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„Eine neue Ära beginnt“

Von Wolfgang Braun   28. Februar 2015

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Bild 1/15 Bildergalerie: Bruno Kreisky: Eine neue Ära beginnt

Bruno Kreisky: Am 1. März 1970 wurde die SPÖ erstmals stärkste Kraft in Österreich und Bruno Kreisky wenige Wochen später Bundeskanzler – dies markierte den Beginn einer prägenden Ära.

  • Bruno Kreisky: Am 1. März 1970 wurde die SPÖ erstmals stärkste Kraft in Österreich und Bruno Kreisky wenige Wochen später Bundeskanzler – dies markierte den Beginn einer prägenden Ära.

Eine neue Ära

Vor 45 Jahren, am 1. März 1970, wurde die SPÖ zum ersten Mal bei Nationalratswahlen stimmenstärkste Partei. Der Wahlsieg markierte den Beginn der Ära Bruno Kreiskys, der 13 Jahre lang Bundeskanzler blieb und das Land wie kaum ein zweiter prägte.

Es war ein Schlager aus den 40er-Jahren, den Bruno Kreisky als Begleitmelodie für den Wahlkampf seiner Partei 1970 ausgesucht hatte: "When the lights go on again", hieß er. Und auch der Wahl-Werbespot der SPÖ in den Kinos sollte vor allem ein Ziel vermitteln: Aufbruch. Der Film zeigte ein Flugzeug der AUA, das sich gerade in die Lüfte erhob.

Aufbruch, Öffnung, Durchlüften des Landes - mit diesen Botschaften erreichte Kreisky einen historischen Sieg. Erstmals wurde die SPÖ 1970 stärkste Partei - und Kreisky ging danach nicht den Weg in eine Große Koalition, den viele in seiner Partei für den richtigen hielten. Mit Duldung der FPÖ - der im Gegenzug ein für sie günstigeres Wahlrecht zugesagt worden war - bildete Kreisky eine Minderheitsregierung, die am 21. April 1970 von Bundespräsident Franz Jonas angelobt wurde. Die Regierung hielt eineinhalb Jahre. Bei der Wahl 1971 gewann die SPÖ die absolute Mehrheit.

Kampfabstimmung

Kreiskys Kalkül war aufgegangen. Und das hat den 1911 als Sohn einer wohlhabenden jüdischen Familie in Wien geborenen Kreisky mit Sicherheit zutiefst befriedigt. Denn in seiner Partei hätte zu diesem Zeitpunkt noch niemand darauf gewettet, dass er einmal sogar als "Sonnenkönig" tituliert werden würde. 1967, ein Jahr nach einer herben Wahlniederlage der SPÖ, war er erst nach einer Kampfabstimmung mit 347 von 497 Stimmen zum Parteichef gewählt worden - gegen den Willen des mächtigen Gewerkschaftschefs Anton Benya.

Als Bruno Kreisky 1970 Bundeskanzler wurde, stand er schon im 60. Lebensjahr. Er, der sich gegen den Willen seiner Eltern der Sozialistischen Arbeiterjugend angeschlossen hatte, war 1938 von den Nazis verhaftet worden. Nur durch Zufall entging er dem Transport in das Konzentrationslager Dachau. Nach seiner Einwilligung nach Bolivien auszuwandern, wurde Kreisky von der Gestapo aus der Haft entlassen. Ein einflussreicher Bekannter ermöglichte ihm schließlich die Emigration nach Schweden.

Beim Staatsvertrag dabei

1946 kehrte Kreisky nach Wien zurück, war bald Staatssekretär im Außenamt, an den Staatsvertragsverhandlungen beteiligt und von 1959 bis 1966 Außenminister. Er war also auch kein Quereinsteiger, als er Kanzler wurde.

Sein Wahlversprechen von 1970 löste er ein: Unter Kreisky erlebte Österreich eine weit reichende gesellschaftspolitische Modernisierung, es kam unter anderem zu einer Reform des Familienrechts, das die Stellung der Frauen verbesserte. Zudem entfaltete Kreisky eine intensive außenpolitische Tätigkeit, er genoss weltweit Respekt.

Umstritten war Kreiskys Wirtschaftspolitik: Zu lange wurden zum Beispiel Strukturänderungen in der Verstaatlichten Industrie auf die lange Bank geschoben, was in den 80er Jahren zum Verlust tausender Arbeitsplätzeführte.

Die verlorene Volksabstimmung um das Atomkraftwerk Zwentendorf 1978, der lange schwelende Konflikt mit seinem "Kronprinzen" Finanzminister Hannes Androsch (der 1981 aus der Regierung schied) und der Bau des UNO-Konferenzzentrums, den Kreisky trotz eines dagegen initiierten Volksbegehrens mit mehr als 1,3 Millionen Unterschriften durchzog, waren Vorboten des Endes der Kreisky-Ära.

1983 zog er noch einmal in den Wahlkampf, da war er wegen eines schweren Nierenleidens bereits Dialysepatient. Die SP verlor die absolute Mehrheit, Kreisky zog sich zurück - und blieb doch: als mythischer Übervater der Sozialdemokratie, an dem sich alle seine Nachfolger messen lassen mussten und müssen. Einer davon, Altkanzler Franz Vranitzky, sagte 1990 beim Begräbnis Kreiskys über dessen Politik: "Niemand in diesem Land kann sich ein Zurück in die Zeit vor Kreisky auch nur vorstellen, geschweige denn ein solches Zurück herbeiwünschen."

"Der Demokratisierung näher gerückt"

"Erstmals SP-Kanzler in Österreich", titelten die OÖN in ihrer Ausgabe am Tag nach der Wahl 1970. Dies deshalb, weil führende VP-Politiker am Wahlabend bereits eine Koalition mit der FPÖ ausgeschlossen hatten.

In seinem Leitartikel schrieb der langjährige renommierte Chefredakteur der OÖN, Hermann Polz, dass Österreich mit diesem Ergebnis der Demokratisierung ein Stück näher gerückt sei. Was die Folgen der Wahl betraf, lag Polz mit seiner Einschätzung übrigens daneben: Er rechnete mit einer Großen Koalition und in den kommenden Jahren mit häufigeren Wechseln im Kanzleramt.

 

Androsch über Kreisky

"Es fehlt die Aufbruchstimmung"

  • Im Jahr 2011, anlässlich des 100. Geburtstages von Bruno Kreisky hat Politik-Ressortleiter Wolfgang Braun ein ausführliches Interview mit Hannes Androsch geführt. Androsch war Finanzminister in der Ära Kreisky, galt lange als dessen Kronprinz, bis es Ende der 70er zum Bruch kam. Androsch schied 1981 aus der Regierung aus. Im Interview spricht Androsch über sein schwieriges Verhältnis zu  Bruno Kreisky, einen gescheiterten Versöhnungsversuch von Leonard Bernstein und darüber, was von der Ära Kreisky bleibt.

Herr Androsch, Ihr Name wird wie kaum ein anderer mit der Ära Kreisky verbunden. Mit welchem Gefühl blicken Sie heute auf diese Zeit zurück?

Androsch: Bruno Kreisky war 13 Jahre lang Bundeskanzler und konnte während dieser Zeit drei Nationalratswahlen mit absoluter Mehrheit gewinnen. Diese nackten Fakten allein symbolisieren, dass das eine nicht nur lange, sondern auch bedeutende Zeit war. Eine Zeit, in der die Österreicher in einem nie wieder erreichten Ausmaß einverstanden mit der Politik der Regierung waren.

Wo sehen Sie die Gründe für diese Zustimmung?

Weil eine Fülle an Reformen gewagt und umgesetzt wurde, die Österreich moderner, liberaler, sozial gerechter und weltoffener gemacht haben - im Familien- und Frauenrecht, in der Bildung, im Schul- und Universitätsbau. Es waren Jahre, in denen die Prosperität deutlich zugenommen hat. Kreisky hat zudem außenpolitische Akzente gesetzt, die den Österreichern vermittelt haben, dass wir in der Welt gehört werden. Das ist bei den Leuten angekommen. Außerdem hat sich Kreisky ein starkes Team geholt: In die Wahl 1971 ist er auch mit dem Slogan "Kreisky und sein Team" gegangen. Aber das hat sich dann ja geändert. Später hat es geheißen: "Kreisky, wer sonst?". Da wurde dann schon ein egozentrischer Zug sichtbar.

Ein Hang zur Egozentrik war es aber auch, den Kreisky gerade Ihnen immer wieder zum Vorwurf gemacht hat.

Das mag er schon so empfunden haben. Aber er hat sich mit den Jahren verändert, sein Gesundheitszustand wurde schlechter, er ist schwieriger geworden. Da musste man einiges tun, um das auszugleichen. Die anderen Regierungsmitglieder haben akzeptiert, dass das der Finanzminister macht. Damit bin ich emanzipierter geworden. Außerdem habe ich eine Schiene zum damaligen ÖGB-Chef Anton Benya aufgebaut. Das hat Kreisky misstrauisch werden lassen. Da haben sich verschiedene Strömungen negativ addiert, sodass er mich schon 1978 weghaben wollte, sich aber nicht durchsetzen konnte.

Trotzdem galten Sie lange als Kronprinz, waren ab 1976 Vizekanzler. Wann haben Sie gemerkt, dass es einen Bruch gibt?

Ende 1974, Anfang 1975. Es gab damals Debatten wegen einer kurzfristigen Überbrückungsfinanzierung, er hat mich im Regen stehen lassen. Als ihn Journalisten gefragt haben, ob er noch hinter mit stehe, hat er geantwortet: Er stehe neben mir. Ich habe ihn darauf angesprochen, und er hat gesagt, jeder müsse seine Suppe selbst auslöffeln. Das war für mich ein Bruch. Das hat sich am Wahlabend 1975 bei der Feier am Rathausplatz verstärkt. Da wollte er mich nicht reden lassen, obwohl ich einen wesentlichen Teil des Wahlkampfes getragen habe, sodass ich halb im Spaß, halb im Ernst im Herbst 1975 gesagt habe, dass ich mit dem Gedanken spiele, mich aus der Pflicht nehmen zu lassen. Um gegenzusteuern hat er mich zum Vizekanzler gemacht. Es wäre meiner Meinung nach viel gescheiter gewesen, wenn es Hertha Firnberg (Anm. d. Red.: damals Wissenschaftsministerin) geworden wäre, aber da hat Kreisky geantwortet: "Alt bin ich selber." Worauf wieder die Firnberg wütend war und Kreisky im Bundeskanzleramt deutlich die Meinung gesagt hat.

Gab es nie eine Möglichkeit, das Verhältnis wieder zu kitten?

Ein letztes positives Gespräch hatten wir nach den gewonnenen Wahlen 1979. Er war im Spital, und ich habe organisiert, dass die Regierungserklärung im Parlament erst dann gehalten wird, wenn Kreisky wieder aus dem Krankenhaus entlassen wird. Ich habe ihm damals gesagt: Es war deine Wahl, und du hältst die Regierungserklärung. Da war er sehr erleichtert. "Und wie ist das jetzt mit uns beiden?", hat er gefragt. Darauf ich: "Naja, du willst mich weghaben." Darauf hat er geantwortet, davon könne keine Rede sein, die Partei brauche uns beide. Aber nach dem Sommer hat sich das Verhältnis wieder abgekühlt. Ich glaube, ihn hat gestört, dass mich Benya als Hauptredner zum Gewerkschaftskongress eingeladen hat.

Eines von Kreiskys berühmten Zitaten lautet: "Mir bereiten ein paar Milliarden Schilling Schulden weniger schlaflose Nächte als ein paar hunderttausend Arbeitslose." Stimmen Sie diesem Satz zu?

Der Satz ist uneingeschränkt richtig. Kreisky hat erlebt, was eine gegenteilige Politik wirtschaftlich und politisch in den 30er Jahren ausgelöst hat: Hitler wäre nie an die Macht gekommen, wenn die deutsche Wirtschaft floriert hätte. Der Satz stimmt umso mehr, weil wir die Milliarden investiert haben, um das Land zu modernisieren und Werte zu schaffen, die jahrelang nutzbringend zur Verfügung standen bzw. immer noch stehen.

Trotzdem gilt im Rückblick die Wirtschaftspolitik dieser Zeit als Achillesferse.

In den vielen Betrachtungen kommt mir zu kurz, welche Umbrüche es während dieser Zeit gegeben hat - politisch und wirtschaftlich. Darum halte ich diese Argumentation für blanken Unsinn. 1975 erlebten wir den größten Konjunktureinbruch seit Anfang der 50er Jahre. Vor diesem Hintergrund wird unsere Wirtschaftspolitik erst richtig abschätzbar. Im Jahr 1981 lag die Neuverschuldung des Bundes bei nur 2,5 Prozent. In der Ära Kreisky sind Schulden von nicht ganz 30 Milliarden gemacht worden. Unter den folgenden Regierungen sind 220 Milliarden dazugekommen.

Aber bei der Zukunft der Verstaatlichten Industrie oder in Budgetfragen gerieten Sie häufig in Konflikt mit Kreisky.

Es gab damals die Haltung, dass man die Strukturen konservieren könne. Kreisky hätte die beiden Ölkrisen gerne als Schlechtwetterschübe gesehen und nicht als Klimawandel, auf den man sich einstellen musste. Ich war anderer Meinung. In der Verstaatlichten gab es überhaupt eine merkwürdige Vermischung der Rollen: Kreisky war in der Voest so etwas wie der Oberbetriebsrat, Voest-Chef Heribert Apfalter war der Außenhandelsminister, und der Betriebsratschef Ruhaltinger war der eigentliche Generaldirektor. Bei der Finanzierung des Wohlfahrtsstaates ist es zwischen mir und dem Sozialminister zu unterschiedlichen Auffassungen gekommen. Kreisky hat gesagt, in diesem Fall sei er immer auf der Seite des Sozialministers. Diese Haltung hat sich in verstärkter Form bis heute fortgesetzt, und es wird uns noch viel Mühe kosten, das zu korrigieren.

Haben Sie versucht, sich mit Kreisky nach seinem Rückzug aus der Politik auszusöhnen?

Er wollte keine Aussprache. Leonard Bernstein versuchte, eine Versöhnung zu organisieren und hat uns beide 1986 am Jom-Kippur-Tag, dem jüdischen Versöhnungstag, eingeladen. Kreisky hat sich geweigert, worauf Bernstein nie wieder mit ihm geredet hat.

Was bleibt von der Ära Kreisky?

Dass diese Zeit unser gesellschaftliches, politisches und wirtschaftliches Leben in einer Weise geprägt hat, dass die damals mutig erkämpften Reformen und Modernisierungen heute zur Selbstverständlichkeit geworden sind. Jetzt sind uns neue Aufgaben erwachsen, wir müssten die Staatsfinanzen aus der Schieflage befreien. Aber wir haben jetzt seit 20 Jahren Stillstand und versuchen, uns einmal besser, einmal schlechter durchzuwursteln. Es fehlt die Aufbruchstimmung.

Kreisky hat sich mit den Jahren verändert, sein Gesundheitszustand wurde schlechter, er ist schwieriger geworden.

Fred Sinowatz wird 1983 Kanzler  

Chronologie

Chronologie
 

  • 1. März 1970: Die SPÖ wird mit 48,4 Prozent erstmals stärkste Partei. Bruno Kreisky wird am 21. April 1970 Kanzler einer SP-Minderheitsregierung.
     
  • Im Oktober 1971 kommt es zu Neuwahlen: Die SPÖ erreicht mit 50,03 Prozent die absolute Mehrheit, die sie 1975 (50,4 Prozent) und 1979 (51 Prozent) verteidigt.
     
  • Im April 1983 geht ein bereits von einem Nierenleiden gezeichneter Kreisky mit der Ansage in den Wahlkampf, er bleibe nur bei einer Absoluten Kanzler. Diese wird mit 47,6 Prozent verfehlt. Die SPÖ geht in eine Koalition mit der FPÖ, Fred Sinowatz wird Kanzler.
     
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