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Hiroshima und Nagasaki: Der Tod kam in Sekunden

01. August 2015

Sie hießen "Little Boy" und "Fat Man". Vor 70 Jahren löschten die beiden US-Atombomben in den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki zehntausende Menschenleben aus.

  • Vor 70 Jahren fielen zwei Atombomben „auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki
  • Binnen Sekunden löschten Little Boy“ und „Fat Man“ Zehntausende Menschenleben aus.

Die Hölle auf Erden

Eiji Nakanishi nannte sich selbst "Little Boy". So wie die Bombe, die am Morgen des 6. August 1945 in Hiroshima über seinem Kopf explodierte. Eiji war damals nicht ganz vier Jahre alt. "Das Haus meiner Eltern stand nur drei Kilometer vom Zentrum der Detonation entfernt. Innerhalb weniger Sekunden zerfiel es zur Ruine. Es ist für mich ein unerklärliches Wunder, wie ich dieses Inferno überleben konnte", sagte Eiji den OÖNachrichten 2005 zum 60. Jahrestag des nuklearen Schlags gegen Japan. 2007 ist Nakanishi gestorben, an den Spätfolgen seiner radioaktiven Verseuchung.

US-Präsident Harry Truman war erst drei Monate im Amt, als er seinen Kriegsminister Henry Stimson mit dem Einsatz der ersten Atombomben betraute. "Ich habe Stimson angewiesen, die Bombe so zu benutzen, dass militärische Anlagen, Soldaten und Seeleute die Ziele sind, nicht Frauen und Kinder", notierte Truman in sein Tagebuch, und fügte an: "Auch wenn die Japaner wild, ruchlos, unbarmherzig und fanatisch sind – wir als Führer der freien Welt können diese furchtbare Waffe nicht auf die alte Hauptstadt abwerfen oder auf die neue."

Zwar verfügten sowohl Hiroshima als auch Nagasaki über Kasernen und Rüstungsanlagen, der Großteil der Bevölkerung hatte aber mit dem Militär nichts zu tun.

Nachdem schlechtes Wetter den Einsatz um mehrere Tage verzögert hatte, hob der B-29-Bomber "Enola Gay" am 6. August um 2.45 Uhr vom amerikanischen Luftwaffenstützpunkt auf der pazifischen Marianen-Insel Tinian ab. An Bord befand sich die drei Meter lange, vier Tonnen schwere Uran-Bombe "Little Boy", die um 8.15 Uhr abgeworfen wurde und eine Minute später detonierte.

Drei Tage später, am 9. August 1945, um 11.02 Uhr, kehrte das Grauen nach Japan zurück. Weil der Himmel über dem Militärzentrum Kokura so dicht bewölkt war, wurde die Besatzung des Bombers "Bockscar" nach Nagasaki umgeleitet – wo schließlich die Plutonium-Bombe "Fat Man" Unheil und Verderben brachte.

Organe verdampften

Was bei den Explosionen am Boden geschah, war von unmittelbarer Wirkung. In einem Kreis von 500 Metern um das Hypozentrum entwickelte sich eine solche Wärmeenergie, die alles Leben ohne jede Verzögerung auslöschte. Innere Organe verschmorten oder verdampften. Mauern, Bäume, auch Straßenbahnen verglühten zu Staub. Menschen, Kleider, Möbel, Geröll fügten sich zu einer formlosen Masse und blieben als unzählige Aschehügel zurück.

Die Namen der Toten sind in Bücher geschrieben und in einem steinernen Sarg in der Mitte des Friedenspark in Hiroshima begraben. Darauf steht: "Bitte erhaltet den Frieden. Wir sollten Böses nicht wiederholen." (beli, rofi)

 

  • Little Boy: Die Uranbombe explodierte am 6. August 1945 um 8.16 Uhr in 567 Metern Höhe über Hiroshima. Eine Druckwelle mit einer Anfangsstärke von 35 Tonnen pro Quadratmeter und mit einer Geschwindigkeit von 440 Metern pro Sekunde walzte Gebäude und Menschen nieder. Die Temperatur erreichte eine Sekunde lang zwischen 3000 und 4000 Grad Celsius.
     
  • 210.000 Menschen sind nach Schätzungen bis Ende 1945 an den Folgen der Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki (am 9. August) gestorben.
     
  • 112 österreichische Gemeindeoberhäupter haben sich der Initiative „Bürgermeister für den Frieden“ angeschlossen, die 1982 der damalige Stadtchef von Hiroshima ins Leben gerufen hat. Die Vision ist eine atomwaffenfreie Welt bis 2020. Erstes österreichisches Mitglied wurde 1984 St. Ulrich bei Steyr.

Der Bomben Mythos

 

Der Tod kam in Sekunden
Die Besatzung des B-29-Bombers „Enola Gay“. Pilot Paul Tibbets hatte die Maschine nach seiner Mutter benannt.

 

Der Bomben-Mythos

Es gibt historische Mythen, die erstaunliche Verweildauer haben. In den USA gehört der verbreitete Glaube dazu, der Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki hätte den Krieg gegen Japan beendet. Harry Truman und der damalige Kriegsminister Henry L. Stimson beharrten noch Jahre später darauf, der Nuklear-Horror habe unterm Strich bis zu einer Millionen Amerikanern das Leben gerettet. So hat es auch Winston Churchill behauptet, der noch eine halbe Million Briten hinzurechnete.

In den USA lebt diese Rationalisierung einer fürchterlichen Entscheidung bis heute fort. Selten hinterfragt von der breiten Öffentlichkeit, wenngleich nicht unbestritten in der Wissenschaft. Auf Hochglanz poliert steht der B-29-Bomber „Enola Gay“ heute prominent im Hangar des Air&Space Museums in Washington. Aus dessen Bauch fiel vor 70 Jahren die „Little Boy“ genannte Uran-Bombe auf Hiroshima.

Vieles spricht dafür, dass dieser Abwurf genauso wenig kriegsentscheidend oder gar nötig war wie der Einsatz der Plutonium-Bombe „Fat Man“ über Nagasaki. Das wussten damals schon die Mitglieder des ökumenischen Kirchenrats der USA mit großer Klarheit, als sie 1946 erklärten, „als amerikanische Christen bereuen wir zutiefst den unverantwortlichen Einsatz der Atombombe“. Die Überraschungsangriffe auf die japanischen Städte seien „moralisch nicht zu rechtfertigen“. Diese Sicht bleibt bis heute die Auffassung einer Minderheit. Wie der Zweite Weltkrieg generell als große Erfolgsgeschichte erzählt wird. Selbst von kritischen Geistern wie Präsident Barack Obama, der sich die Schaffung einer nuklearwaffenfreien Welt auf die Fahnen geschrieben hat.

Als er im vergangenen Sommer über die Landung der Alliierten in der Normandie sprach, gebrauchte er das Klischee der „Great Generation“, wie die Befreier von Faschismus und Nationalsozialismus hierzulande gefeiert werden. „Wenn die Welt Sie einmal wieder auf zynische Gedanken kommen lässt, halten Sie ein und denken Sie an diese Männer“, empfahl Obama.

Gerüchte, nach denen der Präsident zum 70. Jahrestag nach Hiroshima reisen könnte, haben sich zerschlagen. Er hat alle Hände voll damit zu tun, in Washington seinen Atomdeal mit Iran durch den Kongress zu bekommen. Das ist immerhin die richtige Konsequenz aus der Geschichte, aus der Obama die Lehre zieht, dass die Verbreitung dieser fürchterlichen Waffe gestoppt und ihr Einsatz für immer geächtet bleiben muss. (Von Thomas Spang, Washington)

 

Atomwaffen

 

  • Neun Staaten besitzen Atomwaffen: USA, Russland, China, Großbritannien, Frankreich, Israel, Indien, Pakistan und Nordkorea
     
  • Die Zahl der atomaren Sprengköpfe ging 2014 nach einem Bericht des Internationalen Friedensinstituts in Stockholm (SIPRI) von 16.350 auf rund 15.850 zurück. Allerdings wird gleichzeitig an der Modernisierung der nuklearen Arsenale gearbeitet.
     
  • 93 Prozent der Atomwaffen gehören den USA und Russland. Mehr als 4300 Sprengköpfe sind sofort einsetzbar. Davon sind geschätzte 1800 in ständiger Höchstalarmbereitschaft. Sie würden ihr Ziel in wenigen Minuten erreichen. Alle anderen sind in Reserve, im Lager oder für die Abrüstung vorgesehen.
     
  • Die Arsenale 2014:

Russland: 7500 Sprengköpfe (1780 einsatzfähig)
USA: 7260 (2080)
Frankreich: 300 (290)
China: 260
Großbritannien: 215 (150)
Pakistan: 100–120
Indien: 90–110
Israel: 80
Nordkorea: 6–8

 

70 Jahre danach

70 Jahre danach nachdenken

Eine einheitliche japanische Position zu den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945 gibt es nicht, sondern es existieren viele divergierende Meinungen.

Je nach politischer Einstellung sieht man darin den Beweis, dass Japan ein Opfer der USA war, oder die Gegenreaktion auf die japanischen Aggressionen im pazifischen Krieg von 1931 bis 1945. Manche gedenken der Verstorbenen, andere nur der japanischen Opfer, die starben oder verletzt wurden, und wieder andere gedenken der vielen koreanischen Zwangsarbeiter unter den Opfern. Viele der überlebenden Opfer der Atombomben erinnern sich vor allem an das Martyrium, das nach 1945 begann, und aus Wunden, Narben und Krankheit sowie sozialer Stigmatisierung, Diskriminierung und Exklusion bestand.

Das städtische Friedensmuseum in Hiroshima und die Mayors for Peace setzten sich für eine friedliche atomwaffenfreie Welt ein und erinnern jedes Jahr wieder eindringlich daran, dass dieses Ziel noch weit entfernt ist – auch heuer, wo sich der erste militärische Einsatz einer Atombombe zum 70. Mal jährt. Die Welt ist heute weder atomwaffenfrei noch friedlich, die Konfliktlösungsstrategien jedoch vermehrt militärisch. 2007 besuchte ich zum ersten Mal Hiroshima, den Friedenspark, das Friedensmuseum. Ich hörte, inmitten einer Gruppe von japanischen Grundschülern einen Atombombenüberlebenden, im Japanischen hibakusha genannt, darüber sprechen, wie er damals als Kind den Morgen des 6. August 1945 und die Stunden danach erlebt hatte. Bevor der betagte Mann den Raum verließ, meinte er, er wolle noch so lange wie möglich seine Erfahrungen an Kinder und Jugendliche weitergeben, es sei wichtig, es sei ihm ein persönliches Anliegen.

Damals, als Tourist nur für wenige Wochen in Japan, hatte ich das Gefühl, die japanische Antwort auf die Atombombenabwürfe sei das Streben nach Frieden. Heute, als in Japan Lebender, sehe ich die Diversität der Meinungen und die Mannigfaltigkeit der Diskurse. Die staatliche Fokussierung auf die Atombombenabwürfe kann auch als Strategie gesehen werden, um sich mit den Geschehnissen der Kriegsjahre davor und dem Umgang mit den hibakusha danach nicht auseinandersetzen zu müssen.

Dass kritische Berichte zu unangenehmen Folgen und sozialen Probleme nach Katastrophen wenig öffentliche Aufmerksamkeit erhalten und (vermutlich bewusst) aus dem nationalen Narrativ ausgeklammert werden, ist ein Punkt, an dem sich Geschichte aufgrund mangelnder Aufarbeitung zu wiederholen droht. Während die zivile Nutzung der Atomenergie in den 1960ern als Überwindung des Traumas der Atombombenabwürfe gesehen wurde, gibt es nach der Katastrophe von Fukushima 2011 wieder Menschen, die Gefahr laufen, stigmatisiert und diskriminiert zu werden.

 

Florian Purkarthofer (30), aufgewachsen in Linz und Altmünster, studiert Japanologie sowie Raumforschung und Raumordnung an der Uni Wien, lebt seit April 2014 in Japan und forscht an der Tokyo Metropolitan University im Fachbereich Urban Studies

 

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