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100 Jahre 1. Weltkrieg

"Burgfrieden": Der Krieg und die Sozialdemokratie

Von Von Markus Staudinger   16. Juli 2014 00:04 Uhr

"Burgfrieden": Der Krieg und die Sozialdemokratie
Vergeblicher Pazifismus: Jean Jaurès

Nationaler Schulterschluss statt sozialistischer Internationale entzweit Europas Linke.

Der französische Sozialistenführer Jean Jaurès nahm die Friedensziele der Zweiten Internationale ernst: Das wirksamste Mittel, einem Krieg vorzubeugen, wäre "ein allgemeiner, in allen betroffenen Ländern gleichzeitig organisierter Arbeiterstreik", beschlossen Frankreichs Sozialisten am 16. Juli 1914 auf seinen Antrag hin mit 1690 gegen 1174 Stimmen auf ihrem Kongress in Paris.

Der Beschluss blieb letztlich folgenlos. Weder bei seinen Parteigenossen in Deutschland und Österreich noch in Frankreich drang das Begehr durch, als es ernst wurde. In Berlin führte Friedrich Ebert die Sozialdemokraten, in Wien Victor Adler. "Burgfrieden" war das Schlagwort für den nationalen Schulterschluss, als der Krieg ausbrach.

Rotes Ja zu den Kriegskrediten

Sowohl in Deutschland als auch in Österreich unterstützten die oppositionellen Sozialdemokraten im August 1914 die Bewilligung von Kriegskrediten – in Österreich als theoretische Fleißaufgabe, da Ministerpräsident Karl Graf Stürgkh seit März 1914 ohnehin mit Notverordnungen regierte.

In den Anfangsjahren trugen die Sozialdemokraten den Krieg mehrheitlich mit Verve mit. Es sei ja auch ein "Verteidigungskrieg" gegen das reaktionäre, zaristische Russland, argumentierte Adler gegen den linken Flügel seiner Partei, dem auch sein Sohn Friedrich angehörte.

Der sollte später im Oktober 1916 ein Attentat als martialische Form des Protests wählen: Mit drei Revolverschüssen streckt er im Wiener Restaurant "Meißl & Schadn" Ministerpräsident Stürgkh nieder. Friedrich Adler wurde verhaftet, zum Tod verurteilt, wenig später von Kaiser Karl zu 18 Jahren Haft begnadigt – und 1918 vom selben Kaiser gänzlich amnestiert.

Tod im "Café du Croissant"

Für Jean Jaurès endete das Leben unterdessen am Abend des 31. Juli 1914 abrupt. Im Pariser "Café du Croissant" wurde Jaurès vom französischen Nationalisten Raoul Villain "durch zwei Revolverschüsse in den Kopf" ermordet, wie die Tages-Post berichtete. Villain wurde nach Kriegsende von einem französischen Schwurgericht freigesprochen. Die Prozesskosten hatte Jaurès Witwe Louise zu tragen.

Auch Frankreichs Sozialisten praktizierten übrigens 1914 nach Kriegsausbruch den nationalen Schulterschluss: "Union sacrée" hieß der französische Burgfrieden, vertreten unter anderem durch zwei sozialistische Minister in der Regierung.

 

Vor 100 Jahren in der Tagespost

Auf Seite 1 bringt die Tages-Post am 16. Juli 1914 einen Bericht von einer Rede des ungarischen Ministerpräsidenten Tisza, wonach ein Krieg „ultima ratio“, also letztes Mittel, sein könne.

In Hallstatt erregt unterdessen „das Erscheinen eines exotischen Paares, dem Anscheinen nach Indier, einiges Aufsehen“, wie die Vorgänger-Zeitung der OÖNachrichten berichtet. „Die Dame trug die schöne malerische Tracht indischer Frauen.“ Nach einer Tour durch den Markt speisten die beiden im „Gasthof ,Zum Grünen Baum’, worauf sie mit dem Dampfer um 1/2 2 Uhr zu dem nach Bad Ischl abgehenden Zuge fuhren.“

Und: Geklärt ist das Rätsel um die Frauenleiche aus dem Wiener Donaukanal. Als Tatverdächtiger wurde ein gewisser Josef Fasching festgenommen.

 

Lesen Sie hier die Originalausgabe der Tagespost vom 16. Juli 1914

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