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Geschichte

Ein Denkmal des Mutes

Von Manfred Wolf   02. Februar 2019 00:04 Uhr

Zu Besuch in der Sowjetunion: Maria Langthaler wurde in der Sowjetunion, der heutigen Ukraine, gefeiert. Neben ihr die Mutter eines der geretteten Ausbrecher aus dem Konzentrationslager (mit weißem Kopftuch).

Am 2. Februar 1945 brachen aus dem Konzentrationslager Mauthausen rund 500 Häftlinge aus. Wenige Tage danach waren beinahe alle tot: erschossen, erschlagen oder erfroren. Nur wenige überlebten. Zwei davon dank des Mutes der Landwirtin Maria Langthaler – und ihrer Tochter Anna Hackl.

Kein Denkmal erinnert an sie, auch keine Auszeichnung des offiziellen Österreich. Nur eine Straße in ihrer Heimatgemeinde trägt seit wenigen Wochen ihren Namen. Und doch ist sie eine Heldin. Zwei Menschen hat sie Ende des Zweiten Weltkriegs das Leben gerettet. Zwei Ausbrechern aus dem KZ Mauthausen.

Freilich hätte alles anders ausgehen können, und niemand würde heute darüber reden. Es hätte geheißen, warum macht sie das auch. Die SS hätte die beiden Ausbrecher finden können, irgendjemand hätte sie denunzieren können – wahrscheinlich hätte der Tod auf sie gewartet. Vielleicht auch auf die ganze Familie, die geholfen hat. Doch wie durch ein Wunder geschah nichts dergleichen. Warum sie das alles riskiert hat?

Der Mut, der Maria Langthaler in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs angetrieben hat, begründet sich zum einen in ihrem christlichen Selbstverständnis: "Es ist ja meine Pflicht, Menschen zu helfen. Als Christin bin ich verpflichtet zu helfen, wenn jemand in Not ist. Der Herrgott ist für die ganze Welt da, nicht nur für die Deutschen."

Ein Denkmal des Mutes
Maria Langthalers Tochter Anna Hackl. Die Ehrenbürgerin von Schwertberg erhielt 2005 den Menschenrechtspreis des Landes Oberösterreich und im Vorjahr den höchsten Orden der orthodoxen Kirche, den ihr der ukrainische Botschafter persönlich verlieh. Annerkennungen, die sie, wie sie sagt, stellvertretend für ihre Mutter entgegennimmt.

Zum Zweiten in ihrer Herkunftsfamilie, die vom Ersten Weltkrieg gebeutelt war. Der Vater starb früh, die Brüder waren eingerückt, die Mutter krank, Maria, Mädchenname Kapplmüller, musste den Hof in Tragwein bewirtschaften und sich beim Handel durchsetzen. 1920 heiratete sie den Witwer Johann Langthaler, der bereits vier Kinder hatte, die sie, ebenso wie später die beiden Flüchtlinge, wie ihre eigenen Kinder ansah.

Und zum Dritten darin, dass sie selbst fünf Söhne im Krieg hatte. Jeden Tag, erzählt ihre Tochter Anna Hackl, sei jemand von der Familie in die Kirche gegangen, um zu beten, dass alle gesund nach Hause kämen – was sie auch taten.

Dunkles Kapitel der regionalen Geschichte

Anders als bei jener Mutter, deren Sohn sie gerettet hat. Warwara Efremonowa hatte acht Söhne im Krieg. Nur einer kam wieder nach Hause: Nikolaj Cemkalo. Er war einer jener Flüchtlinge aus dem Konzentrationslager Mauthausen, die die sogenannte "Hasenjagd" überlebt haben. Jene Menschenhatz in den ersten Februartagen 1945, die eines der dunkelsten Kapitel der regionalen Geschichte markiert.

Nikolaj fand mit Michail Rybtschinskij Zuflucht auf dem Hof von Maria Langthaler und ihrem Mann in Winden bei Schwertberg. Drei Monate hielten sie die beiden versteckt, ohne zu wissen, wann der Krieg zu Ende sein wird. Jeden Tag in Todesangst. "Ich hab die Mutter nie so viel weinen gesehen wie damals", sagt Anna Hackl, die die Erinnerung an die Heldentat ihrer Mutter groß hält – und als damals 13-jähriges Mädchen Unfassbares geleistet hat und erleben musste. Die vielen Toten, die entlang der Straßen lagen, die Unmenschlichkeit, der Druck, nur ja nichts versehentlich auszuplaudern. "Aber ich hab’ gewusst, es geht ums Leben."

Ein Denkmal des Mutes
Das Karbyschew-Denkmal, das von Alois Langthaler ausgeführt wurde. Der General wurde im KZ Mauthausen in einer frostigen Nacht vom 17. auf 18. Februar mit Wasser bespritzt, bis er erfror.

"Dass das Blut davongespritzt ist"

Alfred, einer der Söhne von Maria Langthaler, war aufgrund einer Augenverletzung nicht im Krieg. Er musste mit dem Volkssturm in diesen Tagen nach den Entflohenen suchen. Eines Tages kam er nach Hause und schilderte: "Du glaubst nicht, wie die Menschen arm sind. So hilflos und so grausig werden sie hingemordet. Mit dem Gewehrkolben haben sie diesen erschlagen, dass das Blut davongespritzt ist."

Auch aufgrund dieser Erzählungen fasste Maria Langthaler den Entschluss, zu helfen, wenn jemand bei ihr anklopfte, schilderte sie am 6. Februar 1973 dem Heimatforscher Peter Kammerstätter, der akribisch Gespräche mit Zeitzeugen aufgezeichnet hat. "Ich habe bei mir gedacht, wenn es den meinen im Feindesland auch so geht wie bei uns, ist es schrecklich. Wenn zu mir welche kämen, ich ließe sie nicht umbringen, ich würde ihnen das Leben retten."

Es sind nicht fünf Minuten vergangen, "da hat mich der Herrgott beim Wort genommen", schilderte Maria Langthaler. "Es hat rückwärts leise geklopft ... Ich bin zur Tür, mache sie auf und es steht eine Gestalt draußen ... Er sagte, er sei ein Dolmetscher aus Linz ... Aber ich habe ihn schon ... erkannt. Ich habe ihn am Oberarm genommen. Ich spürte nur den Knochen, komm herein."

Es war Michail, ein ukrainischstämmiger Offizier, der sich aufgrund seiner jüdischen Abstammung radebrechend vor Maria Langthaler erklären konnte – freilich ohne zu sagen, dass er ein Flüchtling sei. Später sollte er sagen, sein Herz habe dafür gesprochen, bei diesem Hof zu klopfen.

"Du Blunzen", sagte ihr Mann, als sie ihn bat, ihn zu beschützen. Anna Hackl erinnert sich noch gut an den Dialog ihrer Eltern:

"’S is ana då."
"Jå, i håb’s g’hört."
"Höf ma eam?"
"’S geht net. Du waßt, wås då drauf is. Wir kuman ålle draun."
"Und wås, waun unsere Buam a Hüfe brauchat’n?"
"Tua wås d’ wüst, oba de Verauntwortung muaßt du trågn. Für de gaunze Familie."

Und sie halfen.

Am nächsten Tag, einem Sonntag, gingen die beiden mit Anna zur Kirche. Auf dem Weg begegneten sie einem SS-Trupp, der Richtung Winden unterwegs war. "Und das Geschirr war noch auf dem Heuboden", sagt Anna Hackl. "Also hat mich meine Mutter nach Hause geschickt." Sie und ihrer Schwester Maria holten das Geschirr und bedeckten die beiden mit Stroh. "Es ist ein Wunder, dass die Hunde keine Witterung aufgenommen haben. Die beiden waren am Gred, im Stadl und in der Küche. Und nichts haben die Hunde geschnuppert. Wir haben immer gesagt, es hat halt sein wollen, dass ein paar davonkommen."

Ein Denkmal des Mutes
Am Sonntag nach Kriegsende ging Familie Langthaler in die Kirche und danach zum Fotografen, wo dieses Bild entstand. Vorne Maria Langthaler und ihr Mann Johann sowie Tochter Maria. Hinten: Sohn Alfred, Nikolaj Cemkalo, Tochter Anna, Sohn Josef und Michail Rybtschinskij.

Tags darauf wurde erneut gesucht, die beiden wurden am Dachboden versteckt. Unten in der Stube servierte Maria Langthaler dem Suchtrupp Most und Jause, um sie von der Suche abzuhalten. Es gelang, danach waren die Suchaktionen vorbei. Bis auf wenige waren alle der rund 500 Flüchtlinge tot.

Doch die Gefahr hielt an. Zwar wusste Maria Langthaler als Schwarzhörerin gut über den Frontverlauf Bescheid, wann der Krieg zu Ende sein würde, stand jedoch in den Sternen. Nicht einmal ihren Sohn, der auf Heimatlazaretturlaub im nahen Perg war und zu Hause wohnen durfte, weihte sie ein. "Der Vater hat gesagt, er kämpft gegen die Russen, wir sagen nichts."

Mit den Wochen wurden sie auch unvorsichtig. Michail und Nikolai halfen am Hof mit. "Wir hatten ja keinen Vierkanter, jeder konnte hereinsehen", sagt Anna Hackl. Und das geschah auch eines Tages, als die beiden Holz schnitten, der Vater war in der Arbeit, er war Steinbruchaufseher im nahen Windegg. Ein Nachbar fragte, wer denn das sei, und Maria Langthaler antwortete nur: "Ich kenne sie nicht, der Vater hat sie vom Steinbruch geschickt – lauter Lügen, immer hab ich gelogen."

"Wir sollen krepieren"

Als der Krieg zu Ende war, bedeutete das für die ganze Familie viel. Michail und Nikolaj waren noch einen Monat in Schwertberg, hinterließen einen Brief, in dem sie alles schilderten, und kamen dann in ein Filtrationslager nach Zwettl in Niederösterreich. Danach verlor sich jede Spur. Die einzigen Briefe, die sie im Zusammenhang mit der Rettung der beiden bekamen, waren Schmähbriefe. Anonym. "Krepier!", riet man der Familie.

1962 wurde im ehemaligen Konzentrationslager ein neues Denkmal für General Karbyschew enthüllt, handwerklich ausgeführt von Alois Langthaler, dem Bruder von Anna Hackl. Dort kam dieser mit einem sowjetischen Botschaftsangehörigen in Kontakt. Er erzählte von der Rettungsaktion seiner Familie und zeigte den Brief her. Die beiden waren rasch ausgeforscht, und 1964 – 19 Jahre danach – kam es zu einem Wiedersehen im Zuge der Befreiungsfeier in Mauthausen.

1967 wurde Maria Langthaler zu einem Gegenbesuch in die heutige Ukraine eingeladen, wo die bereits 79-Jährige die Mutter von Nikolai kennengelernt hat. "Es war ein großer Empfang", sagt Anna Hackl. "Meine Mutter hat so ergreifend davon berichtet. Sie hat gesagt ‚Mein Gott, das Weibi hat mich fast zerdrückt.‘ Sie hat meine Mutter immerzu gedrückt, sie war ja selbst ein kleines Weibi, aber meine Mutter hatte keinen Fuß mehr auf dem Boden. Aber kein Wunder, Nikolai war auch der einzige ihrer Buben, der überlebt hat. Kann man sich das vorstellen, acht Kinder ziehst du groß und nur eines überlebt." Der Vater, die ganze Familie, waren zeitlebens stolz auf Maria Langthaler. "Sie war eine starke Frau", sagt ihre heute 87-jährige Tochter, die die Letzte der Familie ist – sie hatte sechs Brüder und zwei Schwestern – und immer noch unermüdlich durch das Land fährt, um an diese Geschichte zu erinnern.

Nikolaj Cemkalo lebte noch bis 31. Oktober 2002, Michail Rybtschinskij bis 7. Februar 2008. Maria Langthaler, die am 12. Februar 1975 starb, hatte ihnen noch viele Jahre geschenkt. Ihr gebührt ein Denkmal.

 

Die Mühlviertler Hasenjagd

Überlebende waren in der Sowjetunion anfangs Verräter – 14 an der Hatz beteiligte Zivilpersonen wurden zum Tode verurteilt beziehungsweise kamen im Gulag ums Leben.

Mariä Lichtmess, 2. Februar 1945, 0.50 Uhr. Minus acht Grad. Über das ganze Land hat sich eine friedliche Schneedecke gelegt. Plötzlich fallen Schüsse, die Sirene heult. Knapp 500 russische Offiziere brechen aus dem Konzentrationslager Mauthausen aus. Die meisten von ihnen werden an Ort und Stelle erschossen.

Halb verhungert und ausgemergelt sammeln sie ihre letzten Kräfte, um dem sicheren Tod zu entkommen. Sie wissen, sie befinden sich im Block 20 des Konzentrationslagers Mauthausen, dem Todesblock. „K-Häftlinge“ werden sie genannt, das „K“ steht für Kugel. Nach einer kurzen Ansprache, die mit „Vorwärts für die Heimat“ endete, reißen sie die Fenster der Baracke auf, bewerfen den Wachposten mit Steinen, schließen den mit Strom gesicherten Stacheldraht auf einer hohen Mauer mit nassen Fetzen kurz und klettern, so sie nicht schon vorher erschossen werden, in die Freiheit. Doch diese währt nur kurz. Die dann folgende Hatz ging als sogenannte „Mühlviertler Hasenjagd“ in die Geschichtsbücher ein.

Die Mühlviertler Hasenjagd
Historiker Matthias Kaltenbrunner
 

Lagerkommandant Franz Ziereis verständigt die Gendarmerie in den umliegenden Orten. Gemeinsam mit Volkssturm, Hitler-Jugend und SS wird Jagd auf die Ausbrecher gemacht. Schwerverbrecher seien ausgebrochen, heißt es – sie seien zu erschlagen oder zu erschießen. „Mit Gefangenen macht ihr mir keine Freude“, sagt Ziereis. Die Menschen sind verängstigt – immerhin sind die Russen von den Nazis als barbarisches Feindbild aufgebaut worden. Viele aus der Zivilbevölkerung machen bei der Hatz mit. Wenige Stunden nach dem Ausbruch sind die meisten Flüchtlinge tot.

„Wären es französische Häftlinge gewesen, wäre das aufgrund der Rassenideologie undenkbar gewesen“, sagt der Historiker Matthias Kaltenbrunner, der in seinem beeindruckenden Buch „Flucht aus dem Todesblock“ schreibt, dass nur von acht Flüchtlingen das Überleben gesichert sei. Er vermutet jedoch, dass es knapp 20 waren. „Man muss bedenken, dass die Überlebenden stigmatisiert waren“, sagt er. „Darum haben sich die von den Langthalers geretteten Michail und Nikolai nicht gemeldet, als es Aufrufe in der Sowjetunion gab. Sie galten als Verräter, die im Krieg nicht alles für ihr Land gegeben hatten.“

Erst nach der Entstalinisierung unter Chruschtschow gab es eine Zäsur. In einer Geheimrede gab er zu, dass den Kriegsgefangenen Unrecht geschehen sei – einige kamen sogar in den Gulag. Plötzlich wurden ihre Heldengeschichten aufgeschrieben. Sechs der „Hasenjagd“-Überlebenden meldeten sich auch, nicht aber Michail und Nikolaj. Sie wurden erst 1963 ausgeforscht, als die Geschichte der Familie Langthaler publik wurde.

Freilich gibt es nicht nur die Familie Langthaler als positives Beispiel, auch andere haben geholfen – sei es, dass sie Lebensmittel vor die Tür gestellt oder Wäsche draußen aufgehängt haben.

Nach Kriegsende wurde 30 Zivilpersonen, die sich an der „Hasenjagd“ beteiligt hatten, der Prozess gemacht.

Einige kamen diesem zuvor und begingen Selbstmord, andere wurden gelyncht. 14 Zivilisten wurden zum Tode verurteilt beziehungsweise kamen im Gulag ums Leben. (wm)

Fluchtrichtung der „K-Häftlinge“

Die meisten „K-Häftlinge“ kamen nicht über einen 8-Kilometer-Radius hinaus. Von acht Überlebenden gibt es exakte Aufzeichnungen. Laut SS waren 19 der rund 500 geflohenen Häftlinge unauffindbar.

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„Ich dachte, jetzt ist es vorbei“

Vor 25 Jahren, im Jänner und Februar 1994, drehte der Welser Andreas Gruber den Film "Hasenjagd – Vor lauter Feigheit gibt es kein Erbarmen". Mit Manfred Wolf sprach er über einen schwierigen Dreh.

Beim Filmfestival in San Sebastián 1994 gewann "Hasenjagd" einen der Hauptpreise. Am 1. Februar 1995 kam er in die österreichischen Kinos und wurde zum erfolgreichsten österreichischen Film des Jahres. Der Film erzählt die Geschichte von Familie Langthaler, den Gräueln der Hasenjagd und den zwei russischen Offizieren, die Maria Langthaler ihr Leben verdankten.

Welche Erinnerungen haben Sie an die Zeit im Mühlviertel?

Gruber: Wir hatten zu wenig Geld und brutal harte Dreharbeiten. Es war ein Winter fast ohne Schnee. Eines Abends saßen wir zusammen – um Abschied zu feiern, weil es keinen Sinn mehr gehabt hat. Doch dann wurde fürs Wochenende Schneefall angekündigt.

"Ich dachte, jetzt ist es vorbei"
"Wir mussten einen Wachdienst engagieren. Und dann kamen die mit Springerstiefeln, Bomberjacken und Schäferhund.“ Andreas Gruber, Regisseur

Und der kam?

Ja, anfangs. Wir sollten die Szene drehen, in der die SS mit den Hunden zum Haus der Karners (Filmname der Familie Langthaler, Anm.) ging. Da fing es zu regnen an. Volkmar Kleinert (er spielte den Familienvater, Anm.) hatte ein Engagement in Berlin, er durfte nur bleiben, wenn wir eine Pönale von 250.000 Schilling zahlen würden, sollte er nicht rechtzeitig ankommen. Also haben wir ausgerechnet, wann er wegfahren muss, um pünktlich am Flughafen zu sein – 11 Uhr. Wir haben um 7 Uhr zu drehen begonnen. Das Wetter musste bedeckt sein, und was passierte? Die Sonne kam heraus. Auch die Hunde waren so scharf. Einer biss Elfriede Irral (Maria Karner). Mit Ach und Krach hatten wir bis 11.15 Uhr alles gedreht, später kam der Anruf aus Berlin, die Aufführung sei abgesagt, und der Wagen mit Volkmar kam zurück.

Sie haben auch in Tschechien gedreht, warum?

Orte wie damals gab es bei uns nicht mehr, also haben wir in Slavonice gedreht. Selbst dort mussten wir die Dächer mit Planen abdecken, Antennen abmontieren. Als ich ankam, herrschte eine Frühlingsanmutung, die Vögel zwitscherten. Ich dachte, jetzt ist es vorbei. Doch dann begann die Ausstattung, Schneeberge wurden gemacht, und als die Dämmerung kam, hat es funktioniert.

Sie haben auch im ehemaligen Konzentrationslager gedreht, wie war es dort?

Die Ausbruchsszene war heikel – physisch wie psychisch. Wir haben im Todesblock gedreht, mussten einen Wachturm wieder aufbauen. Dafür musste ein Zaun entfernt und das Sicherheitssystem unterbrochen werden. Also engagierten wir einen Wachdienst. Und dann kamen die mit Springerstiefel, schwarzen Bomberjacken und Schäferhund ... Dann gab es Probleme mit der Kamera, und als der Stunt-Koordinator den Komparsen gezeigt hat, wie sie über die Mauer klettern sollten, fiel er zu Boden – er hatte einen epileptischen Anfall. Wir waren an der Grenze der Belastbarkeit.

Was hat Sie besonders gerührt?

Sehr nah ging mir die Szene, in der meine Tochter, sie spielte die junge Anna Hackl, von ihren Eltern auf dem Weg zur Kirche zurückgeschickt wird, weil die SS zu ihrem Hof unterwegs war. Da spielte sie nicht mehr die Anna, sie war wirklich den Tränen nah.

Welches Bild haben Sie sich von Maria Langthaler gemacht?

Sie war eine tolle Frau, über die Maßen mutig. Aber es hat bis Februar 1995 gedauert, bis Bundespräsident Thomas Klestil erstmals diese Familie offiziell als großartiges Beispiel genannt hat. Später erhielt Anna Hackl den Menschenrechtspreis. Das war sehr wichtig.

Sie hatten auch das Material von Peter Kammerstätter, der in den 1970er-Jahren zig Zeitzeugengespräche geführt hatte.

Ich habe nach Kammerstätter recherchiert und saß dann auf 1500 Seiten Material. Ich hätte zehn Filme machen können. Dann las ich einen Artikel über ein Holocaust-Memorial in Chicago. Ein Rabbiner, Rosenzweig hieß er, hatte es in den 1980er-Jahren eingerichtet. Seine Familie wurde im Holocaust ausgerottet. Er ließ die Besucher einen Fragebogen ausfüllen. Eine Frage lautete: "Haben Sie noch Vertrauen in die Menschheit?"

Und?

Er war fertig, weil 95 Prozent hatten es nicht mehr. Doch das, so sagte er, könne nicht die Absicht sein. Also hat er daneben ein Haus für die Gerechten errichtet, um das Gute darzustellen. Das war mein Schlüsselerlebnis: Was sind die menschlichen Möglichkeiten? Von dem, der in Blutrausch verfällt, bis zu dem, der Leben rettet, und alles, was es dazwischen gibt. Das ist im Film zu einer Fragestellung geworden – wo würde ich mich einsortieren?

Der Film hat den Zusatz "Vor lauter Feigheit gibt es kein Erbarmen". Der Satz stammt vom damaligen Pfarrer Rathgeb aus Allerheiligen. Ist das, was passiert ist, die Schattenseite, die jeder Mensch in sich hat?

Ich tue mir schwer mit dem Satz "Da sieht man, wie dünn die Decke der Zivilisation ist". Es ist differenzierter, es gibt Menschen, die empathisch bleiben, dann gibt es die Ebene des Schockiert-, des Betroffenseins. Und das waren viele. Aber wie viel traue ich mich dann? Es gibt genug Menschen, die darauf anfällig sind, aber es ist nicht zu generalisieren. Es gibt Zwischenstufen, es muss sich nicht alles im Extremen abspielen. Was mich mehr irritiert, wenn ich den Bogen zu heute spanne, ist, dass sich das geändert hat, dass die Menschen wenig riskieren, wenn sie Stellung beziehen. Das macht mir eher Probleme. Dass man aus sicherer Position heraus sagt, da muss ich mich nicht einmischen.

 

 

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