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Tagespost

Ein blutiger Fasching: Die Kämpfe des Februars 1934

Von Markus Staudinger und Hannes Fehringer   12. Februar 2015

Februar 1934 - Archiv der Stadt Linz

LINZ. Die ersten Schüsse fielen in Linz: Am 12. Februar bricht ein blutiger Bürgerkrieg aus - die Kämpfe dauern drei Tage, fordern mehr als 300 Todesopfer.

  • Die ersten Schüsse fielen in Linz: Am 12. Februar bricht ein blutiger Bürgerkrieg aus - die Kämpfe dauern drei Tage, fordern mehr als 300 Todesopfer.

Bürgerkrieg

Der Rosenmontag beginnt als trüber Wintertag, das Thermometer steht auf 1,5 Grad plus. In den Linzer Gaststätten bereitet man sich auf die letzten Faschingstage des Jahres 1934 vor. Doch zum Feiern sollte man nicht kommen. Am 12. Februar um sieben Uhr früh fallen Schüsse in der Landstraße. Schauplatz ist das Hotel Schiff, das Parteiheim der Sozialdemokraten. Die Polizei war wieder einmal auf der Suche nach Waffen angerückt.

Die Sozialdemokratie selbst ist unter der autoritären Regierung des Kanzlers Engelbert Dollfuß zwar noch erlaubt, der Schutzbund, ihre bewaffnete Organisation, aber verboten – anders als die Heimwehren, die bewaffneten Einheiten auf christlich-sozialer Seite.

Schon tags zuvor hatte der Linzer Schutzbundführer Richard Bernaschek in einem Brief an die Wiener SP-Führung Widerstand gegen weitere Hausdurchsuchungen angekündigt. Die Parteispitze will ihn einbremsen, doch das findet bei ihm kein Gehör mehr. Das Hotel Schiff ist am 12. Februar schnell von Polizei und Militär umstellt. Eine Maschinengewehrkompanie geht auf dem Dach des Karmelitenklosters in Stellung. Die Landstraße ist von der Spittelwiese bis zur Mozartkreuzung gesperrt.

„Von beiden Seiten wurden gegen hundert Schüsse gewechselt“, notierte die Tagespost. Gegen Mittag nimmt das Bundesheer das Hotel Schiff ein. „Die Aufständischen ergaben sich“, schreibt die Tagespost. „Sie mussten die Eskorte durch die Landstraße mit erhobenen Händen antreten“

Anderswo gehen die Kämpfe jetzt erst los. In Linz werden Parkbad, Jägermayrhof, Urfahr, Diesterwegschule und Bulgariplatz (damals Polygonplatz) zu Kampfschauplätzen. Weitere Brennpunkte der Februarkämpfe in Oberösterreich sind die von Arbeitslosigkeit geplagte Stadt Steyr und das Hausruck-Kohlerevier.

In Steyr nimmt der Schutzbund das Auto des Direktors der Steyrerwerke, Wilhelm Herbst, unter Beschuss. Herbst wird getötet. In Holzleithen (Gemeinde Ottnang im Hausruck) ist die Bühne des Arbeiterheims für ein Faschingsfest dekoriert. Heimwehr und Militär stürmen am 13. Februar das Heim, stellen sechs Schutzbund-Sanitäter auf die Bühne und eröffnen das Feuer. Vier der sechs Arbeiter sind auf der Stelle tot.

Neben Oberösterreich ist es vor allem Wien sowie die obere Steiermark, wo die heftigsten Kämpfe toben. Doch der von der Sozialdemokratie erhoffte Generalstreik bleibt aus. Am 15. Februar sind alle Kämpfe beendet.
Insgesamt fordern die Auseinandersetzungen österreichweit mehr als 330 Tote. Dollfuß, der ein Jahr zuvor das Parlament in Wien ausgeschaltet hat, verbietet die Sozialdemokratie endgültig – und formt die Republik zum austrofaschistischen Ständestaat.

 

"Ihr rotes Gesindel, hinaus mit euch!"
Altbürgermeister Franz Weiss (95)

Interview

„Ihr rotes Gesindel, hinaus mit euch!“

Der Steyrer Altbürgermeister Franz Weiss (95) erlebte die Tage der Februarkämpfe, bei denen sein Vater erschossen wurde. Die Arbeiterfamilie Weiss stürzte in die Armut. Die Mutter nähte Hemden und Röcke, der Vater verdiente als Hausmeister bei der Gebietskrankenkasse in Linz das tägliche Brot für die Arbeiterfamilie im Garstner Kraxenthal. Johann Weiss wurde in der Linzer Bethlehemstraße bei den Februarkämpfen 1934 hinterrücks von einem Heimwehrmann erschossen. Die Familie stürzte von einem Tag auf den anderen in die Armut. Franz Weiss (95), Bürgermeister von Steyr zwischen 1974 und 1984, erinnert sich an die Schicksalstage.

  1. Wann haben Sie Ihren Vater das letzte Mal lebend gesehen?


    Jedes Wochenende ist unser Vater heimgekommen und jeden Sonntag wieder nach Linz gefahren, da hat er ein Zimmer gehabt und als Hausmeister bei der Gebietskrankenkasse gearbeitet. Am 11. Februar bin ich mit ihm von Kraxenthal zum Bahnhof gegangen und er hat gesagt, dass er jetzt eine Wohnung für uns in Linz gefunden hat und für mich einen Lehrplatz als Rauchfangkehrer. Aber zuerst, so hat er gesagt, „Passt’s auf, morgen wird etwas passieren. Geht’s nicht außer Haus und die Mutter soll auch nicht einkaufen gehen. Wartet’s ab, was geschieht.“ Da habe ich gesagt: „Vater, was soll denn geschehen?“ Und er darauf: „Nein, das kann ich dir nicht sagen.“

  2. Ihr Vater ist dann am 13. Februar in der Bethlehemstraße erschossen worden.

    Zwei Tage später stand der Sekretär von der Gewerkschaft vor der Tür und verständigte meine Mutter, dass der Vater verletzt im Spital liegt. Er war außerhalb von dem Gebäude auf der Straße, warum und wieso wissen wir nicht. Wir wissen auch nicht, wer der Schütze war, der ihn von hinten angeschossen hat. Mein Vater ist mit einem Bauchschuss, der seine Gedärme zerfetzt hat, auf der Straße zusammengebrochen. Die Heimwehr hat zwei Stunden keine Rettung zu ihm gelassen und sogar die Rettung mit Schreckschüssen verjagt. Am nächsten Tag, am 14. Februar, ist alles in eine Sepsis übergegangen und er starb.

  3. Wie haben Sie das Begräbnis in Erinnerung?


    Schon am Freitag haben wir das Begräbnis gehabt, er ist aufgebahrt gewesen in der Feuerhalle. Ich habe im offenen Sarg noch einmal sein halb gelb und weißes Gesicht gesehen, wie er ausgeblutet war. Wir waren nur sechs Verwandte, die zum Begräbnis durften. Die Heimwehr hat mit aufgepflanztem Bajonett einen Sperrriegel zum Friedhof errichtet, weil sie eine Zusammenrottung gefürchtet haben. Die Volksseele hat ja gekocht. Nicht einmal meinen Bruder haben sie zum Begräbnis gelassen. Sie hatten ihn eingesperrt, nachdem er als Wehrturner bei den Auseinandersetzungen dabei gewesen war.

  4. Das Leben musste weitergehen. Sie haben dann einen Lehrplatz bei den Steyr-Werken bekommen – aber mit Widerständen.

    Ich wurde nach den Februartagen als Kind in die Schweiz verschickt. Als ich zurückkam, hieß es, ich bekomme einen Lehrplatz in den Steyr-Werken. Beim Vorstellungsgespräch bei Personalchef Wünsch trug meine Mutter noch den Trauerflor. Er fragte: „Sie haben einen Trauerfall?“ Meine Mutter antwortete: „Ja, mein Mann, bei den Februarkämpfen.“ Da sagte er, der Hauptmann bei der Heimwehr war: „Als treuer Kämpfer für die Heimat ist er gefallen.“ Meine Mutter sagte: „Beim Schutzbund war er.“ Da sprang er auf, wurde fuchsteufelswild und schrie: „Ihr rotes Gesindel, schauts, dass ihr hinauskommt.“ Aber der Prokurist Dr. Runkel, der bei der evangelischen Gemeinde Kurator war, erfuhr vom evangelischen Pfarrer Fleischmann, der SP-Mitglied war, über unser Schicksal. Er verhalf mir zu der Schlosserlehre, bei der ich zwei Schilling Wochenlohn zum Einstieg bekam.

  5. Das Hemd ihres Vaters trugen Sie dann als Lehrbub zur Arbeit.


    Wir sind von einem Tag zum anderen in die Armut abgestürzt. Meine Mutter stopfte das Einschussloch und ich trug das Flanellhemd noch lange. Für die Füße hatte ich nur meine Arbeitsschuhe, die ich auch am Sonntag getragen habe.

Was wurde aus...?

Was wurde aus...?

Die Vorgeschichte zum Februar 1934:  Im März 1933 schaltet Kanzler Engelbert Dollfuß unter einem Vorwand das Parlament aus - und regiert per Notverordnung. In der Folge lässt Dollfuß Aufmärsche untersagen (auch den 1. Mai-Aufmarsch), verbietet KPÖ, NSDAP und den Schutzbund, die bewaffneten Einheiten der SP. Die Heimwehren, die paramilitärischen Einheiten auf konservativer Seite, bleiben dagegen erlaubt und gewinnen immer mehr an Einfluss. Sie beteiligen sich neben Polizei und Heer an den Hausdurchsuchungen im SP-Umfeld.

  • Der Schutzbündler - Richard Bernaschek: Richard Bernaschek wurde am 12. Februar verhaftet. Am 3. April 1934 gelang ihm die Flucht. Nach Stationen in NS-Deutschland und der Tschechoslowakei kehrt er 1939 nach Österreich zurück. 1944 wird er von den Nazis verhaftet, im April 1945 im KZ Mauthausen ermordet. Sein Bruder Ludwig Bernaschek ist in der Nachkriegszeit von 1945 bis 1969 Landeshauptmann-Stellvertreter (SP).

  • Der Ständestaat-Kanzler - Engelbert Dollfuß: Der christlich-soziale Kanzler Engelbert Dollfuß, der diktatorisch regierte, vollendet nach den Februarkämpfen den Umbau der Republik zum austrofaschistischen Ständestaat. Am 25. Juli 1934 wird Dollfuß bei einem Putschversuch der Nationalsozialisten im Kanzleramt erschossen. Kurt Schuschnigg folgt ihm als Kanzler. Der Ständestaat hat noch bis zum NS-Einmarsch 1938 Bestand.

  • Die Nachkriegspolitiker - E. Koref, H. Gleißner: Ernst Koref war 1934 geschäftsführender SP-Landeschef - Bernascheks Pläne soll er nicht goutiert haben. Nach dem Krieg prägte er als Linzer Bürgermeister Oberösterreichs SP. Auf konservativer Seite löst am 20. Februar Heinrich Gleißner den als „zu konziliant“ kritisierten Landeshauptmann Josef Schlegel ab. Gleißner wird - geläutert zum Demokraten - als VP-Landeshauptmann (1945 bis 1971) das Land prägen.

  • Der Heimwehrmann - Ernst R. Starhemberg: Heimwehrführer Ernst Rüdiger von Starhemberg, der mit seinen Verbänden maßgeblich an der Niederschlagung der Aufstände beteiligt war, wird 1934 Vizekanzler an der Seite Dollfuß. 1936 überwirft er sich mit Dollfuß’ Nachfolger Schuschnigg - und zieht zuerst in die Schweiz, während der NS-Zeit dann nach Frankreich und Argentinien. Er kehrt erst 1955 nach Österreich und stirbt ein Jahr später

Der Februar 1934 in der Tagespost 

2. Februar: Das Alpenkasino am Semmering in Österreich wird eröffnet. In diesem Spielkasino dürfen nur Ausländer spielen.

7. Februar: Rettung in letzter Minute: Auf dem Hallstättersee bricht der 13-jährige Josef Greunz durchs Eis. Hilfsarbeiter Josef Wallmann holt den Buben unter eigener Lebensgefahr aus dem Wasser

9. Februar: Zum des Abschlusses des 17. Parteikongresses der KPdSU wird auf dem Roten Platz in Moskau eine Parade veranstaltet. Mehr als 500 Panzer fahren vor.

11. Februar: Österreichs Fußball-Nationalmannschaft schlägt Italien in Turin mit 4:2 und geht als einer der Favoriten in die WM im Mai 1934 (letztlich wird man nur 4.)

17. Februar: Der belgische König Albert I. stürzt während einer Bergtour in Den Ardennen tödlich ab. Sein Sohn, Leopold III. wird sein Nachfolger.

 

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