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Fünf Leben ausgelöscht

Von Robert Stammler   10. März 2015

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Bild 1/10 Bildergalerie: Amoklauf am Bezirksgericht Urfahr 1995

LINZ. Bluttat im Bezirksgericht: Ein frustrierter Kläger zückt im Verhandlungssaal eine Pistole und erschießt seinen Nachbarn, zwei Richter, einen Anwalt und eine Zeugin. Seither nimmt die Justiz das Thema Sicherheitskontrollen ernst.

  • Bluttat im Bezirksgericht: Ein frustrierter Kläger zückt im Verhandlungssaal eine Pistole und erschießt seinen Nachbarn, zwei Richter, einen Anwalt und eine Zeugin. Seither nimmt die Justiz das Thema Sicherheitskontrollen ernst.

Amoklauf in Urfahr

Zum 20. Mal jährt sich heute der Amoklauf des Pensionisten Rudolf Kehrer (63). Er zog am 10. März 1995 nach seiner Niederlage in einem Nachbarschaftsstreit im Verhandlungssaal 209 des Bezirksgerichts Linz-Urfahr eine Pistole, die er in seinem Mantel versteckt hatte und erschoss insgesamt fünf Menschen.

Eine Gedenktafel beim Eingang zum Gebäude erinnert an die Toten: Alfred Eichler, Anwalt, Eugen Kordik, Verhandlungsrichter, Heidemarie Schinkinger, Zeugin und vierfache Mutter, Ludwig Schürz, der beklagte Nachbar des Täters, und Richter Erwin Streinesberger, der dem Amoktäter auf dem Gang über den Weg lief. Zudem wurden zwei Menschen, darunter Maria Navarro-Frischenschlager, damals Rechtsvertreterin des Täters, schwer verletzt.

Heute wird der Toten anlässlich einer justizinternen Feierlichkeit gedacht. In der Friedenskirche in Urfahr findet um 17.30 Uhr ein Gedenkgottesdienst statt.

Einen "Trottel" und "Hundsbeutel" genannt

Beim Nachbarschaftsstreit ging es um einen Garagenbau. Der Nachbar habe ihn einen "Trottel" und einen "Hundsbeutel" genannt, klagte Kehrer vor Gericht. Doch der Nachbar wurde freigesprochen. "Was ist das für eine Gerechtigkeit?", fragte der 63-Jährige und eröffnete das Feuer. Kehrer, der wegen familiärer Gewalt schon 1987 auffällig geworden war, floh in sein Haus und erschoss sich dort selbst.

So unfassbar und schrecklich der Amoklauf war, so notwendig waren die Konsequenzen. Im Justizministerium wurde das Thema Sicherheit bei Gericht endlich Ernst genommen. "Mittlerweile gibt es flächendeckend in fast allen Gerichten, auch den kleinen, Personenkontrollen", sagt Werner Zinkl, Chef der Richtervereinigung. Um zu verhindern, dass Waffen hineingeschmuggelt werden, kommen Metalldetektoren zum Einsatz. Für das Sicherheitspersonal gibt das Ministerium jährlich mehr als sechs Millionen Euro aus.

Nachgefragt

Nachgefragt bei Maria Navarro-Frischenschlager

Die Anwältin überlebte den Amoklauf im Gerichtssaal und engagierte sich für ein strengeres Waffengesetz.

  1. Welche Bilanz ziehen Sie 20 Jahre nach dem Amoklauf, bei dem Sie schwer verletzt wurden?

    Dass immer nur dann Maßnahmen gesetzt werden, wenn der Hut bereits brennt. Als es zwei Jahre nach dem Amoklauf in Linz auch in Mauterndorf in Salzburg zu einer Bluttat kam, bei der sechs Menschen erschossen wurden, habe ich mich politisch gegen Waffen in privaten Haushalten engagiert.
  2. Mit welchem Erfolg?


    Der damalige Innenminister Schlögl und Kanzler Klima waren durchaus bestrebt. Doch das Waffengesetz wurde nicht verändert. Immerhin wurden die Psychotests verschärft. Man konnte damals den Psychotest beliebig oft wiederholen, bis man ihn bestanden hatte.
  3. Anscheinend ist die Waffenlobby entsprechend mächtig?


    Auch in Österreich werden Waffen produziert, und man wollte, dass ja nicht zu streng vorgegangen wird. In den Schützenvereinen und der Jägerschaft gab es Leute, die hatten Verständnis. Aber die offizielle Linie lautete, keinen Zentimeter an Einschränkungen zuzulassen.

 

Artikel von damals

Artikel von damals: "Pensionist erschoß im Bezirksgericht fünf Menschen"

  • Am 11. März 1995 schrieben die OÖN-Redakteure Friedrich Salmen, Erhard Gstöttner und Reinhold Gruber über die Bluttat. Hier der Artikel zum Nachlesen:

LINZ. Ein ganz normaler Ehrenbeleidigungsprozeß endete gestern nachmittag am Bezirksgericht Urfahr mit einem blutigen Amoklauf. Der Kläger, ein 63jähriger Pensionist aus Bad Mühllacken, zog nach der Urteilsverkündung eine Waffe und schoß wild um sich. Fünf Menschen starben im Kugelhagel, mehrere Personen wurden verletzt. Der Amokläufer tötete sich am Abend in Neulichtenberg.

Kurz nach 15 Uhr wurde im Verhandlungssaal 209 das Urteil in dem Routineprozeß gesprochen. In diesem Moment drehte der Kläger Rudolf Kehrer durch. Er feuerte ohne Vorwarnung auf den Richter Eugen Kordik, den Verteidiger Alfred Eichler, beide aus Linz, und den Beklagten Ludwig Schürz aus Bad Mühllacken. Die drei Männer erlitten tödliche Verletzungen.

Dann stürmte der 63jährige auf den Gang und schoß auf Unbeteiligte. Zeugenaussagen zufolge wurden zirka 20 Schüsse abgegeben. Der aus einem benachbarten Büro laufende Richter Erwin Streinesberger und eine junge Frau, Heidemarie Schinkinger, wurden getötet. Noch bevor ein Großaufgebot der Polizei an Ort und Stelle war, dürfte der Amokläufer aus dem Gebäude geflüchtet sein.

Zunächst gingen die Einsatzkräfte davon aus, daß der Täter Geiseln genommen habe. Mehr als 100 Polizisten riegelten das Areal um das Bezirksgericht hermetisch ab. Rettungsleute bargen die Verletzten, Dutzende Menschen flohen aus dem Gericht. Am Abend erschoß sich der Täter im Mühlviertel.

Gegen 18.30 Uhr kam das Aus für die Alarmfahndung nach dem Amokläufer: Rudolf Kehrer wurde im Haus eines Bekannten in Neulichtenberg von einem Buben tot aufgefunden. Der 63jährige, der fünf Menschen getötet hatte, hatte sich erschossen.

Es ging um Garagenbau

In dem Prozeß, der den Amoklauf auslöste, ging es um einen Garagenbau. Kehrer hatte seinen Nachbarn Ludwig Schürz (52) auf Ehrenbeleidigung geklagt. Nach der Urteilsverkündung kam es zu der Bluttat, der fünf Menschen, neben Schürz die Richter Eugen Kordik und Erwin Streinesberger (39), der Linzer Anwalt Alfred Eichler, und die vierfache Mutter Heidemarie Schinkinger (30) aus Bad Mühllacken, zum Opfer gefallen waren. Schinkinger hatte als Tochter der Lebensgefährtin von Schürz als Zeugin ausgesagt.

Am Einsatzort, wo die Polizei Hunderte Schaulustige bändigen mußte, herrschte auch tiefe Betroffenheit. Oberlandesgerichtspräsident Othmar Hanke mit Tränen in den Augen: "Bei den zwei getöteten Kollegen handelte es sich um hervorragende Richter. Es ist unfaßbar. Künftig muß durch spezielle Kontrollen Vorsorge getroffen werden, daß bewaffnete Personen nicht mehr in Gerichtsgebäude gelangen können."

Richter Kordik, der erst vor kurzem auf seinen Wunsch vom Landesgericht Linz ins Bezirksgericht Urfahr gewechselt war, hinterläßt seine Frau und zwei Kinder. Sein Kollege, der bekannte Jugendrichter Erwin Streinesberger, war Vater einer siebenjährigen Tochter. Ein junger Rechtspraktikant, der zum ersten Mal bei einem Prozeß dabei war, wurde durch drei Schüsse schwer verletzt. Einig sind sich die Nachbarn des Amokläufers RudolfKehrer (63) in Bad Mühllacken in ihrer Meinung über den ehemaligen Fernfahrer: "Er war ein Streithansl. Der hat wegen jeder Kleinigkeit einen Mordswirbel angefangen." Auch Waffen soll Kehrer gehortet haben. Im Vorjahr wurde bei ihm eine Hausdurchsuchung durchgeführt.

Kehrer war erst vor wenigen Jahren mit seiner Lebensgefährtin von Landshaag nach Bad Mühllacken (Gemeinde Feldkirchen) gezogen. "Wir hatten keine Freude, als wir erfahren haben, daß die zu uns ziehen. Uns wär's lieber gewesen, wenn sie nicht hergekommen wären", sagte ein Nachbar im OÖN-Interview.

Kehrer hatte im Lauf der vergangenen Jahre mehrmals den Wohnort gewechselt, war von Walding nach Landshaag, von dort nach Bad Mühllacken gezogen. "Überall hat's mit dem Probleme gegeben", weiß eine weitere Nachbarin.

Seitdem Kehrer nach Mühllacken gekommen war, habe es ständig Streit gegeben. Eine Mühllackerin: "Der hat immer geschaut, was er seinen Nachbarn zu Fleiß tun kann. Im vorigen Jahr hat er einem Nachbarn mit Gift den lebenden Zaun kaputtgemacht." 

Schon zuvor Schlagzeilen geliefert

Bereits im Herbst 1987 hatte Rudolf Kehrer (63), der Amokläufer vom Bezirksgericht Urfahr, Schlagzeilen geliefert. Bei dem damaligen Taxifahrer waren, nachdem er seine damalige Ehefrau blutig geschlagen hatte, kiloweise Sprengstoff, Munition und Schußwaffen beschlagnahmt worden.

Rudolf Kehrer, der damals in Linz lebte, hatte im Herbst 1987 mitten in der Nacht seine Ehefrau im Schlafzimmer überfallen. Mit einem dicken Elektrokabel verletzte er die Frau, die sich später von ihm scheiden ließ, schwer am Kopf. Der Gewalttäter wurde verhaftet.

Am Dachboden jenes Linzer Hauses, in dem Kehrer damals wohnte, wurden schließlich Sprengstoff und Schußwaffen entdeckt. In mehreren Kunststoffbehältern hatte Kehrer, der wegen seines damaligen Jobs als Taxilenker einen Waffenpaß und eine Waffenbesitzkarte hatte, 44 Packungen Gewehrpatronen, 1100 Schuß Kleinkalibermunition, vier Kilo Schwarzpulver, 500 Zündkapseln, vier Gewehre und eine Pistole verwahrt.

Die Kripo beschlagnahmte das Arsenal. Kehrer hatte Waffen und Sprengstoff im Lauf von zwei Jahrzehnten angesammelt. Als Grund für das Horten des brisanten Materials gab Kehrer damals an, er hätte Mitglied eines Schützenklubs werden wollen.

Das Jahr 1995

Der Amoklauf in Urfahr bestimmte für einige Zeit die Nachrichtenlage in den OÖN. Aber nicht nur dieses Thema bewegte das Land. Was sonst noch im Jahr 1995 geschah:

  • 1. Jänner: Österreich, Schweden und Finnland werden Mitglieder der Europäischen Union.
  • 19. April: Eine tonnenschwere Bombe explodiert im Murrah Federal Building in Oklahoma City. Dabei kommen 168 Menschen ums Leben. Haupttäter des Terroranschlages ist ein frustrierter US-Soldat.
  • 22. April: Boxer George Foreman verteidigt gegen Axel Schulz in Las Vegas seinen Weltmeistertitel im Schwergewicht.
  • 11. Juli: Massaker von Srebrenica: Serbische Milizen töten rund 8000 Bosniaken.
  • 17. Dezember: Die Nationalratswahl endet mit leichten Gewinnen für SPÖ und ÖVP.

 

 

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