per Unterschrift dem Staat unterordnen. Viele Revolutionäre wollten statt des Christentums eigene intellektuelle Kulte schafften. Napoleon Bonaparte schloß dann aber nicht nur mit Papst Pius VII. ein Konkordat ab, er krönte sich 1804 auch selbst zum Kaiser Napoleon I., eine Aufgabe, die zuvor dem Papst zugekommen war.

Der Laizismus, die für Frankreich so typische strikte Trennung von Kirche und Staat, entwickelte sich dem mittleren 19. Jahrhundert, als die römische Kirche sich immer mehr zum Feind der fortschrittsorientierten, teils kirchenkritischen Wissenschaft und der Demokraten machte, die unter Bürgerlichen und auch Adeligen immer mehr Anhänger gewann. 1905 erreichte der Konflikt in der strikten Trennung von Kirche und Staat durch die Republik seinen Höhepunkt: Weder Religionsunterricht noch religiöse Zeichen in den Schulen, privat wurde allen Bürgern Glaubensfreiheit zugesichert. Die Kirchen, vor allem die dominierende katholische, sollten Glaubensvereinigungen gründen und die ihnen entzogenen Sakralgebäude wieder übernehmen.

Das lehnten sie aber nach einem Verbot des Papstes, der damit organisatorisch entmachtet gewesen wäre, ab, und so blieben Besitz und Kosten für die Erhaltung der an die 40.000 Kirchen und Kathedralen beim Staat.

Misst man den klarerweise außergewöhnlich hohen, in die Milliarden Euro gehenden Schaden, den der durch einen technischen Defekt entstandene Brand nun verursacht hat, an den üblicherweise für Renovierungen zur Verfügung stehenden Mitteln, wird die Misere klar: Für 2019 wären für alle historischen Bauten Frankreichs 346 Millionen Euro vom Staat zur Verfügung gestanden. Der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein. Ein Manko, das das Musterland der Kirchengotik nicht mehr los wird.

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16. Juni 2019