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Tagespost

20.000 Tote im Feuersturm: Dresden brennt

Von Christine Zeiner und Klaus Buttinger   14. Februar 2015

Dresden brennt
Rote Wolken künden in Dresden den Sonnenaufgang an. Von links die Türme der Kunstakademie, Frauenkirche, Ständehaus, Hofkirche, Rathaus und Schloss.

Vor 70 Jahren kamen 20.000 Menschen im Feuersturm um Dresden um.

  • Vor 70 Jahren befand sich Dresden, das barocke Juwel an der Elbe, inmitten eines dreitägigen Bombenangriffs durch britische und US-amerikanische Bomber. Im Feuersturm kamen 20.000 Menschen um.

Dresden brennt

Die Luft stank nach Feuer und nach Leichen. Viele Häuser brannten noch. Die Straßen waren voll von Schutt. Die Barockstadt Dresden hatte ihren Glanz verloren. Eberhard Renner war nach der ersten Bombardierung am 13. Februar 1945 mit seinen Eltern geflohen. Nun bahnten sie sich den Weg zurück zum Keller ihres Hauses. "Mit meinen zwölf Jahren musste ich verkohlte und nicht verkohlte Leichen sehen. Manchen war die Lunge geplatzt. Eine Frau lag zusammengekrümmt, schwarz, eine Hand ragte in die Höhe und in der Sonne leuchtete dort der goldene Ring. Ein schauriges Bild, das werde ich nie vergessen", sagt der heute 82-jährige Renner.

An diesem Wochenende gedenkt die Stadt Dresden wie seit vielen Jahren der Bombardierungen vor 70 Jahren. Zeitzeuge Renner spricht ohne Hass über die Angriffe, die – wie er auch erwähnt – gegen die Haager Landkriegsordnung von 1907 verstoßen haben, gegen das humanitäre Völkerrecht. Die Unterteilung in "Opfer" und "Täter" ist ihm zu vereinfachend. Bis heute aber hält sich ein Bild in Schwarz und Weiß, das Nationalsozialisten ebenso vereinnahmt und befördert haben wie später DDR-Politiker und es heute Neonazis und Rechtsradikale tun.

Propaganda mit Opferzahlen

Das Schwarz-Weiß-Bild speist sich aus den Überlieferungen von Augenzeugen von der gewaltigen Zerstörung und der vielen Toten. Die NS-Propaganda trug das ihre dazu bei. "Die Opfer fürchterlich hoch. Amtlich heißt es 20.000 Tote, aber was alle wissen, was man gesehen hat: man nennt 100.000 bis 200.000 und darüber", zitiert die Dresdner Historikerkommission aus einem Brief eines Augenzeugen vom 18. März 1945. Weltweit verbreiteten sich diese – wie von Anfang an feststand – übertrieben hohen Opferzahlen: Die NS-Auslandspropaganda gegen den "angelsächsischen Bombenkrieg" wies an, die Angabe "eher 200.000 als 100.000 Todesopfer" zu verwenden.

Zwischen dem 13. Februar am späten Abend und Mittag 15. Februar 1945 erlebte Dresden als letzte deutsche Großstadt Luftangriffe der britischen und US-amerikanischen Alliierten. Die Stadt war von Anfang an als Ziel festgestanden, allerdings technisch nicht zu erreichen gewesen. Am südöstlichen Rand von Deutschland, lag sie geschützt. Strecke um Strecke erweiterte sich der Bombenkrieg, bis hin zu Dresden, dem letzten funktionierenden Zentrum der deutschen Rüstungsindustrie und dem letzten funktionierenden Verkehrsknotenpunkt.

Im Fokus lag die Moral

Hier wurden Torpedos zusammengeschraubt, in den Werften auch U-Boot-Teile hergestellt. Die Dresdner Tabakindustrie produzierte Zünder. Im Fokus der Alliierten lag aber die Moral der Bevölkerung: Sie sollte kapitulieren. In Dresden glaubten viele der Bewohner nicht mehr an einen Luftschlag der Alliierten. Ja, Deutsche hatten englische Städte zerbombt – dass die "kultivierten Briten", wie Zeitzeuge Renner sagt, aber auch Dresden, das "Elb-Florenz" mit all seinen Kunstschätzen, angreifen könnten, war für viele unvorstellbar – und trug später zum Opfer-Mythos bei.

In Großbritannien habe man sich indes der Diskussion, ob Luftangriffe auf zivile Ziele nicht ein Bruch des Völkerrechts seien, gar nicht mehr gestellt, sagt Militärhistoriker Matthias Rogg. "Alles, was dazu diente, den Krieg zu verkürzen und die eigenen Soldaten wieder nach Hause zu holen, war im Grunde legitimiert."

"In der neunten, zehnten Stunde kam der Fliegeralarm", sagt Zeitzeuge Renner. "Wir dachten: ,Wie immer.’ Sogar, als wir die Motoren hörten und die ,Christbäume’ schon gesetzt waren – der Himmel brannte mit Magnesium von den Markierungsbomben –, dachten wir alle nur, dass die Aufklärungsflüge machen und fotografieren." Zu den Mythen gehört, dass die Alliierten Phosphor auf Dresden abgeworfen hätten. "Das ist bei den Luftangriffen auf Deutschland nur einmal passiert, beim Feuersturm in Hamburg", sagt Militärhistoriker Rogg.

Unmittelbar nach den Angriffen versuchten die Nationalsozialisten, aus den tausenden Toten und den Zerstörungen Kapital zu schlagen: Wenige Tage vor den Bombardierungen auf Dresden hatte die Rote Armee Auschwitz, das größte deutsche Vernichtungslager, befreit. Nun dachte die NS-Propaganda, die Kriegsverbrechen der Alliierten in den Fokus rücken zu können. NS-Staatssekretär Gustav Adolf Steengracht von Moyland stellte die Vernichtung in den Konzentrationslagern auch 1946 im Nürnberger Prozess mit den Bombardierungen auf eine Stufe. Deutsche Rechtsextreme sprechen seit Jahrzehnten vom "Bombenholocaust".

Das "Tal der Ahnungslosen"

In der Bevölkerung wurde vergessen und verdrängt, dass Dresden eine Stadt voll von Nationalsozialisten und ihren Anhängern war. Bestehen blieb die Geschichte vom unschuldigen Dresden, von einem Opfer der alliierten Zerstörungswut. Der Politikwissenschaftler Hans Vorländer attestiert den Dresdnern eine gewisse Überheblichkeit. "Selbstbezogen", in einer der einst schönsten Barockstädte lebend, habe man lange Zeit unsensibel ausgeklammert, dass auch andere Städte im Zweiten Weltkrieg stark zerstört wurden. So setzte beispielsweise in Hamburg – 1943 bombardiert – bald eine andere Erinnerungskultur ein als in Dresden, unter anderem mit Geschichtswerkstätten auf lokaler Ebene. Hamburg wurde nicht weniger zerstört und zählte mehr Tote als Dresden. Doch die Erinnerung an die Bombardierung geschieht leiser und wird im Zusammenhang gesehen.

Die Dresdner lebten zu DDR-Zeiten im "Tal der Ahnungslosen" – das Westfernsehen reichte nur bis Leipzig. Abgeschieden, von sich und der Stadt überzeugt: So lässt sich auch der Bogen zur Wutbewegung "Pegida" spannen, die auf Neues ängstlich und abwehrend reagiert.

Die DDR-Führung rückte die Legenden um die Luftangriffe nicht zurecht, im Gegenteil. Sie nutzte die Bombardierung und die Mythen darüber, um zu zeigen, aus welchem Holz der "Klassenfeind" geschnitzt sei: Der "imperialistische Aggressor" habe Dresden zerstört, nun zerstöre er mit Napalmbomben Vietnam. Hätte die Rote Armee Dresden nicht so frühzeitig befreit, wäre eben Dresden das Ziel für die erste Atombombe gewesen, tat Walter Weidauer, von 1946 bis 1958 Oberbürgermeister von Dresden, kund.

Holocaustleugner in Dresden

Nach der Wende nutzten Rechtsextreme die Bombardierungen für ihre Zwecke. Zum diesjährigen Gedenken hat das rechtsextreme "Aktionsbündnis gegen das Vergessen" den britischen Holocaust-Leugner David Irving nach Dresden geladen. "Nichts ist wichtiger als einen Gegenpol zur veröffentlichten Meinung, Geschichtsklitterung und Leugnung alliierter Kriegsverbrechen zu bilden", steht auf der Webseite der Neonazis und: "Die Toten mahnen uns."

Die Toten mahnen dieser Auffassung nach nicht, totalitären Ideologien nicht zu folgen. Dass 70 Jahre danach Neonazis auf die Straße gehen, um die Luftangriffe zu vereinnahmen, entrüstet Renner. "Die haben überhaupt keinen Grund dazu", sagt er. "Wer letztlich Schuld an der Bombardierung hat, das haben auch unpolitische Leute wie meine Eltern verstanden: Das war die Schuld der Nazis. Die Nazis haben London, Birmingham, Coventry und viele mehr angegriffen. Mein Vater, der 1933 Hitler mitgewählt hat, sagte im Bombenkeller: ,Das haben wir diesem Verbrecher zu verdanken.’ Es hat ihm niemand widersprochen."

 

Interview

 

"Das war ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit"

Der pensionierte Landesbeamte Helmut Kislinger aus Leonding war 15 Jahre alt, als er die Bombardierung Dresdens aus nächster Nähe miterlebte. Am Tag danach nahm er am traumatisierenden Hilfseinsatz, an der Bergung der Bombentoten, teil. Der Augenzeuge erinnert sich an den Tag, mit ihm sprach Klaus Buttinger.

  1. Wie kam es, dass Sie als so junger Mensch 1945 in Dresden waren?


    Kislinger: Ich war Kriegsfreiwilliger in der Albertstadt, der Militärstadt neben Dresden, eine der größten Garnisonen Deutschlands, die ungefähr 20.000 Soldaten umfasst hatte. Dort wurde ich militärisch ausgebildet. Ich wollte unbedingt Offizier werden, Kriegsheld, womöglich mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet. Die Jugend ist damals so nazistisch erzogen worden.
  2. Wie erlebten Sie die Luftangriffe vor 70 Jahren?


    Während der Angriffe war ich im Luftschutzkeller der Garnison, dort gingen zwar auch Bomben nieder, aber nur wenige. Im Fokus der britischen und amerikanischen Bomber war die Zivilstadt Dresden. Nach wie vor stehe ich auf dem Standpunkt, dass das ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit war, veranlasst vom englischen General Arthur Harris, genannt Bomber-Harris.
  3. Haben Sie sich freiwillig für den Hilfseinsatz gemeldet?


    Wir sind zum Hilfseinsatz hinbeordert worden – auf freiwilliger Basis. Uns wurde versprochen, in eine Wehrmachtseinheit der Hitlerjugend überstellt zu werden, oder besser noch in die Waffen-SS. Das war unser größter Wunsch. Natürlich haben sich alle freiwillig zum Hilfseinsatz gemeldet.
  4. Hat Sie der Anblick der vielen Leichen und ihres furchtbaren Zustands traumatisiert?

    Ja. Unbedingt. Bis heute noch. Dieser Anblick war ja grauenhaft, das kann man mit Worten nicht beschreiben, das muss man erfühlen. Heute, wenn etwas passiert, ist sofort ein Psychologe da, der einem irgendwie über die Pein hilft. Aber damals hat es das nicht gegeben, diese amerikanische Erfindung wurde abgelehnt. Man hat allenfalls mit den eigenen Kameraden reden können, mit Militärgeistlichen oder mit verständnisvollen Offizieren. Man stand auf dem Standpunkt, dass das eine gewisse Abhärtung wäre, bevor es in den Einsatz geht. Es hieß: Wenn ihr das übersteht, übersteht ihr auch den Kampf gegen den Feind, die Sowjets.
  5. Wie zeigt sich Ihre Traumatisierung heute?


    Zwei-, dreimal im Jahr hatte ich denselben furchtbaren Traum. Es sind Bilder, wie ich sie in Dresden gesehen habe. Dann wachte ich schweißgebadet auf. Meine Frau sagte, ich schreie dabei, schlage um mich. Nachdem ich mich beruhigt hatte und wieder eingeschlafen war, begann der Traum erneut. Da blieb mir nichts anderes übrig, als aufzustehen. Seit ich das Buch über Dresden geschrieben habe, träume ich nicht mehr davon. Vielleicht hat sich dadurch etwas gelöst. Aber vergessen kann ich nicht, man kann das auch nur schwer schildern. Sie sind fast der Erste, mit dem ich darüber rede, und es fällt mir schwer. Als ich das Buch geschrieben habe, hatte ich Blutdruckwerte bis 200. So sehr hat mich das immer noch beunruhigt.
  6. Man fragt sich, wie Sie und Ihre jungen Kameraden den Einsatz damals geistig durchgehalten haben...

    Allen von uns ist übel geworden. Das war nur mit dem Schnaps, den man uns gab, durchzustehen. Es gab keinen von uns, der nicht gekotzt hätte, so grauenvoll war das.
  7. Grauenhaft war auch der Bombenkrieg der Deutschen gegen England...


    Stimmt. London, Coventry. Meines Erachtens haben die Briten daraus gelernt und sich dafür unter anderem in Dresden gerächt.
  8. Kann man erwarten, dass sich das offizielle England jemals für das Bombardement Dresdens entschuldigt?


    Vielleicht. Die Queen zeigte Ansätze. Ich habe nach 1945 einen Freund gewonnen, einen Engländer, der Bombernavigator war. Er erzählte mir, er habe ein schlechtes Gewissen, da er sich vorstellen konnte, was durch die Bomben passierte.
  9. Dresden ist in den Schlagzeilen aufgrund der Demos der Pegida, darunter viele Neonazis. Was passiert da?

    Das ist klar, die Demos werden von den Neonazis benützt. Ich bin gegen solche Aufmärsche. Denn was kann daraus entstehen? Wer Wind sät, wird Sturm ernten. Das ist nun einmal so.
  10. Wann brachen Sie mit Ihrer nazistischen Prägung, wann begriffen Sie, wie mörderisch diese Ideologie war?

    Das war mit Ende des Krieges. Jede Lust auf Soldatentum ist mir vergangen. Ich habe gesehen, dass das der falsche Weg war, und bin ein überzeugter Demokrat geworden. Es ist unglaublich, mit welchen Täuschungsmanövern die Nazis gearbeitet haben. Es gibt ja nichts Schlimmeres, wenn Idealismus zum Fanatismus wird. Das könnte jederzeit geschehen, man braucht ja nur das Weltgeschehen betrachten. Nie mehr Krieg, das wünsche ich mir.
"Geschmolzener Teer umrahmte ihr Antlitz"

Geschmolzener Teer

"Geschmolzener Teer umrahmte ihr Antlitz"

Die Erinnerungen an die schlimmsten Eindrücke seines Lebens hat Helmut Kislinger im Buch "Die brennende Stadt" niedergeschrieben. "Schauerliche Szenen" wie die folgenden "erschütterten mich damals zutiefst", sagt der 85-jährige Leondinger. "Noch heute belasten sie mein seelisches Gleichgewicht."

Als wir eintrafen, sahen wir, dass es sich um ein besseres Wohnviertel gehandelt haben musste. Es bestand vorwiegend aus ehemals schönen Villen und Einfamilienhäusern, die jedoch zum überwiegenden Teil zerstört waren. Überall lagen verstümmelte Tote. Ratten huschten zwischen ihnen umher. Einer Leiche war der Schädel abgerissen. Die Haut anderer Toter war schwarz und verkrustet. Der Anblick abgetrennter Gliedmaßen, aus dem Körper herausgerissener Innereien und dem eines Beinstumpfes, der in einem zierlichen Kinderschuh steckt, war grässlich.

Eine Mutter lag wie festgeklebt mit dem Rücken auf dem Asphalt. Die linke Hand hatte sie wie schützend in die Schulter ihrer kleinen Tochter gekrallt. Die Kleidung der Frau hing in verbrannten Fetzen herab. In ihrer linken Körperhälfte stak ein großer Bombensplitter. Ihre Tochter wies äußerlich keine sichtbaren Verletzungen auf. Nur entlang des rechten Mundwinkels bis herab zum Kinn hing ein geronnener Blutfaden. Der Kopf der Frau, dessen Haare weggebrannt waren, wurde vom geschmolzenen Straßenteer umrahmt und ihr verzerrtes Antlitz ließ erahnen, wie grauenvoll sie den Tod empfunden haben musste.

Entlang einer Asphaltstraße stand eine Reihe von Alleebäumen. Die kahlen Äste brannten vielfach noch. Auf ihnen lagen wirr durcheinander von den Flammen geröstete Körper oder Extremitäten von Menschen und Pferden in grotesken Stellungen. Zwischen ihnen hingen Gedärme, die wie Schlangen aussahen. Brand und Verwesungsgeruch drang in unsere Nasen. Der ekelige Geruch verpestete die Luft und vermengte sich mit dem Gestank von Urin und Kot aus entleerten Därmen. Die Toten auf der Straße und auf den Bäumen gehörten zu einem Flüchtlingstreck, der hier haltgemacht hatte und von den Bomben überrascht worden war.

Vom selben Autor ebendort erschienen: "Verführt und missbraucht – Ein ehemaliger Hitlerjunge erzählt aus der Kriegs- und Nachkriegszeit" (200 Seiten).

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