Lade Inhalte...

Damals/Vor 100 Jahren

Als der Papst in Rom den "sündhaften" Tango verbot

10. Februar 2014 00:04 Uhr

Anfang 1914 erreichte die Empörung der Autoritäten über den "sündhaften Tango" auch Österreich.

Der in übel beleumundeten Einwanderervierteln Argentiniens aufgekommene Tanz mit engem Körperkontakt und völlig verpönten, mit der herrschenden Damenmode (enge lange Röcke) schwer vereinbaren weiten Schritten war über den Adel nach Europa gekommen und begeisterte die Jugend.

***

Die "Tagespost" berichtete von einem Rundschreiben des Erzbischofs von Paris, Kardinal Almette: "Dieser sehr sündhafte Tanz darf von keiner christlichen Person getanzt werden." Sollten Katholiken beichten, dass sie Tango getanzt haben, so seien ihnen härtere Bußen aufzuerlegen. In München war im Jahr zuvor ein Verbot ausgesprochen worden, in Berlin hatte Kaiser Wilhelm II. seinen Offizieren den Tanz bei Strafe untersagt. Die "Tagespost" berichtete von einem "Wink" des Obersthofmeisters an die Wiener Hofgesellschaft: Kleider mit Tangoschlitz seien Kostümfehler und bedeuteten den Ausschluss der Trägerin.

***

In Rom hatte der innerkirchlich reformerische, politisch und moralisch aber strikt antimodernistische Papst Pius X. als Bischof der Ewigen Stadt ein Verbot des Tangos ausgesprochen, ließ sich dann aber, wie die Zeitungen ausführlich berichteten, im Vatikan vom Patrizierpaar Antici Mattei eine Vorführung geben. Die fiel statt erotisierend eher angestrengt-kompliziert aus. Pius bezweifelte daraufhin, dass es sich dabei um ein Vergnügen handelte. Er ließ das Verbot in eine Empfehlung abmildern, statt des Tangos die aus der heutigen Region Friaul-Julisch Venetien kommende Furlana zu tanzen. Der ursprüngliche Bauernreigen war von Gondolieri als Karnevalstanz nach Venedig eingeführt worden, wo ihn der Papst in seiner Zeit als Erzbischof kennengelernt hatte. Die Empfehlung hatte offenbar Wirkung: Die "Tagespost" berichtete, dass in den Salons von Rom fleißig umgelernt wurde.

***

Das tatsächliche Verbot sprach nach dem Tod von Pius X. im Herbst des Jahres dessen Nachfolger Benedikt XV. aus. Der aus der verarmten Markgrafen-Familie della Chiesa in Genua stammende Benedikt war nicht nur, was die Tanzmoral betrifft, ein Gegenbild seines Vorgängers. Anders als Pius, der Kaiser Franz Josef mehrmals in seinem Kriegsentschluss gegen Serbien bestärkte, forderte er dringend den sofortigen Friedensschluss und nahm dazu Kontakt mit den Kriegsparteien auf.

***

Mit Kriegsbeginn hatte kaum jemand in Europa noch Lust auf erotische Tänze. In den 1920er-Jahren ging eine Tangowelle um die Welt, nach einem Tief in den Kriegs- und Nachkriegsjahren erlebte der "Schiebertanz" eine Renaissance, die bis heute anhält. Seit 2009 gehört der Tango zum Weltkulturerbe, dem selbst der Vatikan seinen Segen gegeben hat: "Ich liebe den Tango, weil er von innen kommt", sagte der argentinische Papst Franziskus.

 

Weitere Inhalte:

Weitere Inhalte:

Weitere Inhalte:

Weitere Inhalte:

Lädt
turned_in

info Mit dem Klick auf das Icon fügen Sie das Schlagwort zu Ihren Themen hinzu.

turned_in

info Mit dem Klick auf das Icon öffnen Sie Ihre "meine Themen" Seite. Sie haben von 15 Schlagworten gespeichert und müssten Schlagworte entfernen.

turned_in

info Mit dem Klick auf das Icon entfernen Sie das Schlagwort aus Ihren Themen.

turned_in

Fügen Sie das Thema zu Ihren Themen hinzu.

mehr aus Damals/Vor 100 Jahren

0  Kommentare expand_more 0  Kommentare expand_less