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Tagespost

Genie, Spinner, Scharlatan

Von Alfons Krieglsteiner   16. April 2015

Schloss Aurolzmünster präsentiert sich heute in neuem Glanz.

Karl Schappeller: Geboren im Armenhaus, brachte er es in den 1920er-Jahren mit seiner Beredsamkeit und seinen pseudowissenschaftlichen Ideen bis zum Schlossherrn von Aurolzmünster.

  • Karl Schappeller: Geboren im Armenhaus, brachte er es in den 1920er-Jahren mit seiner Beredsamkeit und seinen pseudowissenschaftlichen Ideen bis zum Schlossherrn von Aurolzmünster

Karl Schappeller

Aus Stein wollte er mit einer geheimnisvollen "Raumkraft" Elektrizität gewinnen, aus dem Erdinneren Silber und Platin nach oben fördern und Blei in Gold verwandeln. Kraftzentralen, die in Zehn-Kilometer-Abständen übers Land verteilt werden, sollten durch ihre Strahlung die Witterung lenken und Naturkatastrophen verhindern. Und im Schloss Aurolzmünster im Bezirk Ried suchte er nach dem Grab des Hunnenkönigs Attila, in der Hoffnung, Goldschätze zu finden: Karl Schappeller, der 1875 in einem Armenhaus geboren wurde.

 

Genie, Spinner, Scharlatan

Der gelernte Tischler avancierte nach dem Militärdienst zum Postmeister von Attnang-Puchheim. 50 Jahre war er alt, als er wegen einer diagnostizierten Geisteskrankheit in den Ruhestand geschickt wurde und im September 1925 die Schlossruine von Aurolzmünster erwarb. Zwei Jahre später zog er mit seiner vierköpfigen Familie dort ein.

"Man hatte die Marmorteile der Ruine entfernt und durch eine Holzkonstruktion ersetzt, damit er den Kaufpreis aufbringen konnte", berichtet Johann Spitzlinger (68), der frühere Amtsleiter von Aurolzmünster. Doch schon bald konnte Schappeller mit Geld nur so um sich werfen: Der deutsche Kaiser und das englische Königshaus finanzierten seine "Raumkraft"-Phantasien. Als diese Geldquellen versiegten, gewann er neue: eine Münchner Arztfamilie, einen Fabrikanten, einen deutschen Fürsten.

Bis zuletzt blieb er auf der Sonnenseite des Lebens. 1936 kam es zu einem Konkursverfahren, 1938 flüchtete er ins Ausland. Doch nach dem Krieg kehrte er zurück, erhielt sein Schloss wieder und starb 1947 als Schlossherr. Auf dem Friedhof von Aurolzmünster liegt er begraben. Für die Kosten der Grabstelle kommt seine ehemalige Haushälterin auf, die ihren Lebensabend in Eberschwang verbringt.

Der Mythos verblasst

War er ein Genie? Ein Sprücheklopfer? Oder einfach eine "merkwürdige Persönlichkeit", wie es der Linzer Historiker Roman Sandgruber ausdrückt? Esoterisch und skurril, so empfanden ihn die Bewohner von Aurolzmünster. Heute ist er weitgehend aus dem Gedächtnis der Bevölkerung verschwunden, nur noch sporadisch ist von ihm die Rede.

Zeitgenossen, denen er im Schloss Audienz gewährte, beschreiben ihn als großen, breitschultrigen Mann mit welligem, blondem Haar und einem durchdringenden Blick. Zutritt zu seinem Labor, in dem er angeblich seine physikalischen Versuche durchführte, gewährte er niemandem, in der Wissenschaft fand er keine Anerkennung. Die Innviertler Regisseurin Angela Summereder hat sich jetzt auf die Spuren des "Mythos Schappeller" begeben. Ihr Dokumentarfilm über sein Leben soll heuer im Sommer fertig werden.

 

Interview

Nachgefragt bei Johann Spitzlinger

Ex-Amtsleiter, Aurolzmünster.

  1. OÖN: Ist die Erinnerung an Schappeller im Ort noch präsent?


    Spitzlinger: Älteren Aurolzmünsterern ist er noch ein Begriff. Die meisten halten ihn für einen Spinner und Phantasten. Aber in der Zwischenkriegszeit hatte er sogar Kontakt zum englischen Königshaus, das ihn finanziell unterstützte. Gerüchte um seine angebliche Erfindung gibt es bis heute, herausgekommen ist aber nie etwas.
  2. War das Schloss nach seinem Tod 1947 noch bewohnt?


    Nach seinem Tod lebte seine Tochter Angie im Schloss, sie war sehr zurückgezogen, hat das Schloss kaum jemals verlassen. Meistens sah man sie an einem Fenster stehen.
  3. Wie ging es mit Schloss Aurolzmünster weiter?


    Nach dem Krieg hatte Schappeller nie Geld, das Schloss verfiel. Ein Münchner Kaufmann hat es dann um 200.000 Schilling erworben. Als Amtsleiter habe ich 1985 ein Notsanierungsprogramm initiiert. 1997 wurde durch den neuen Besitzer Georg Spiegelfeld mit der Gesamtrenovierung begonnen, 2004 wurde sie abgeschlossen.
  4. 8,2 Millionen Euro wurden investiert. Und heute?


    Heute präsentiert sich das Ensemble in neuem Glanz, Besitzer ist eine Verwaltungs-AG mit Vorstand Carl Georg Buquoy. Die Gemeinde hält noch einen Anteil von 28 Prozent an der Gesamtanlage. Schappeller ruht in einem großen Grab auf dem Friedhof Aurolzmünster – wie es einem Schlossbesitzer gebührt.

 

Das Jahr 1927

  • 30. Jänner: Beim Überfall von Frontkämpfern auf Angehörige des Republikanischen Schutzbundes in Schattendorf (Burgenland) werden zwei Sozialdemokraten getötet.
  • 15. Juli: Die drei Angeklagten des Anschlags von Schattendorf werden freigesprochen. Bei den folgenden Massenprotesten sterben 84 Demonstranten, der Justizpalast in Wien geht in Flammen auf.
  • 21. Mai: Nach einer Flugzeit von 33,5 Stunden landet der in New York gestartete Postflieger Charles Lindbergh in Paris. Es ist die erste Solo-Nonstop-Überquerung des Atlantiks.
  • 8. Oktober: Der aus Wels gebürtige Psychiater Julius Wagner-Jauregg erhält in Stockholm den Nobelpreis für Medizin.
  • 26. Oktober: Der Exportkaufmann Gustav Schickedanz lässt das neu gegründete Versandhaus „Quelle“ ins städtische Vereinsregister von Fürth in Bayern eintragen.

 

 

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